Heimliche Wohnungssuche in Galiläa

Von Jacques Ungar , January 21, 2011
Politisch mögen die 1981 von Jerusalem annektierten Golanhöhen an der Waffenstillstandslinie zwischen Israel und Syrien viel Explosions- und Gesprächsstoff bieten, doch dank der relativ dünnen Besiedlung kommen Israeli und Drusen ohne grössere Reibungen aneinander vorbei. Für die Einhaltung der Waffenruhe sorgen seit 1974 die Soldaten der United Nations Disengagement Observer Force. – Jacques Ungar sah sich für tachles auf dem Golan um.
FAST UNSICHTBAR Die israelischen Besatzungstruppen auf dem Golan machen sich kaum bemerkbar, doch sie existieren sehr wohl – das Bild zeigt eine IDF-Beobachtungsstation in Majdal Shams unmittelbar gegenüber von syrischem Gebiet

Offiziell vertreten die rund 18 000 Drusen auf den 1860 Quadratkilometer umfassenden Golanhöhen alle die gleiche Linie: Man sei syrisch und erwarte sehnlichst die Rückkehr in den Schoss der Heimat im Rahmen eines Friedensabkommens zwischen Damaskus und Jerusalem. Hinter vorgehaltener Hand lassen oft die Scheichs und politischen Offiziellen aber durchsickern, dass nicht wenige Bewohner des Golans, vor allem Vertreter der jüngeren Generation, insgeheim bereits in den Drusendörfern Galiläas nach Häusern und Wohnungen Ausschau halten, damit sie im Falle einer Rückkehr der Syrer problemlos die Fronten wechseln können.

«Clevere Besetzung»

Gemäss der letzten Volkszählung von 2008 besitzen heute 664 Golan-Drusen die israelische Staatsbürgerschaft, Söhne und Enkel der ursprünglichen Akzeptierten eingerechnet. Diese Leute wurden anfangs religiös und gesellschaftlich boykottiert. Praktisch heisst das, falls sie dem religiösen Teil der Drusen angehörten, wurden sie aus diesem Teil «ausgestossen», und falls sie nicht religiös waren, wurde ihnen die Möglichkeit verwehrt, sich diesem Teil anzuschliessen. Dieses Prozedere ist recht kompliziert und steht nicht jedem offen. Zudem beteiligt man sich weder an Hochzeiten noch an Beerdigungen der derart Geächteten. Shefaa Abu Jabal aus Majdal Shams, der mit 10 000 Einwohnern grössten Drusen-Ortschaft auf dem Golan, meint dazu: «Wegen der wachsenden Bevölkerung und der sich wandelnden gesellschaftlichen Dynamik werden Söhne und Enkel von Personen, die die israelische Bürgerschaft akzeptiert hatten, heute nicht mehr boykottiert.» Die Gemeinde sollte vermeiden, diese Leute zu vernachlässigen und letzten Endes zu verlieren. Abu Jabal arbeitet als PR-Koordinatorin in der einzigen NGO auf dem Golan. Sie bezeichnet sich als Menschenrechtsaktivistin. Wegen der oft grossen Distanzen zwischen den drusischen und jüdischen Bevölkerungskonzentrationen – in 32 Siedlungen und Ortschaften leben rund 22 000 Israeli, die Tendenz ist steigend – kommt es kaum zu Reibereien, die Beziehungen sind in der Regel korrekt oder sogar gut, und im Gegensatz zur Lage in der Westbank stellt die Arbeit der Drusen für israelische Arbeitgeber kein Problem dar. Abu Jabal bezeichnet die Besetzung als «clever». Abgesehen von Demonstrationen an spezifischen Gedenktagen seien israelische Sicherheitskräfte kaum sicht- und spürbar.

Minen und Wasser

Rund 200 Drusen aus dem Golan studieren jedes Jahr an syrischen Universitäten. Das hat zur Folge, dass es auf den Hügeln heute mehrere hundert studierte Ärzte, Juristen und Pharmazeuten gibt. Nicht alle finden Arbeit auf dem Golan oder in Israel und müssen daher versuchen, ihren Lebensunterhalt im Ausland zu verdienen. Abu Jabal: «Vor 1967 wohnten auf dem Golan rund 130 000 Menschen. 95 Prozent wurden gezwungen, ihre Ortschaften zu verlassen.» Als das gravierendste humanitäre Problem nennt Abu Jabal heute die rund zwei Millionen von 76 Feldern nicht geräumten Landminen. «Die Israeli sagen, sie seien nicht zuständig dafür, während die Syrer geltend machen, keinen Zugang zu den Minenfeldern zu haben.» 15 Menschen sollen bisher bei Minenexplosionen ums Leben gekommen sein, ungleich viel mehr haben Verletzungen erlitten. Als weitere Schwierigkeit aus Sicht der Drusen weist Shefaa Abu Jabal auf die «ungerechte Wasserverteilung» hin. Die Drusen auf dem Golan würden nur 25 Prozent
des Wasservorkommens kontrollieren, die Siedler dagegen 75 Prozent. «Die Siedler bekommen dreimal mehr Wasser als ihnen aufgrund der Zusammensetzung der Bevölkerung zustehen würde.»

