Helden, Reformer, Diktatoren

Von Helmut Mejcher, June 3, 2011
Der arabische Nahe Osten im 20. Jahrhundert. Der Historiker Helmut Mejcher
zu Einschnitten und Strukturen.

In der arabischen Welt war bereits vor über 20 Jahren eine Krise der politischen Kultur erkennbar, die sich nun in Demonstrationen gegen autoritäre Regimes entlädt. Diese Entwicklung geht auf sozioökonomische und soziokulturelle Verschiebungen zu Beginn des letzten Jahrhunderts zurück, die im Folgenden knapp umrissen werden sollen. Dabei war das Verhältnis zwischen den nahöstlichen Gesellschaften und ihren jeweiligen Machthabern stets auch äusseren Einflüssen unterworfen, also der globalen Wirtschaftsentwicklung und der internationalen Politik. Dank der unablässigen Ausweitung des kapitalistischen Systems teilen daher selbst spezifische Entwicklungen im arabischen Raum Gemeinsamkeiten mit der übrigen Welt.
Vor diesem Hintergrund lassen sich in der arabischen Geschichte des 20. Jahrhunderts drei grundlegende Prozesse erkennen:

1. Die Formation von Nationalstaaten, die auch Staaten ohne Nation wie Sudan oder Libanon hervorbrachte.
2. Die Herausbildung gesellschaftlicher Klassen, vor allem einer Mittelschicht.
3. Die Suche nach legitimen Formen politischer Macht in den neuen Staaten.

Da diese Prozesse in jedem arabischen Land unauflösbar mit der internationalen Politik sowie mit regionalen Kräften und Allianzen verknüpft sind, zeigt sich die arabische Welt im 20. Jahrhundert als ausserordentlich komplex und polizentrisch. Im Gegensatz dazu erscheint die Region im 19. Jahrhundert als eine bipolare, die sich von Istanbul oder von Kairo her verstehen lässt. Dennoch kann der Nahe Osten des 20. Jahrhunderts in drei grosse Schauplätze aufgegliedert werden: den Fruchtbaren Halbmond, die Arabische Halbinsel und das Niltal.
Aus der Kombination der genannten drei Prozesse und der drei Zentren ergibt sich eine Periodisierung der arabischen Geschichte nach 1900 in drei Epochen:Erstens das heroische Zeitalter der arabischen Nationalbewegung, dem die Ära der Massenbewegungen und Ideologien folgt, die schliesslich von einer autoritären Herrschaft von Militärs und Technokraten abgelöst wird.

