Hat der «Panzerschrank» für Israel spioniert?
Die amerikanische Bundespolizei FBI hat am 19. Oktober den 52-jährigen Wissenschaftler Stewart Nozette verhaftet, da sich dieser einem verdeckten Agenten gegenüber bereit erklärt hatte, wertvolle Informationen über amerikanische Raumfahrts- und Rüstungsprogramme an Israel zu verkaufen. Nozette lebte im Gliedstaat Maryland nahe der amerikanischen Hauptstadt. Als Preis waren zwei Millionen Dollar im Gespräch. Inzwischen behauptet die Staatsanwaltschaft, Nozette habe bereits zehn Jahre lang für das staatliche Unternehmen Israel Aerospace Industries gearbeitet und zudem Computerfestplatten mit sensiblen Informationen nach Indien geschafft. Nozette soll von Israel Aerospace insgesamt 225 000 Dollar als Honorar empfangen haben. Darüber hinaus hat er angeblich die indische Raumfahrtbehörde bei der Entwicklung einer Mondrakete beraten. Die Ermittler haben zudem festgestellt, dass Nozette Goldmünzen in einem Safe in Kalifornien hinterlegt hat und Immobilien im Wert von mehreren Millionen Dollar besitzt.
Hoch geheime Informationen
Nozette stammt aus Chicago und ist der Sohn eines an der Entwicklung der amerikanischen Atombomben im Zweiten Weltkrieg beteiligten Wissenschaftlers. Er war unter anderem für die Raumfahrtbehörde NASA tätig und an der Entwicklung des Raketenschutzschildes SDI beteiligt. Nozette hat sich über lange Jahre mit enormer Energie dem Nachweis von Wasservorkommen auf dem Mond verschrieben, verfügt aber auch über Expertise in der nuklearen Waffentechnik. Der als äusserst intelligent geltende Forscher hatte Zugang zu hoch geheimen Informationen und wurde daher von einem Anklagevertreter als «wandelnder Panzerschrank voll gesperrten Materials» bezeichnet. Bei seinen Verhandlungen mit dem verdeckten FBI-Agenten soll Nozette laut der Anklageschrift erklärt haben, er «arbeite doch bereits für den Mossad». Bei einer ersten Anhörung Mitte vergangener Woche hat die zuständige Richterin einen Antrag auf Haftentlassung Nozettes gegen Kaution abgelehnt. Der Wissenschaftler hatte bei seinen Verhandlungen mit dem verdeckten FBI-Mann auch einen israelischen Pass gefordert. Die Ermittler spielten vor Gericht Videos, die Nozette in einem Hotelzimmer mit den angeblichen Mossad-Agenten zeigen. Dabei sprach Nozette auch über eine mögliche Flucht aus den USA, falls ihm amerikanische Behörden auf die Schliche kämen. Bei dem Verfahren droht ihm schlimmstenfalls die Todesstrafe.
Unschuld beteuert
Der Fall wirft zahlreiche Fragen auf. Nozette war bereits im Januar angeklagt worden, da er den Regierungsbehörden jahrelang überhöhte Rechnungen für seine Arbeit ausgestellt hatte. Er hat zudem mit der Staatsanwaltschaft in einer mit dem aktuellen Fall nicht verknüpften Korruptionsaffäre kooperiert. Über das Ausmass der angeblichen Zusammenarbeit Nozettes mit israelischen Stellen zirkulieren momentan die wildesten Spekulationen. So wies der Verteidigungsexperte Oberst Patrick Lang auf seinem Blog auf für Insider überraschende Fortschritte hin, die Israel und Indien in den letzten Jahren in der Raketentechnologie gemacht hätten. Lang vermutet, dass israelische und indische Experten zusammenarbeiten, da Israel allein nicht über das notwendige technische Know-how etwa bei Trägerraketen und Satelliten verfügt, um die von Nozette beschaften Informationen verwerten zu können.
Gleichzeitig stellt sich die Frage nach dem Zeitpunkt von Nozettes Verhaftung. Justizminister Eric Holder hat persönlich die Abschottung Nozettes von der Aussenwelt veranlasst, um weiteren Geheimnisverrat zu verhindern. Beobachter vermuten daher, dass der Fall aus dem Weissen Haus gesteuert wird und Israel in den stockenden Friedensverhandlungen mit den Palästinensern unter Druck setzen soll. Israelische Offizielle wiesen indes darauf hin, dass gegen den jüdischen Staat bislang noch keine Vorwürfe erhoben worden seien. Nozette hat bei seiner Anhörung vor acht Tagen seine Unschuld beteuert.