Hamburg im Herzen
Der Kulturwissenschaftler Aby Warburg (1866–1929) hat einmal gesagt, er sei «Hamburger im Herzen, Jude von Geburt, im Geiste Florentiner».
Warburgs Liebe zu Hamburg hat nicht zuletzt in der Kulturwissenschaftlichen Bibliothek Warburg (KBW) an der Heilwigstrasse Gestalt angenommen. Wie Charlotte Schoell-Glass, Professorin am Kunstgeschichtlichen Seminar der Universität Hamburg, erklärt, wirkt Warburgs Arbeit dort seit 1993 unter der Regie der Aby-Warburg-Stiftung fort. Schoell-Glass hat mehrfach über Warburg veröffentlicht und führt in Leben und Werk des Kulturwissenschaftlers ein. Der «Herzens-Hamburger» Warburg könnte eine Art Schutzpatron für diese Ausgabe sein, knüpfen sich doch zahlreiche Beiträge an Facetten seiner Biografie.
Das Vermögen der heute in London, New York und auch wieder in Hamburg florierenden Bankiersfamilie Warburg hat die Kulturwissenschaftliche Bibliothek ermöglicht. So steht die KBW für die philanthropische Tradition der hanseatischen Eliten, die sich in einer ganzen Reihe der Hamburger Museen wiederfindet. Diese erkundet der Journalist und Kunsthistoriker Wolf Jahn, der neben den weitläufigen Deichtorhallen auch das Museum für Hamburgische Geschichte vorstellt. Das Haus bietet in unmittelbarer Nähe zur Reeperbahn Preziosen wie ein imposantes Modell des salomonischen Tempels aus dem 17. Jahrhundert. Das Modell gehörte einst zum «Juden-Cabinett» des sächsischen Kurfürsten August des Starken, das vermutlich das erste einer breiten Öffentlichkeit zugängliche jüdische Museum der Welt war. Auch das Hamburgmuseum bietet eine Dauerausstellung «Juden in Hamburg». Die Initiative für ein eigenständiges jüdisches Museum an der Elbe hat jedoch laut Jahn an Fahrt verloren. Als Philanthrop macht sich auch Jan Philipp Reemtsma einen Namen. Der Sohn des Zigarettenfabrikanten Philipp Reemtsma hat 1984 das Hamburger Institut für Sozialforschung gegründet. Irene Armbruster unternimmt eine Bestandesaufnahme und stellt Ziele und Wirkung des Instituts dar.
Der Name Warburg ist jedoch zudem mit der Vertreibung und Ermordung der Hamburger Juden verknüpft. Nach 1933 mussten die Verwandten des Kunsthistorikers ihre geliebte Heimat ebenso verlassen wie Tausende anderer Künstler, Wissenschaftler oder Unternehmer. Diese würdigt Wilfried Weinke, der gemeinsam mit seiner Frau Ursula Wamser das Buch «Jüdisches Leben am Grindel» publiziert und damit erheblich zur Wiederentdeckung dieses Teils der Stadtgeschichte beigetragen hat. Das jüdische Hamburg wies mit dem Rabbiner Isaac Bernays (1792–1849) auch einen Vordenker der modernen Orthodoxie auf. Ihm ist der erste Beitrag dieser Ausgabe gewidmet. Mit Peter Hess stellt Weinke zudem einen weiteren hanseatischen Philanthropen vor, der mit bislang 3000 sogenannten Stolpersteinen das Gedenken an jüdische Opfer der Naziherrschaft in Hamburg wachhält.
Daneben dürfen Beiträge über die heutige jüdische Gemeinde an der Elbe und die für die Stadt so bedeutsame Medienlandschaft nicht fehlen. Ein weiterer Text über das jüdische Leben in Hamburg von Yohana Hirschfeld, die an der Elbe den «Europäischen Tag der Jüdischen Kultur» ausrichtet, ist auf unserer Website zu finden.