Happy Birthday, Dr. Ruth
Von Andreas Mink
Wer über Mäzene spricht, denkt sofort an reiche Leute, die für gute Zwecke Checks schreiben. Doch es gibt auch ein rares Mäzenatentum, das aus dem guten Ansehen und der Beliebtheit einer Persönlichkeit hervorgeht. In New York gibt es dafür seit Jahrzehnten kein besseres Beispiel als Ruth Westheimer. Sie ist aus dem öffentlichen Leben der Stadt nicht wegzudenken, aber wie die ebenso kleine wie dynamische Dame dem aufbau bei einem Gespräch in ihrer Praxis an der Upper East Side von Manhattan erzählt, setzt sie ihre Prominenz auch gezielt für jüdische Institutionen und Anliegen ein. So kann «Dr. Ruth» heute an ihrem 80. Geburtstag auf ein exemplarisches Leben zurückschauen. Geboren wurde sie als Karola Ruth Siegel am 4. Juni 1928 in Frankfurt am Main. Sie überlebte die Kriegsjahre von ihrer Familie getrennt in der Schweiz. 1945 erfuhr das Mädchen, dass ihre Eltern von den Nazis ermordet worden waren. Ruth Siegel emigrierte nach Palästina, wurde Mitglied der Hagana und während des Unabhängigkeitskrieges als Scharfschützin schwer verwundet. Nach ihrer Genesung absolvierte sie ein Psychologie-Studium an der Pariser Sorbonne, wo sie auch unterrichtete, ehe sie 1956 für einige Tage zum Besuch an den Hudson kam: «Ich wusste vom aufbau und kaufte die Zeitung, um ein billiges möbliertes Zimmer zu finden. Ich hatte kein Geld. Im aufbau sah ich, dass die New School of Social Research ein Stipendium für Nazi-Opfer ausgeschrieben hatte. Ich konnte zwar kein Wort Englisch, aber Deutsch, Französisch und Hebräisch. Die Professoren dort konnten Deutsch und Französisch – und ich bekam das Stipendium. Deshalb bin ich eigentlich in New York geblieben. Also: Dankeschön aufbau! Und das Zimmer habe ich auch gefunden – in Washington Heights!» Mit Manfred Westheimer heiratete die Therapeutin später ein Mitglied des aufbau-Vorstandes.
Deutsch-jüdische Werte
Dank ihrer Radio-Show «Sexually Speaking» und ihrer Bücher ist «Dr. Ruth» längst in die amerikanische Popkultur eingegangen. Sie steht in der humanistisch-progressiven Tradition der Weimarer Ära und hat mit ihrer unbefangenen, humorvollen Haltung zur Sexualität mit amerikanischen Tabus aufgeräumt. Die Therapeutin empfängt nicht nur regelmässig Patienten in ihrer Praxis an der Lexington Avenue, sondern unterrichtet auch an den Universitäten Princeton, Yale, der New York University sowie dem Jewish Theological Seminary. Obwohl sie ihre Beliebtheit geniesst, versteht Westheimer diese nicht als Selbstzweck: «Ich will, dass Leute mir kritisch zuhören und nachher über ihre eigenen Erfahrungen nachdenken.» Die überzeugte Demokratin freut sich darüber, dass ihr auch Konservative Aufmerksamkeit schenken: «Die wissen genau, wie ernst ich bin. Ich lache viel, will, dass es fröhlich zugeht, weil dadurch angenommen wird, was ich sage. Aber im Grunde bin sehr deutsch-jüdisch – nicht deutsch: deutsch-jüdisch!» Diese deutsch-jüdischen Werte – Fleiss, Disziplin, Gründlichkeit, das Festhalten an der Tradition – haben «Dr. Ruth» ihren Erfolg ermöglicht.