Heroisches Zeitalter der arabischen Nationalbewegung

Diese Epoche umfasst die Jahre von 1900 bis zur Weltwirtschaftskrise um 1930. Der Begriff «heroisch» ist angesichts der gewaltigen Hürden adäquat, die dem arabischen Willen zur Selbstbehauptung mit der autokratischen Herrschaft der Jungtürken und den imperialen Interessen Frankreichs und Grossbritanniens nach der Aufteilung des Osmanischen Reiches entgegenstanden. «Heroisch» bezieht sich zudem auf «grosse Persönlichkeiten» wie die haschemitischen Könige, arabisch-osmanische Offiziere, Abd al-Aziz Al Saud auf der Arabischen Halbinsel und Sa‘d Zaghlul im Niltal.
Bis zur Niederlage des Osmanischen Reiches im Ersten Weltkrieg wurde die arabische Welt von historischen Beziehungen und Migrationsbewegungen dominiert, die in süd-nördlicher Richtung verliefen. Wirtschaftliche und imperiale Interessen der Briten und Franzosen führten nach 1918 jedoch zu einer Drehung dieser Achse um 90 Grad in west-östliche Richtung. So haben britische Interventionen die uralten Verbindungen zwischen dem Fruchtbaren Halbmond und Ägypten durch die Bildung der haschemitischen Königreiche in Jordanien und Irak ebenso unterbrochen, wie durch die Etablierung einer nationalen Heimstätte für die Juden nach zionistischen Vorstellungen in Palästina. Der Fruchtbare Halbmond, besonders aber Gross-Syrien, wurde einer westlich-imperialen Politik des «Teilens und Herrschens» unterworfen, aus der zahlreiche Kriege und Konflikte hervorgehen sollten. Diese Balkanisierung fand just zu einem Zeitpunkt statt, an dem Welthandel und Industrialisierung nach grösseren staatlichen Einheiten verlangten. Zudem erschien die Auflösung des Osmanischen Reiches in kleinere Staaten beziehungsweise Mandate unter britischer und französischer Herrschaft (Syrien und der heutige Libanon) gegenüber der Entwicklung transnationaler Institutionen wie dem Völkerbund als anachronistisch.
Auf der Arabischen Halbinsel nahm die Staatenbildung andere Wege. Hier konnte Abd al-Aziz Al Saud seine dynastischen Ambitionen mit dem religiösen Eifer des Wahabitentums und der Kriegergemeinschaft der «Ikhwan» in einem Prozess der Expansion und Integration vereinen, der bis 1932 zur Gründung eines Königreiches führen sollte. Derweil scheiterten die Integrationsvorhaben des syrischen Nationalkongresses und der Haschemiten im Fruchtbaren Halbmond am Widerstand der Briten und Franzosen. Im Niltal betrieben einheimische Kräfte wie die Urabi-Bewegung seit den 1880er Jahren nationale Projekte, die nach 1918 von der Wafd-Partei und patriotischen Teilen der Bourgeoisie fortgeführt wurden. Doch auch hier hat die britische Methode des «Teilens und Herrschens» die Bildung eines den Sudan und Ägypten umfassenden Staates verhindert.
Auch die Herausbildung sozialer Klassen hat in den drei Zentren der arabischen Welt verschiedene Formen angenommen. Im Fruchtbaren Halbmond hatten lokale Kaufleute und Grossgrundbesitzer bereits um 1900 begonnen, die osmanisch-arabischen Verwaltungseliten zu ersetzen. Dieser Prozess wurde durch das Vordringen europäischer Wirtschaftsinteressen im Nahen Osten, das Wachstum von Küstenmetropolen und Landreformen etwa in Mesopotamien gefördert. Im Niltal entstand rund um die Misr-Bank eine neue Elite, die sich für die Entwicklung einer auf indigene Geldhäuser und Industrien gestützten Nationalwirtschaft einsetzte. Auf der Arabischen Halbinsel brachte Ibn Saud durch Abmachungen mit den Stämmen und seine Ansiedlungspolitik neue Schichtungsprozesse in Gang. Was die Suche nach politischer Legitimität angeht, so wiesen haschemitische Versuche, ein neues, arabisches Kalifat aufzurichten, in andere Richtungen als die föderalen Vorstellungen des in Libanon geborenen Intellektuellen Raschid Rida oder die strikten, islamischen Grundsätze Ibn Sauds. Eine andere Spielart einer auf den Islam gegründeten Staatsphilosophie wurde ab 1928 in Ägypten von den Muslimbrüdern und der sogenannten Muslimischen Gesellschaft junger Männer entwickelt.

