Guten morgen Deutschland

von Yves Kugelmann, October 9, 2008

Stück um Stück legt die fortschreitende Zeit das Ausmass der CDU-Spendenaffäre frei. Die Kette der Verstrickungen reicht von Lügen, Fälschungen und Vertuschung bis hin zu versteckten Bankkonten - auch in der Schweiz -, illegalem Geldtransfer und somit Verstoss gegen das Parteispendengesetz Deutschlands. Nur ein Glied passt nicht so recht in die Skandalkette: die Behauptung des ehemaligen CDU-Schatzmeisters Casimir Wittgenstein nämlich, die nicht deklarierten Spendengelder auf Auslandkonten des Bundeslandes Hessen stammten von jüdischen, inzwischen verstorbenen Emigranten. Aufgeschreckt sind ob dieser Behauptung nur die Juden. Deutsche Politiker und Medien reagieren kaum. Der CDU-Parteivorsitzende Schäuble entschuldigt sich fünf Tage später offiziell für die in die Welt gesetzte Lüge. Und weiter dreht sich das Skandalkarussell, das zum politischen Tagesgeschäft wird. Es geht um Macht, um den Verlust von Stimmen. Aber hier ist etwas geschehen und niemand hat es gesehen. Etwas schwerwiegenderes als hochstilisierte Tagespolitik umhüllt von politischen Scheinbekenntnissen. Polemik, schmerzerfüllte Worte und Phrasen von jüdischer Seite, der Fingerzeig auf ähnliche Ausrutscher in der jungen Geschichte der zu bewundernden Bundesrepublik, zynische Bemerkungen, Schadenfreude, sind keine Antwort. Nein, die CDU ist nicht antisemitisch, die Deutschen schon gar nicht. Wohl war es einfach die Äusserung eines Einzelnen. Aber dieses Glied, dass so gar nicht in die Kette passen wollte, ist länger als die Kette aus der es entstammte. Und es hüllt die Kette in einen noch längeren Schatten. Einen Schatten, der einige Minuten Schweigen, inneres Schweigen, hätte zur Folge haben müssen. Denn der wahre Skandal am Skandal im Skandal war das Nichtvorhandensein einer Reaktion auf eine skandalöse Behauptung. Man liess sie gewähren. In Deutschland aber geht es nicht nur ums kurzfristige Tagesgeschäfte. Immer geht es auch ums Ganze. Und es geht nicht um die Juden, schon lange nicht mehr, es geht um Deutschland. Und wenn der Gedenktag an die Reichspogromnacht vom Jubeltag an die Wiedervereinigung verdrängt wird, der Bundestag Reichstag benannt bleibt, die Einigung über den Zwangsarbeiterfonds in Frage gestellt wird und Berlins Bürgermeister Diepgen (CDU) sich diese Woche weigerte, an der Einweihung des Berliner Holocaust-Denkmals teilzunehmen, dann geht es immer auch ums Ganze. Das Ganze, das ist nicht Schuld, sondern es ist Verantwortung im Umgang mit Vergangenheit und Zukunft.