Heinrich Heine und die Romantik
Von Irene Armbruster
Heinrich Heine wurde in Düsseldorf am Rhein geboren. Das erklärt manches, aber nicht alles. Ausgerechnet er, den die Deutschen mit Zensur, Schikane und Antisemitismus aus dem Land trieben, schrieb 1823 der Deutschen liebstes Loreley-Gedicht: «Ich weiss nicht, was soll es bedeuten …».
Friedrich Silcher, ein Schwabe und Musikdirektor der Universität Tübingen, vertonte 1838 das Gedicht und nahm es in seine extrem erfolgreiche Volksliedsammlung für Gesangsvereine auf. Er wollte damit Alternativen zu den beliebten «Zotenliedern» schaffen, sah sich aber auch den Zielen des Pädagogen Heinrich Pestalozzi verpflichtet und war liberalen Ideen gegenüber sehr offen. Mit grossem Unwillen nahm er wahr, dass seine strenge Komposition immer mehr verkitscht und schliesslich ein Teil des deutschen Nationalmythos’ rund um den Rhein wurde.
Daran hatte zumindest in den zwanziger und dreissiger Jahren des 20. Jahrhunderts der Sänger und «Belcanto-König» Richard Tauber seinen Anteil. Wenn man sich heute die Aufnahme des Loreley-Liedes von 1929 auf «youtube» anhört, dringen einem Wellen des Mitleids und des Mitgefühls mit der betörenden Blonden ins Ohr. Richard Tauber war ein Superstar der Oper und Operette und ein enger Freund von Franz Lehár, der ihm viele Erfolge auf den Leib komponierte. Nach dem «Anschluss» Österreichs emigrierte er nach Grossbritannien, wo er seine Karriere nahtlos fortsetzte. Als Sohn eines jüdischen Schauspielers war er vorher von der SS verprügelt und diffamiert worden.
Instrumente der Romantik
Die Identifikation mit einem deutschen Mythos zahlte sich für Tauber nicht aus – und auch nicht für die vielen bildungsbürgerlichen Juden des Kaiserreichs und der Weimarer Republik, zu deren Kanon sowohl das Lied als auch das Gedicht gehörte. Die leise Distanzierung und die Ironie der Zeilen Heinrich Heines wurden nur von wenigen wahrgenommen. Meist wunderte man sich einfach nur, dass der Spötter, der scharfzüngige Journalist und Exilant, eine solche romantische Phase gehabt haben soll und stellte einen direkten Bezug zu der unglücklichen Liebe zu seiner Cousine Amalie her. Die Geschichte schien ja recht einfach: Loreley sieht mit ihrem langen blonden Haar verführerisch aus, sie hat eine betörende Stimme, sie singt melancholische Lieder, sie sitzt auf einem Felsen an einem Fluss, der zu Zeiten Heines echten Kultstatus hatte und sie wird Schiffern zum Verhängnis. Sie wurde selbst verlassen und rächt sich nun an anderen Männern. Die Wurzeln der Loreley-Tragödie sind aber nicht, wie es Clemens Brentano uns weismachen wollte, mittelalterliche Sagen. Er erfand sie selbst um 1800. Danach entbrannte ein jahrzehntelanger Streit unter Germanisten um die Frage, ob es nicht doch Vorläufer gäbe. Die Romantiker des 19. Jahrhunderts konnten ein solch junges Kunstprodukt schlecht aushalten. Heinrich Heine war von dieser Romantik ebenfalls geprägt, aber dennoch ist seine Loreley kein romantisches Gedicht, auch wenn Männergesangvereine, national denkende Lehrer und Journalisten es bis ins 20. Jahrhundert hinein so interpretierten. Heine kannte die Instrumente der Romantik: die Liebe zu Märchen und Sagen, die ausführlichen Naturbeschreibungen, das Kreisen um Wunderbares und Geheimnisvolles und die Leidenschaft
für symbolische Orte. Schliesslich hörte er als Student in Bonn einen der berühmtesten Protagonisten: August Wilhelm Schlegel. Und er war selbst nicht frei von einem starken Gefühl dem Fluss seiner Kindheit gegenüber. Als im 19. Jahrhundert der Sänger- und Poetenkrieg zwischen Deutschland und Frankreich, wem den der Rhein nun gehöre, immer lauter und absurder wurde, schrieb Heinrich Heine aus dem französischen Exil im Vorwort zum «Wintermärchen»: «Seyd ruhig, ich werde den Rhein nimmermehr den Franzosen abtreten, schon aus dem ganz einfachen Grunde: weil mir der Rhein gehört.» Heine kritisierte die mythisierende Nationalisierung des Rheines und aller Figuren und Elemente, die dazu gehörten, aber er liess sich seine Verbundenheit zu einer ihn prägenden Landschaft nicht nehmen.
Blick auf Probleme trüben
In seinem Gedicht «Loreley» wird das vielleicht am deutlichsten: Heine greift Elemente der Romantik auf, beschreibt die Landschaft und die Sängerin, aber die Art und Weise, wie er sie anordnet, zeigt, dass ihm in jedem Moment klar war, wie es der Germanist Peter Lentwojt formulierte: «… dass eine durchaus liebe Weltsicht mit den Gegebenheiten der realen Welt nicht mehr vereinbar war». Diese Trauer drückt sich schon im ersten Satz des Gedichtes aus: «Ich weiss nicht, was soll es bedeuten, dass ich so traurig bin …». Seine Distanz wächst im Laufe der Strophen, und am Ende ist er sich nicht einmal mehr sicher, ob der Gesang der Loreley wirklich die Kähne auf den Grund zieht. Rund zehn Jahre später wird Heine die deutsche Romantik explizit kritisieren, ihr vorwerfen, dass sie nur ein «heiles, christliches Mittelalter» beschwören wollte, was es so nie gab und den Blick auf aktuelle Probleme trübe. Diesem Leben im Mittelalter am Rhein hatte er eine leider nur als Fragment überlieferte Erzählung gewidmet: «Der Rabbi von Bacherach». Sie schildert eindrücklich die Leiden der Juden am Rhein im Spätmittelalter.
Der grosse Erfolg – wirtschaftlich und in den Feuilletons – war aber die Gedichtsammlung «Buch der Lieder», die das Loreley-Gedicht mit einschloss. Bis zu seinem Tod erschienen 13 Auflagen, auch weil Heine, wie Marcel Reich-Ranicki in seinem Heine-Kanon umschreibt, «der erste grosse deutsche Poet war, der nicht nur gelegentlich humorvolle Gedichte schrieb, der es vielmehr wagte – und das war damals ein Wagnis –, den Humor zur selbstverständlichen Komponente seiner literarischen und journalistischen Texte zu machen».
So gesehen hätte Heinrich Heine das Gedicht von Erich Kästner geliebt, dass dieser im 20. Jahrhundert über die Loreley schrieb:
Die Loreley, bekannt als Fee und Felsen, ist jener Fleck am Rhein, nicht weit von Bingen, wo früher Schiffer mit verdrehten Hälsen, von blonden Haaren schwärmend, untergingen. Wir wandeln uns. Die Schiffer inbegriffen. Der Rhein ist reguliert und eingedämmt. Die Zeit vergeht. Man stirbt nicht mehr beim Schiffen, nur weil ein blondes Weib sich dauernd kämmt.
Irene Armbruster war Leiterin des Berliner Büros des aufbau. Sie lebt nun in Stuttgart und arbeitet als feste Autorin für das Blatt.