Ära der Massenbewegungen und Ideologien

Mit Blick auf den Nasserismus in Ägypten liesse sich behaupten, dass das «heroische Zeitalter» der arabischen Welt bis in die 1970er Jahre anhielt. Doch trotz zahlreicher Überlappungen traten im Zuge der Weltwirtschaftskrise schon um 1930 neue Kräfte auf den Plan, die bis Mitte der 1960er Jahre eine bedeutsame Rolle in der Region spielen sollten. Der durch die grosse Depression ausgelöste Preisverfall für Getreide, Baumwolle, Datteln und Oliven sowie das Wegbrechen von Krediten warf die Landbevölkerungen schlagartig in eine verheerende Armut. Sie reagierte mit einer Abwanderung in die Städte, wo sich ein urbanes Proletariat und Protestbewegungen bildeten. Gleichzeitig gerieten die Textilindustrien in Syrien-Libanon und in Irak unter den massiven Druck japanischer Exporte. So waren Streiks von Textil-, Transport- und Hafenarbeitern im Fruchtbaren Halbmond bald an der Tagesordnung. Aufgrund der europäischen Mandatsherrschaft dort konnte sich nur das zumindest nominell unabhängige Ägypten mit Schutzzöllen gegen ausländisches Preis-Dumping wehren.
Auf der Arabischen Halbinsel führte die Depression zu einem dramatischen Rückgang der Pilgerzahlen vor allem aus Indien und Indonesien. Vor diesem Hintergrund bereiste Kronprinz Faisal europäische Hauptstädte, um dringend benötigte Kredite auszuhandeln. Während der Aufstand der Ikhwan-Krieger gegen Ibn Saud (1930) auch auf die leeren Kassen des Herrschers zurückging, gewannen in Ägypten und in Irak sozialistische Bewegungen Zulauf. Neben der Radikalisierung der Arbeiterschaft gewannen am Nil auch die Muslimbrüder an Einfluss. Zwischen beiden Gruppen brachen rasch gravierende Konflikte auf. In Irak entstand die Ahali-Gruppe, die einen islamischen Sozialismus neuer Prägung vertrat und Mitte der 1930er Jahre erste Allianzen mit putschenden Offizieren einging, die sich als zukunftsweisend entpuppen sollten. Zusammenfassend lässt sich hier ein neuer Gegensatz zwischen den «arbeitenden Massen» und neuen Bourgeoisien sowie staatlichen Eliten feststellen.
Diese Kluft hat sich bis in die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg weiter vertieft. Der Krieg hatte Gutsbesitzer und Industrielle in der Region reich gemacht, während die Masse der Bevölkerungen unter rasant steigenden Lebenshaltungskosten litt. Proteste dagegen waren nun angesichts der Zwangsbewirtschaftung der Region durch die Westalliierten kaum mehr möglich. Der weit verbreitete Zorn über die elenden Bedingen konnte sich erst in der Nachkriegszeit entladen und hat beginnend mit dem Umsturz vom Juli 1952 in Ägypten eine neue Ära der Revolutionen eingeläutet. 
Da die Depression und die Kriegsjahre keine neuen und soliden politischen Strukturen in der Region hervorgebracht hatten, breiteten sich nun Ideologien wie marxistische und islamische Spielarten des Sozialismus oder der arabisch-nationalistische Baathismus aus. Diese füllten die vom Fehlen eines neuen «Gesellschaftsvertrages» aufgerissene Lücke aus und dienten den neuen, autoritären Regimes zur Disziplinierung der Massen. Auch die Rivalität zwischen dem Baathismus und dem Nasserismus in den 1950er und 1960er Jahren (der «arabische Kalte Krieg») war ein Produkt der ungelösten sozialen und nationalen Fragen in arabischen Staaten. Dabei spiegelt der Pan-Arabismus Nassers auch das spezifisch ägyptische Dilemma einer Modernisierung ohne wirtschaftliches Wachstum wieder. In anderen Worten: Ägypten konnte sich als Antwort auf seine Bevölkerungsexplosion nur eine expansive Aussenpolitik vorstellen.

