Heldensinfonie im KZ

von Douglas Davis, October 9, 2008
Wenn das Philharmonische Orchester Wien im kommenden Mai ein Konzert auf dem Gelände des Konzentrationslagers Mauthausen veranstaltet, dürfte damit in Österreich das beginnen, was Kanzler Victor Klima die Konfrontation mit «diesem dunkeln Kapitel unserer Geschichte» nennt. Das Konzert unter der Leitung des britischen Dirigenten Sir Simon Rattle soll am 5. Mai stattfinden, dem Jahrestag der Befreiung des Lagers, in dem rund 100 000 Juden, Zigeuner und Homosexuelle umgebracht wurden.
Musik zur Befreiung in Mauthausen: Dirigent Simon Rattle spielt mit den Wiener Philharmonikern nächstes Jahr im ehemaligen KZ. - Foto Reuters

Auf einige Kritik stösst allerdings der Beschluss der Philharmoniker, das Konzert mit Beethovens Neunter zu beginnen, einer Symphonie, die während des 3. Reichs als Prunkstück des teutonischen Triumphes gegolten hatte. Diese Taktlosigkeit sei dazu angetan, historische Wunden noch zu vertiefen. Andere dagegen sehen über die musikalische Auswahl hinweg und stellen mit Erleichterung fest, dass Österreich jetzt endlich beginnt, sich mit seiner Vergangenheit auseinanderzusetzen. Die Zwangsvertreibungen und Massenmorde im Kosovo nur wenige hundert Kilometer Donau-flussabwärts sowie die wachsende Unterstützung für eine rechtsextreme Partei im eigenen Hause waren es, welche die österreichische Regierung veranlassten, das Konzert zu organisieren. Damit soll die Jugend auf die Gefahren des Rassismus aufmerksam gemacht und gleichzeitig dem Andenken an die Opfer des Holocaust ein Tribut gezollt werden. «Wir wollen dieses dunkle Kapitel unserer Geschichte nicht länger unter den Teppich kehren», sagte Klima, der den 5. Mai zum jährlichen «Tag der Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus» erklärt hat. Manche fragen sich, warum ausgerechnet die 157 Jahre alte Wiener Philharmonie den Auftrag erhielt, diesen Akt der Reue zu vollziehen, nachdem Mitglieder des Orchesters 1938 in Passivität verharrten, als die jüdischen Kollegen ausgeschlossen wurden. Sechs von ihnen wurden später im KZ vergast. Beobachter der Wiener Kulturszene erinnern auch an die Gleichgültigkeit, welche das Orchester Österreichs der Nazi-Vergangenheit gegenüber stets demonstriert hatte. Als etwa der neun Jahre zuvor geflohene jüdische Dirigent Bruno Walter 1947 zurückkehrte, wurde dies vom Orchester nicht etwa als grosszügige Geste eines grosszügigen Juden interpretiert, sondern als Zeichen dafür, dass alles vergeben und vergessen sei.

JTA