Heilen und Forschen
Die Berliner Universitätsklinik Charité, die grösste ihrer Art in Europa, blickt auf 300 Jahre wechselvolle Geschichte zurück. Aber die grösste Belastung war die Zeit des Nationalsozialismus und ihrer verheerenden Rassenpolitik: Menschen und ihre Existenzen wurden vernichtet. Auch das hohe medizinische Niveau und das internationale Ansehen des Hauses nahmen Schaden.
Willige Regimediener
Das deutsche Heilwesen, auch die Charité, liess sich recht willig vor den neuen ideologischen Karren spannen. Unliebsame und jüdische Mitarbeiter wurden vertrieben. 145 jüdische Professoren und Dozenten, darunter die Koryphäen ihrer Zunft, verloren zwischen 1933 und 1945 die Lehrbefugnis. Weitere Forscher gingen ins Exil oder wurden in Konzentrationslagern ermordet. Eine der ersten Ärztinnen in Deutschland, Rahel Hirsch, leitete ab 1908 die Poliklinik der Charité, bevor sie 1919 eine Praxis am Kurfürstendamm eröffnete – 1938 musste die Jüdin fliehen. Der Sexualmediziner Magnus Hirschfeld befand sich bereits seit 1932 im Exil. Eugen Joseph, Leiter der Urologie, setze seinem Leben, nachdem ihm 1933 die Lehrerlaubnis entzogen wurde, mit einem Kopfschuss ein Ende. Der Biochemiker Samuel Mitja Rapoport musste gleich mehrfach flüchten: 1920 mit seinen Eltern wegen seines jüdischen Glaubens von Russland nach Wien, 1937 aus dem gleichen Grund von Berlin in die USA. Und 1950 – in der McCarthy-Ära als Kommunist unter Verdacht – zurück nach Berlin, in dessen mittlerweile sozialistischen Osttteil.
Zudem wirkten auch an der Charité Mediziner, die sich, und sei es als «Mitläufer», etwa durch gutachterliche Tätigkeiten, ihre Einbindung in kriminelle Menschenversuche, Zwangssterilisationen oder in offiziellen Euthanasie-Projekte, schuldig machten. Als einziger deutscher Wissenschaftler brachte der Pharmakologe Otto Krayer den Mut auf, den Ruf auf einen durch Vertreibung frei gewordenen Lehrstuhl abzulehnen – Krayer musste danach das Land verlassen.
Leuchtturm der Medizin
Bis zu den dunklen Jahren ab 1933 war die Charité ein Leuchtturm der medizinischen Kunst und zählte zu den grossen Wissenschaftszentren der Welt. Im 19. Jahrhundert war am ehemaligen Militärspital im Herzen der deutschen Hauptstadt die «Berliner Schule» entstanden, die mit der Einführung von Narkose und hygienischen Standards die Chirurgie revolutionierte. Acht Nobelpreisträger und zahlreiche herausragende Ärzte und Wissenschaftler wie Ferdinand Sauerbruch wirkten an dem 1710 ursprünglich als Pesthaus gegründeten Institut. Der Elektrophysiologe Emil Du Bois-Reymond bewies, dass Lebenserscheinungen auf naturwissenschaftliche Gesetzmässigkeiten zurückgehen. Rudolf Virchow sorgte 1855 mit der Erkenntnis, der Körper sei ein Zellenstaat, für Furore. Robert Koch präsentierte das Tuberkelbazillus als Verursacher der gefürchteten Tuberkulose. Emil von Behring erforschte Infektionskrankheiten. Paul Ehrlich begründete die antibiotische Chemotherapie. Sie alle stellten die Heilkunst ab dem 19. Jahrhundert auf eine neue, naturwissenschaftliche Basis und begründeten den Weltruhm der Charité. Vom beispiellosen Kulturbruch der NS-Politik und dem Verlust grosser Persönlichkeiten erholte sich das traditionsreiche Berliner Klinikum auch zu DDR-Zeiten nur langsam. Spätestens seit der Wiedervereinigung arbeitet die Charité mit sehr grossem Erfolg daran, an ihre einstige Position als Leuchtturm der internationalen Medizin wieder anzuknüpfen.