Hat der Antisemitismus zu- oder abgenommen?

von Simon Spiegel, June 18, 2009
Zwei jüngst veröffentlichte Berichte zum Antisemitismus in der Schweiz kommen zu höchst unterschiedlichen Befunden. Die verschiedenen Organisation bedienen sich dabei nicht der gleichen Methoden; für die Zukunft ist aber eine Vereinheitlichung geplant.
ISRAELKRITIK ODER ANTISEMITISMUS Die verschiedenen Organisationen teilen Ereignisse anhand unterschiedlicher Kriterien ein

Die Situation ist einigermassen erstaunlich: Mitte vergangener Woche verschickte der Schweizerische Israelitische Gemeindebund (SIG) seinen jährlichen Antisemitismus-Bericht. In dem Bericht, für den das Stephen Roth Institute der Universität Tel Aviv verantwortlich zeichnet, ist von einem deutlichen Anstieg antisemitischer Vorfälle in der Schweiz die Rede. Nur einen Tag später vermelden die Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus (GRA) und die Gesellschaft Minderheiten in der Schweiz (GMS) eine Abnahme rassistischer Vorfälle in der Schweiz. Was stimmt nun, und wie kommt es zu dieser Differenz?
Das Problem ist, dass in der Schweiz verschiedene Organisationen unterschiedliche Dinge erfassen; die Ergebnisse der diversen Erhebungen lassen sich somit nur bedingt miteinander vergleichen. Das beginnt schon damit, dass in der «Chronologie rassistischer Vorfälle in der Schweiz» von GMS und GRA generell rassistische Vorfälle erfasst werden, während der Bericht des Stephen Roth Institute, der sich auf Angaben des SIG stützt, nur antisemitisch motivierte Ereignisse aufführt. Allerdings bleiben die vermeintlich unterschiedlichen Tendenzen auch dann bestehen, wenn man sich ausschliesslich auf antisemitische Vorfälle beschränkt.

Nicht derselbe Zeitraum

Ein weiterer Unterschied ist, dass die beiden Erhebungen nicht denselben Zeitraum abdecken: Die Länderberichte des Stephen Roth Institute umfassen nicht ein Kalenderjahr, sondern den Zeitraum von Anfang Februar bis Ende Januar des folgenden Jahres. Dies ist gerade 2008/09 besonders folgenreich, da die israelische Offensive im Gazastreifen, die Operation «Gegossenes Blei», am 27. Dezember 2008 begann. Dies führte im Januar 2009 zu einem deutlichen Anstieg antisemitischer Äusserungen, der sich im Bericht des SIG niederschlägt.
Diesbezüglich gibt es übrigens keine Differenzen zwischen GRA und SIG: Beide sind sich einig, dass politische Ereignisse wie etwa die Kampagnen gewisser jüdischer Organisationen in der Folge des Besuchs von Bundesrätin Micheline Calmy-Rey in Iran und eben der Krieg im Gaza¬streifen unmittelbare Auswirkungen auf die Anzahl antiisraelischer und antisemitischer Vorfälle haben. Wie Michael Chiller-Glaus, Geschäftsführer von GRA, gegenüber tachles erklärt, schlagen sich die Reaktionen auf die Operation «Gegossenes Blei» auch bereits in der GRA-Chronologie 2008 nieder. Obwohl dies effektiv nur die letzten vier Tage des Jahres 2008 betrifft, sei bereits feststellbar, dass die Militäraktion dazu geführt habe, dass sich latent vorhandener Antisemitismus herauskristallisiere und dass sich andererseits die Verurteilung israelischer Politik auch gegen die Juden in der Schweiz richte.

Welche Ereignisse werden wie erfasst?

