Hände weg von der Börse
Werden Ultraorthodoxe (Charedim) aufhören, Direktinvestitionen an der Tel Aviver Börse zu tätigen? Gemäss einem neuen Urteil des Bet din gawoa lezedek (Badatz), einem rabbinischen Gerichtshof, dessen Urteile von einem wesentlichen Teil der charedischen Gemeinschaft respektiert und befolgt werden – dürfen ultraorthodoxe Juden nicht mehr in Aktien israelischer Gesellschaften investieren. Das gilt auch für Firmen und Konzerne, die sich im Besitz religiöser Geschäftsleute befinden wie Lev Leviev, Shaya Boymelgreen oder Motti Zisser.
Urteilsbegründung
Durch den Kauf von Aktien werde der Investor, so heisst es in der Urteilsbegründung, zu einem Partner in der Gesellschaft. Die meisten öffentlich gehandelten Firmen aber wären, wie es in den rabbinischen Ausführungen weiter heisst, auf die eine oder andere Art und Weise in die Verletzung halachischer (religionsgesetzlicher) Bestimmungen verwickelt. Als Beispiele werden die Verletzung des Ruhetags oder «unangebrachte», also unmoralische Publikationen wie Reklamen an Hauswänden oder Autobussen oder Inserate in Zeitungen genannt. Ein charedischer Jude dürfe kein Partner solcher Unternehmen sein.
«Die verschiedenen Investitionsinstrumente, vor allem Pensions- oder Vorsorgefonds», liest man etwa in einer von Badatz herausgegebenen Broschüre, «sind volle Partner in Investitionen, die vereinbar mit den in der Thora erwähnten Verboten sind: So generieren die Investitionen Profite, die auf Verkäufen basieren, welche in an Samstagen und jüdischen Feiertagen, Jom Kippur eingeschlossen, rücksichtslos geöffneten Einkaufszentren getätigt werden. Sie machen ihre Geld mit Hilfe von TV-Kanälen, die voller Schmutz sind, und mit obszönen
Inseratekampagnen.» Ohne es zu wollen, würden «Menschen wie du und ich» zu Partnern bei all diesen Aktivitäten.
Als ein besonders herausstechendes Beispiel nennt die Broschüre Nochi Dankners IDB Holding. «Wer in diese Holdinggesellschaft investiert, die als sehr gewinnträchtiges Investitionszentrum gilt, wird zum Partner in Hunderten von Tochtergesellschaften und Filialen, welche fette Pro-fite erwirtschaften. Dazu zählt etwa die Zementgesellschaft Nesher, die am Schabbat und sogar an Jom Kippur ganz offiziell Berge von Zement produziert, und der Cargo-Terminal Maman am Ben-Gurion-Flughafen, der am Schabbat so arbeitet, wie wenn es ein gewöhnlicher Wochentag wäre. Sogar die Bodenentwicklungsgesellschaft Darban besitzt ein am Schabbat geöffnetes Einkaufszentrum, und die Bank Leumi ist Partnerin der Modekette Fox. Schliesslich sind sogar Besitzer von Aktien des Strauss-Konzerns an Filialen der am Schabbat geöffneten ToGo-Cafés beteiligt.» Badatz untersagte seiner Gefolgschaft auch, in Aktien von Gas- und Erdölförderungskonzernen zu investieren, die an der Börse in den letzten zwei Monaten als die «heissesten» Tips gehandelt wurden. Grund: Sie würden auch am Schabbat die Bohrarbeiten fortsetzen.
Keine Konformität mit der Halacha
Die Badatz-Kommission für die Überwachung von Finanzinvestitionen ist vor zwei Jahren gegründet worden im Bestreben, entsprechenden Firmen ein ultraorthodoxes «Kashrut»-Zertifikat auszustellen. Die der Kommission angehörenden Rabbiner versuchten, eine Formel zu finden, welche Investitionen in Firmen gestatten würden, die sich mit der Halacha konform verhalten. Nun sind die Rabbiner offenbar aber zur radikalen, umfassenden Schlussfolgerung gelangt, dass eine Investition in Aktien grundsätzlich unmöglich sei, da beinahe jede öffentlich gehandelte Gesellschaft mit halachischen Problemen zu kämpfen habe.
Gemäss einer Erhebung der Firma McCann-Erickson zahlen 42 Prozent der rund 50 000 charedischen Haushalte in Israel 850 Schekel pro Monat für ihre Sparpläne ein. Mit anderen Worten beläuft sich das gesamte, sich für Investitionen eignende Sparaufkommen der Charedim in Israel auf jährlich rund 500 Millionen Schekel.