Heinrich Ungar s.A.
Wie ein Lauffeuer verbreitete sich vergangene Woche die Nachricht vom Tode unseres Freundes Heinrich Ungar, Chaim ben Mordechai sl. Wohl wussten wir um seine angeschlagene Gesundheit, doch als er in jüngster Zeit doch wieder sporadisch zur Tefila in «seine» so geliebte Synagoge kam, hatten wir Grund zur Hoffnung. Nun hat es der Allmächtige anders beschlossen.
Heinrich Ungar wurde vor 80 Jahren in Wien geboren. Diese Jugend innerhalb einer der damals grössten und blühendsten jüdischen Gemeinden Europas, zusammen mit seiner Verbundenheit zu seinen Vorfahren aus Eisenstadt, haben sein Leben tief geprägt, auch wenn die Erinnerungen an den Nazi-Terror keine guten waren. Auf wundersame Weise gelang ihm 1938 die Flucht in die Schweiz, wo er zuerst in Arbeitslagern, dann während einer Lehre und schliesslich als Reisender harte Zeiten durchzustehen hatte. Im Jahre 1944 heiratete er Claire Abisch, die ihm zur wahren «Eschet Chajil» werden sollte. Dem Ehepaar Ungar wurden 3 Kinder geschenkt.
Vor etwa 50 Jahren trat Heinrich Ungar als Mitarbeiter der seinem Schwiegervater gehörenden «Jüdischen Rundschau» bei, deren Entwicklung zu einer weit verbreiteten jüdischen Wochenzeitung er als Geschäftsführer und Mitarbeiter entscheidend beeinflusste. Mit unserer Gemeinde, der IRG Basel, war er von Anfang an zutiefst verwurzelt. Sein konstanter Besuch der Synagoge, seine regelmässige Beteiligung an den Schiurim und seine überaus grosszügige finanzielle Unterstützung kennzeichneten die innere Verbundenheit und Solidarität zu unserer Kehilla. Wenn wir täglich im Schma-Gebet aussprechen: Liebe Deinen Gott mit Deinem ganzen «Herzen», mit Deiner ganzen «Seele» und Deinem ganzen «Vermögen», so hat uns dies Heinrich Ungar im edelsten Sinne des Wortes vorgelebt. Unter «Dienst des Herzens» ist, wie unsere Weisen sagen, das Gebet gemeint. Es gab keine Tefila, wo der Verstorbene nicht mindestens schon eine halbe Stunde vor Beginn zugegen war. Kein profanes Gespräch kam während des Gottesdienstes über seine Lippen, einzig seine Synagogen-Mitbesucher musste er gelegentlich unmissverständlich zur Ruhe mahnen.
Heinrich Ungar war auch bereit und fähig ein Stück «Seele», ein Stück Leben und Gesundheit für Jüdischkeit wegzugeben. Keine körperliche Anstrengung war ihm in den letzten Monaten zu viel, um an der Tefila oder am «Daf Hajomi» teilzunehmen. Mit letzter Kraft raffte er sich auf, denn diese innere Freude, dort wo er sein eigentliches Lebensziel sah, liess er sich nicht nehmen. Und schliesslich diente er Gott und Seinen Menschen mit ganzem «Vermögen». Er war ein «Baal Zedaka» von ausserordentlichem Format, der vor allem unsere Gemeinde, aber weit darüber hinaus auch viele Institutionen und Bedürftige grossherzig bedachte. Ich war mehr als einmal im Büro, um meine Bitte für einen Bedürftigen oder Kranken vorzutragen. Ohne Ausnahme wurde ich von Herrn und Frau Ungar freundlich empfangen, geduldig angehört und anschliessend grosszügig bedacht.
Während fast 40 Jahren liess er es sich nicht nehmen, das «Jajin leKidusch» der IRG am Hoschana Rabba zu ersteigern. Die jeweils hohe, fünfstellige Summe, die er bereit war hierfür auszugeben, zeugen von seiner Wertschätzung und Liebe zu dieser Mizwa.
Heinrich Ungar hatte viel Freude in beiden Jüdischen Gemeinden Basels, wo er auch über Jahrzehnte Mitglied der Chewra Kadische warWas mich immer von neuem beeindruckte, war neben seinem gutherzigen Charakter auch seine Ehrlichkeit und Offenheit. Er sagte was er dachte, unverblümt und manchmal auch etwas heftig, aber immer korrekt und sachlich. Es gab nichts, aber auch gar nichts Unehrliches in seinem Leben. Leider wurden dem 1. Niftar Leiden und Prüfungen nicht erspart. Dank seinem Gottvertrauen und mit Hilfe seiner lieben Frau hat er all dies meisterhaft, in grosser Demut vor Haschem getragen und ertragen. Seine Eschet Chajil, eine kluge, tüchtige und tapfere Frau, war für ihn alles. Sie war es, die ihm immer wieder Kraft gab, Rückhalt bot und Mut zusprach. Sie war es aber auch, die ihm zeigte und lehrte, das Schöne in seinem Leben, die Entwicklung und das Gedeihen der Enkelkinder, die ausgiebigen Reisen nach Israel etc. zu erleben und zu geniessen.
Mit Heinrich Ungar, Chajim ben Mordechai, verlieren wir den letzten einer Generation, die den Aufbau und die Entwicklung unserer Gemeinde miterlebt und mitgestaltet haben. Wir verlieren einen grossen Gönner, einen Menschen von beispielhafter Treue zu unserer Gemeinde und einen nie müde werdenden Mahner.
Es ist unsere Pflicht, jetzt, wo unsere Gemeinde in den letzten Jahren leider kleiner geworden ist, uns noch enger aneinander zu schliessen, um in konsequenter Treue zu unserer Kehille diese Ideale hochzuhalten, die unserem 1. Niftar so teuer waren. Dies wird das schönste Andenken sein, das wir unserem unvergesslichen Freund Chajim ben Mordechai sl. bewahren können. Jehi Sichro Baruch.
im Namen der IRG Basel
Salomon Goldschmidt