Zu ihrem deutsch-jüdischen Selbstverständnis gehört auch die Verpflichtung, ihren Erfolg mit ihrer Heimatstadt und deren jüdischen Institutionen zu teilen. Sie ist bei zahllosen Veranstaltungen wohltätiger Institutionen aufgetreten, sitzt aber auch im Vorstand jüdischer Einrichtungen. Darunter nennt sie als Erste das Gemeindezentrum «Y» an der Nagle Avenue in Washington Heights: «Wir haben im ‹Y› ein ganzes Wohnhaus für alte Leute, aber auch einen Kindergarten. Ich habe keine Vorstandsitzung verpasst, nur manchmal musste ich um eine Verschiebung bitten», so Westheimer mit einem Lachen. Sie lebt auch heute noch in diesem Viertel am Nordende Manhattans: «Als ich hierher kam, wusste ich, dass sich in Washington Heights viele jüdische Emigranten angesiedelt hatten. Das hat Gründe: Die Aussicht auf den Hudson ist so majestätisch, man ist hoch oben und kann hinüber sehen auf Hügel und Berge in Westchester oder New Jersey. Das hat die Emiranten an deutsche Mittelgebirge erinnert und ihnen das Leben erleichtert.» In Washington Heights hat sie sich erstmals nach ihrer Flucht aus Frankfurt wirklich heimisch gefühlt: «Obwohl Israel im ideologischen Sinn meine Heimat war – ich war und bin sehr zionistisch –, bin ich emotional an Washington Heights und dort auch den Fort Ryan Park gebunden. Ich habe an dem Parkeingang eine Bank gestiftet und einen Spruch aus der jüdischen Tradition zur Erinnerung an meinen Mann anbringen lassen. Daneben steht eine Bank von Henry Kissinger für seine Eltern, aber der hat Goethe zitiert.»
Honorar gemäss Einkommen
Ihr Engagement beschränkt sich nicht nur auf den äussersten Norden Manhattans: «Ich bin auch im Vorstand des Museum for Jewish Heritage an der Südspitze der Insel. Ich bin hier überall präsent, von oben bis unten.» Daneben sammelt «Dr. Ruth» auch «Geld für einen jüdischen Chor und weitere gute Zwecke, aber ich hüte mich, in zu viele Vorstände einzutreten. In typisch deutscher Facon denke ich: Wenn man etwas macht, dann soll man es auch richtig machen.» Sie achtet darauf, dass ihre politischen Überzeugungen ihre philanthropischen Aktivitäten nicht behindern: «Ich sammle nur Geld für eine politische Organisation, die Frauen beider Parteien in ihren Karrieren unterstützt. Das hindert mich nicht daran zu sagen, dass Abtreibung legal bleiben muss und dass es Aufklärungsunterricht geben muss, obwohl die jetzige Regierung dagegen ist!» Die Arbeit als Therapeutin gibt ihr einen unmittelbaren Eindruck der gesellschaftlichen Realität: «Ich weiss, wie die Leute da draussen leben. Ich befasse mich nicht nur mit Sex-Therapie, sondern mit zwischenmenschlichen Beziehungen und mit einzelnen Leuten, die allein sind.»
Westheimer kann es sich erlauben, ihr «Honorar dem Einkommen der Patienten anzupassen». Sie sagt lachend: «Wenn Journalisten kommen, nehme ich sehr wenig Geld, aber wenn Leute mit einem Chauffeur vorfahren, nehme ich sehr viel. Ich hänge das nicht an die grosse Glocke, aber dem aufbau kann ich das sagen.»
Ihre Disziplin und ihre bewusste Lebensführung erlauben «Dr. Ruth» ein Arbeitspensum, das jüngere Semester überfordern dürfte. Sie arbeitet an Buchprojekten, tritt immer wieder bei deutschen Talkshows auf und ist auch im Internet-Zeitalter auf der Höhe ihrer Epoche: «Ich beschäftige mich mit diesem Phänomen der Männer, die ihre Jobs verlieren, weil sie obsessiv im Büro Pornografie vom Internet herunterladen.» Indem sie weiterhin Probleme aufgreift, mit denen viele Leute alleine nicht zurechtkommen, verwandelt Ruth Westheimer diese Fragen in alltägliche, «normale» Themen: «Man muss die Courage haben, über diese Dinge zu sprechen.» Dann weist sie auf die Bilder und Figuren von Schildkröten, die ihre kleine, mit Büchern und Zeitschriften gefüllte Praxis zieren: «Einer Schildkröte kann nichts Schlimmes zustossen, solange sie sich nicht aus ihrem Haus bewegt. Aber wenn sie vorwärtsgehen will, muss sie ein Risiko eingehen und ihren Kopf herausstrecken. Die Leute wissen, dass ich Schildkröten sammle und schenken mir ständig neue. Aber ich will damit etwas Ernstes sagen, das mit dem Leben überhaupt etwas zu tun hat: Man kann nichts erreichen, wenn man nicht seinen Hals riskiert.»