Obwohl sich die beiden Organisationen in der Einschätzung grundsätzlicher Mechanismen einig sind, kommen sie dennoch zu unterschiedlichen Befunden. Die Ursache dafür ist grundsätzlicher Art: Welche Ereignisse werden wie erfasst? Die Chronologie der GRA konzentriert sich auf öffentliche Äusserungen und Vorfälle, die in Medienmitteilungen und Polizeicommuniqués erwähnt werden; der SIG dagegen erfasst auch Meldungen von Betroffenen sowie Briefe und Pamphlete, die direkt an den SIG und andere jüdische Institutionen geschickt werden und gar nie an die Öffentlichkeit gelangen. Zudem ist der SIG auch aktiver beim Erfassen von antisemitischen Beiträgen im Internet, etwa auf den Kommentarseiten von Zeitungen oder in Diskussions-foren. Gerade im Falle des Internets ist auch die Definition entscheidend, was einen antisemitischen Vorfall ausmacht. Wenn ein Leser einen Artikel zu Israel mit einem antisemitischen Kommentar vorsieht und ein weiterer Leser seinem Vorgänger mit wenigen Worten zustimmt – handelt es sich dann um einen oder um zwei Vorfälle? Und auch die ohnehin schwierige Frage, was noch legitime Kritik an Israel ist und was bereits eine antisemitische Aussage, wird nicht einheitlich gehandhabt.
Beim Stephen Roth Institute, das sich selbst als eine Art Kompetenzzentrum in Sachen Antisemitismus und Rassismus versteht, kämpft man ebenfalls mit diesem Problem. Die jährlichen Länderberichte, die vom Institut veröffentlicht werden, stammen aus unterschiedlichen Quellen, eine einheitliche Klassifikation fehlt – entsprechend schwierig gestalten sich länderübergreifende Vergleiche. Das Institut weist denn auf seiner Website auch explizit auf diesen Umstand hin.
Für den SIG-Bericht war 2008 ohnehin ein Übergangsjahr, wie SIG-Vizepräsidentin Sabine Simkhovitch-Dreyfus gegenüber tachles erklärt. Bis August war die Aktion Kinder des Holocaust vom SIG damit beauftragt, antisemitische Vorfälle zu erfassen. Diese Zusammenarbeit wurde Ende August aufgekündigt, seither betreibt der SIG selbst eine Meldestelle für antisemitische Vorfälle. Somit liegen für 2008 keine einheitlich erfassten Daten vor. Der SIG hat deshalb auch darauf verzichtet, für diese Periode detaillierte Zahlen zu veröffentlichen. Die Tendenz sei aber eindeutig, und ab 2009 sollen dann auch wieder genauere Daten präsentiert werden.

Ein gemeinsamer Antisemitismus-Bericht

Alle Akteure sind sich zumindest einig, dass die aktuelle Situation unbefriedigend ist. Dass mehrere Organisationen – neben SIG und GRA/GMS erstellt noch die Coordination Intercommunautaire Contre l’Antisémitisme et la Diffamation (CICAD) eine Chronologie für die Westschweiz – Berichte veröffentlichen und dabei zu unterschiedlichen Ergebnissen gelangen, ist unerfreulich. Deshalb hat man auch bereits erste Schritte für eine vertiefte Zusammenarbeit unternommen. Momentan wird eine gemeinsame Datenbank aufgebaut, in der die Daten von SIG, GRA/GMS und später vielleicht auch CICAD gesammelt werden sollen. Das Ziel wäre dann ein gemeinsamer Antisemitismus-Bericht, wie Simkhovitch-Dreyfus bestätigt. Neben der technischen Infrastruktur, die weitgehend steht, ist hierfür vor allem nötig, dass die Kriterien unter den verschiedenen Organisationen abgestimmt werden. Sie wünsche sich natürlich, dass ein gemeinsamer Bericht so schnell wie möglich zustande käme, «aber diese Dinge brauchen immer mehr Zeit, als man denkt», erklärt Simkhovitch-Dreyfus. Für das Erfassungsjahr 2009 werde es deshalb wohl nicht mehr reichen. Simkhovitch-Dreyfus geht aber davon aus, dass für das Jahr 2010 erstmals ein gemeinsamer Bericht vorliegen werde.
Parallel zu diesen Bemühungen ist die Gesellschaft für praktische Sozialforschung Bern (gfs) im Auftrag des Bundes daran, ein Rassismus-Monitoring aufzubauen. Die gfs hat bereits 2007 unter dem Patronat von tachles und der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus eine Studie über antijüdische und antiisraelische Einstellungen in der Schweiz erstellt. Ab 2010 soll dann im Zweijahresrhythmus  eine Erhebung diskriminierender Einstellungen durchgeführt werden; diese werden mittels der Befragung einer statistisch repräsentative Gruppe erfasst. Die verschiedenen Berichte von SIG, GRA/GMS und CICAD aber werden voraussichtlich nicht in dieses Monitoring einfliessen.

Konfliktstoff

Ohnehin dürfte trotz der angekündigten Zusammenarbeit zwischen SIG und GRA/GMS auch in Zukunft weiterhin für Konfliktstoff gesorgt sein. So erklären GRA und GMS in ihrer Pressemitteilung, dass die Abnahme rassistischer Vorfälle «auf präventive Massnahmen von Staat und Nichtregierungsorganisationen» zurückzuführen seien, und windem sich damit auch selbst ein Kränzlein. Simkhovitch-Dreyfus überzeugt diese Interpretation dagegen nicht: «Es findet zweifellos eine Sensibilisierung der Jugendlichen statt, aber über so kurze Zeitspannen lassen sich keine derartigen Rückschlüsse ziehen.»