Yehuda Harel

Eine schillernde Person unter den Golan-Siedlern ist Yehuda Harel. 1934 in Berlin geboren, wanderte er als Einjähriger mit seinen Eltern ins damalige Palästina ein. Nach 18 Jahren im Kibbuz Manara in Galiläa liess Harel sich auf dem Golan nieder, wo er bis heute in Merom Hagolan wohnt. Zu seiner politischen Karriere zählen einige Jahre als persönlicher Assistent Itzhak Rabins ebenso wie ein kurzer Aufenthalt in der Knesset (1996–1999) als Abgeordneter der von ihm mit begründeten, heute nicht mehr existierenden Partei Dritter Wege. Als Sekretär des Komittees der Golan-Siedlungen war er massgeblich am Aufbau der heute 33 jüdischen Orte und Siedlungen auf den Hügelzügen beteiligt und er engagiert sich bis heute an Protesten gegen einen möglichen israelischen Rückzug von diesen. Sein recht kurzer parlamentarischer Abstecher war für Harel «mehr als genug», und heute gibt er sich als fast 80-Jähriger auch bezüglich der Friedenschancen mit Syrien eher abgeklärt und philosophisch: «Das lässt sich kaum prophezeien, und im Alltag sprechen wir auf dem Golan vor allem über Themen wie Wirtschaft, Erziehung oder Familie, aber weniger über die Politik. An Gefahren haben wir uns gewöhnt.» Die Aufgabe eines Teils des Golans im Austausch gegen einen Frieden lehnt Harel nicht a priori ab, doch schränkt er sofort ein: «Ich kann nicht sagen, mit welchem Syrien das geschehen könnte, aber sicher nicht mit dem heutigen, und höchst wahrscheinlich auch nicht mehr zu meinen Lebzeiten. Wenn wir so weiter leben könnten wie heute, könnte ich mir aber ein Leben auf dem Golan als Israeli unter syrischer Flagge vorstellen. Heute ist es aber sogar für syrische Bürger problematisch, in ihrer eigenen Heimat zu leben.» Wenig bis gar nichts hält Yehuda Harel davon, Vermittler in die Friedensverhandlungen einzuschalten: «Abgesehen davon, dass man den Wert eines Friedens nur in der Retrospektive beurteilen soll, kann nichts Gutes herauskommen, wenn jemand nicht direkt mit uns sprechen will.» Auf dem Golan habe er sich 1967 niedergelassen, weil er jung war und glaubte, «wir würden alles besser machen als die Alten».

Die Dienste der Undof

Das organisatorische Verbindungsglied zwischen Juden, Drusen und Syrern auf dem Golan ist die United Nations Disengagement Observer Force (Undof). Seit Mai 1974 überwacht sie die Waffenstillstandslinien, für die sie an den Flugverkehr erinnernde Namen gefunden hat. Die Alpha-Linie trennt Israel von der Zone, in der beide Seiten überhaupt keine oder nur eine beschränkte Zahl an Truppen und leichte Waffen halten dürfen. Die Bravo-Linie ist das Gegengleich zwischen besagter Zone und Syrien, und schliesslich trägt der Übergang bei Kuneitra, den Pilger, Studenten, Uno-Angehörige, die berühmten Golan-Äpfel sowie Hochzeitswillige und in Ausnahmefälle auch Patienten benutzen dürfen, den romantischen Namen Charlie-Gate.
Der aus Salzburg stammende, heute aber in Thailand ansässige Major Stefan Eder ist bei der Undof für den Kontakt zu den Medien zuständig. Die Truppen seiner Organisation, die seit Mai 1974 die israelisch-syrischen Waffenstillstandslinien auf dem Golan überwachen, bestehen vorwiegend aus Österreichern, Indern, Kroaten, Filipinos, Japanern und Kanadiern, doch arbeiten auch einige israelische Zivilisten im Dienste der Undof. Bei Kuneitra befindet sich der einzige Übergang, der wenigen Menschen das legale Passieren der Waffenstillstandslinien erlaubt. Humanitäre Transporte werden vom Roten Kreuz realisiert. Die Zahl der in den verschiedenen Zonen bewilligten Soldaten und die gestatteten Waffengattungen sind bis ins letzte Detail festgelegt. Major Eder: «Extremwerte werden nie erreicht, auch nicht während Manövern.» – Seit der Erteilung des Mandats an die Undof vor 36 Jahren haben schon über 50 000 Uniformierte auf dem Golan Dienst geleistet. Sie mussten bisher 53 Todesopfer beklagen. Das Betriebsbudget beträgt dieses Jahr
47 Millionen Dollar. Als die Undof 1974 zu wirken begann, zählte man auf der syrischen Seite des Golans rund 5000 Einwohner, heute schwankt die Zahl bereits zwischen 45 000 und 50 000. Diese von Damaskus zweifelsohne systematisch betriebene Ansiedlung setzt gewisse Industriezweige wie den Bausektor (Wohnungs- ebenso wie Strassenbau) und das Verkehrswesen zusehends unter Druck.Persönlich ist Major Eder überzeugt davon, dass es letzten Endes zu einem Frieden auf dem Golan kommen wird. Seine Begründung ist dabei handfest europäisch: «Auf die Länge können die Parteien sich einen Konflikt schon rein wirtschaftlich nicht mehr leisten.»