Militärs und Technokraten

Darüber hinaus haben die Massenbewegungen und Ideologien dieser Epoche nicht zu einer Teilhabe der neuen sozialen Schichten an der staatlichen Macht etwa aufgrund einer verfassungsrechtlichen Ordnung geführt. Paradoxerweise haben dazu auch die imperialen Demokratien des Westens beigetragen, allen voran die USA. Washington hat die Herrschaft militärischer Eliten in Nahost nach 1945 aus drei Gründen gefördert:
Um die Briten zu ersetzen, die sich auf traditionelle Eliten wie Scheichs und haschemitische Emire gestützt hatten, bedurften die USA eigener Klienten. Die «Containment»-Politik gegenüber der Sowjetunion führte zu einer konterrevolutionären Strategie, die parteipolitische Reformeiferer unter Kommunismusverdacht stellte.
Stattdessen bevorzugten die USA das von Atatürk eingeführte Modell der «wohlwollenden Diktatur». Es verband Modernisierung, Patriotismus und Stabilität. Auf Washingtons Favoritenliste standen freie Offiziere wie der Syrer Husni Zaim, der Libanese Fuad Shihab, anfänglich auch der Ägypter Gamal Abdel Nasser und der Iraker Abd al-Karim Qasim. Sogar dem saudischen Kronprinzen und späteren König Faisal, der in den 1930er Jahren eine Militärexpedition in den Jemen erfolgreich angeführt hatte, wurden in den Wirren um die Nachfolge König Sauds 1964 von amerikanischer Seite Reformqualitäten Atatürks nachgesagt. 
So gingen aus der Ära der ideologisch aufgeputschten Massenbewegungen und halbherzigen Sozial- und Wirtschaftsreformen autoritäre Regimes hervor, an deren Schalthebel Militärs, Technokraten und mit Staatssicherheit und Herrschaftssicherung befasste Inlandgeheimdienste und Propagandaabteilungen sitzen. Seit den 1970er Jahren sind diese zu Diktaturen mutierten Regimes stärker als zuvor mit Legitimationsproblemen konfrontiert, die sowohl gemeinsame als auch von Land zu Land unterschiedliche Ursprünge und Rahmenbedingungen aufweisen. Diese sind hochaktuell, weil sie Erklärungen für den Verlauf des «arabischen Frühlings» liefern, der als epochaler Umbruch in die Geschichte des Nahen Osten eingehen mag.
Zu den Gemeinsamkeiten gehören: totaler Legitimationsverlust der Autokratien infolge von Misswirtschaft, Korruption, Personenkult, Dialogverweigerung gegenüber gesellschaftlichen und auch islamischen Reformkräften, Brutalisierung des Herrschaftsapparats, militärisches und politisches Versagen im Nahostkonflikt.
Das Atatürk-Modell «wohlwollender Diktatur» ist gleichsam pervertiert worden. Das syrische Regime hat sich lange Jahre von den Ölökonomien auf der Arabischen Halbinsel alimentieren lassen und einen Gesellschaftsvertrag im eigenen Land hintenan gestellt. Es konnte verlustreiche Kriege mit Israel hinnehmen, weil wegen der garantierten Wiederaufrüstung durch den Ostblock kein schmachvolles Friedensdiktat drohte. Seit dem Fortfall dieser Garantie bevorzugt das Regime den Friedensprozess als langfristig angelegte Strategie eines Krieges ohne Waffen – bei gleichzeitiger Anlehnung an Iran. Weil das alawitische Minderheits-¬Regime bei substanziellen Reformen zwangsläufig alle Macht verlieren würde, verfestigt es seinen «tribalen» Kern – wie es auch Saddam Hussein in Irak tat. Ghadhafi musste in Libyen nicht alimentiert werden, sondern er schraubte stattdessen die Ölpreisspirale höher und höher, um andere zu alimentieren und seinem Grössenwahn zu frönen. Er ersann die Republik der Volksmassen, um die Machtstrukturen der Stammesgesellschaft zu brechen. Im Angesicht seines drohenden Endes zieht auch er sich auf seinen tribalen Kern zurück, arrangiert Huldigungen durch Stammesführer wie ein primus inter pares – und lässt die Massen sterben.
Betrachtet man die für die Nachfolge auserkorenen Söhne der Despoten, die fast ausnahmslos – akademisch dekoriert – im Businessanzug verkehren und zu erstaunlichem Reichtum gelangt sind, so hat sich wohl das Atatürk-Modell endgültig von selbst erledigt. Eine Signalwirkung auf die jetzt furchtlosen Träger und Trägerinnen des «arabischen Frühlings» ist nicht auszuschliessen. Wird es am Ende ein Erdogan-Modell in der arabischen Welt geben? Dieses beinhaltet eine mittelständische Unternehmerschicht, die Berücksichtigung von Traditionen einer muslimischen (nicht islamistischen) Lebensweise, eine souveräne regionale Rolle türkischer Ordnungspolitik im Schnittfeld nahöstlicher-europäischer Interessen vor allem im Mittelmeerraum. Sein Vorteil wäre, dass es zumindest nicht im Westen erfunden wurde.    ●

Helmut Mejcher ist Professor emeritus für Nahostgeschichte in Hamburg. Zu seinen bekanntesten Veröffentlichungen zählen «Die Politik und das Öl im Nahen Osten», «Sinai, 5. Juni 1967» und «The Struggle for a New Middle East in the 20th Century». Jüngst erschien «Franz Frederik Schmidt-Dumont. Von Altona nach Ankara. Ein hanseatisches Leben im Vorderen Orient (1882–1952)».