Grosjean / Doessekker / Wilkomirski

von Eric Bergkraut, October 9, 2008
Als er sich im Jahre 1996 daran machte, eine Dokumentation nach Motiven des Buches «Bruchstücke» zu verfilmen, wusste Filmemacher Eric Bergraut noch nicht, dass die Hauptfigur BinjaminWilkomirski nicht derjenige war, den er zu sein vorgab. Im folgenden Essay blickt der Autor auf die monatelange Diskussion um die Entlarvung einer Fiktion zurück und schildert sehr persönlich, seine Rolle im «Fall Willkonski».
Flucht ins Unfassbare: Vom Versuch, einen Menschen zu verstehen, der sich an einer ihm fremden, tragischen Kindheit vergreift. - Foto PD

Als Stefan Schwartz gestorben ist, habe ich in jener Galerie, in der seine Bilder noch einmal ausgestellt wurden, ein paar Worte gesprochen. Der Mann, den ich als Binjamin Wilkomirski kennen gelernt hatte, spielte auf der Klarinette. Die Bekanntschaft von Stefan Schwartz hatte ich in Zürich an einer Zusammenkunft Überlebender gemacht. Heute ist nach menschlichem Ermessen erwiesen, dass der Mann, der sich Binjamin Wilkomirski nennt, zwar eine schwere Jugend gehabt hat, keineswegs aber in deutschen Konzentrationslagern war, sondern in der Schweiz aufgewachsen und kein Jude ist. Bruno Doessekker, wie ich ihn korrekterweise nennen werde, hatte mir erzählt, Stefan Schwartz habe sich bei ihm gemeldet, um ihm zu sagen, wie verblüffend viel von dem, was er in «Bruchstücke» aufgeschrieben habe, mit seiner eigenen Geschichte übereinstimme.In den letzten Monaten, als der Verdacht einer gefälschten Identität sich verstärken musste, habe ich häufig an die Menschen gedacht, die in der Zürcher Runde zusammenkommen. Ich hatte sie damals zum Teil zusammen mit D., wie ich ihn der Einfachheit halber nennen werde, gefilmt. Ich frage mich, was es für Menschen bedeutet, die tatsächlich ein Lager überlebt haben, neben jemandem aufzutreten, der seine Geschichte erfunden hat. Meine Intention war es gewesen, einen Film vor allem über D.’s Buch zu machen. «Das gute Leben ist nur eine Falle» sollte über die Individualität des Autors hinausweisen, und deshalb war es für mich so wichtig, im Zürcher Kreis zu drehen. Ich möchte diesen Leuten heute sagen, dass es mir leid tut, sie mit D. zusammen gefilmt zu haben.
Die Auseinandersetzungen um «Bruchstücke» und die Person Wilkomirski/Doessekker waren für manche Medien vor allem eine süffige Geschichte, vielen Leuten aber hat sie arg zugesetzt. Manche Mitglieder der Zürcher Runde waren bis vor kurzem überzeugt, und sind es vielleicht heute noch, dass D. seine Geschichte tatsächlich erlebt hat. Sie haben sich mit diesem identifiziert und solidarisiert - gegen jene, vermeintlich, die es ja tatsächlich gibt, die den ehemaligen Insassen der Konzentrationslager ihre Lebensgeschichte absprechen wollen und die Vernichtungslager überhaupt leugnen. Andererseits kenne ich eine Frau aus diesem Kreis, die zu D. stehen will, um menschlicher Qualitäten willen, die sie an ihm erlebt hat, wer immer er ist, und auch deshalb, weil sie die Art der Demaskierung der Figur Wilkomirski abstossend findet. Zu den Paradoxa des Falles gehört, dass D. Menschen tatsächlich geholfen hat: Die Cutterin meines Filmes hat dank ihm und seines Archivs die Spur ihres Vaters gefunden, der aus Südfrankreich deportiert und später in Polen ermordet wurde, während sie, in einem Kloster versteckt, im Bauch ihrer Mutter lag.
D. behauptet noch heute, er sei Binjamin Wilkomirski und als Kind in zwei Konzentrationslagern gewesen. Es gibt heute aber Zeugen dafür, dass das Bieler Kind Bruno Grosjean mit dem Zürcher Kind Bruno Doessekker identisch ist und die Identität Binjamin Wilkomirski eine Erfindung von D. ist. Auch hat man keine Hinweise darauf gefunden, wonach es in der Schweiz eine Praxis gegeben hätte, für jüdische Flüchtlingskinder falsche Schweizer Papiere zu beschaffen. Ironischerweise scheint es so zu sein, dass D., der in Buch und fiktiver Existenz so sehr seinen Vater suchte, diesen heute quasi vor der Haustüre finden könnte, wenn er nur wollte: in der Innerschweiz.
Getäuscht- wie, warum?
Ich muss mir damit sagen, dass ich mich habe täuschen lassen. Wie so viele andere Menschen mit unterschiedlichsten biographischen, religiösen oder beruflichen Hintergründen. Mein Irrtum beschäftigt mich, manchmal belastet er mich auch. Ich war nicht nur Leser, sondern habe einen Film gemacht und weiss, dass dieser Menschen berührt hat. Also will ich versuchen, meine Erfahrung zu beschreiben. D. hatte mir erklärt, vor allem deshalb in meinem Film mitzumachen, weil ich nicht seine eigene Erfahrung in den Vordergrund rücken wollte, sondern einen Bericht, der auch für andere stehen sollte. So war es auch: Nie hat er sich vordergründig in den Mittelpunkt gerückt: Die grösste Emotion erlebte ich, als D., über Kinderlisten aus Auschwitz gebeugt, darauf hinwies, wie viele andere Kinder verschollen und vermutlich nach dem Krieg in stalinistischen Lagern gelandet seien. D., nebenbei, war ja auch der Mann, der Gymnasiasten in sein Heim einlud und sie durch Filme über die NS-Zeit aufklärte - wenn keine Kamera in der Nähe war.
Den Kern meiner Arbeit bildeten zwei Tage zu Hause bei D.: Gespräche. Ich glaubte, jemanden vor mir zu haben, der sich entschlossen hatte, seine Wahrheit zu erzählen, auch wenn diese schmerzvoll sei und unangenehm. Ich habe mir neulich noch einmal ein paar Aufnahmen angesehen, auch Bilder der vieltägigen, stets auf High-8 gefilmten «Spurensuche» in Riga und Auschwitz/Majdanek, die D. in Gesellschaft eines Freundes gemacht hat (beide filmten abwechslungsweise). Ich glaube auch heute nicht, dass D.’s Gefühle und Erzählungen «gespielt» im eigentlichen Sinn waren. Und sehe mich als Opfer und Zeuge zugleich einer höheren, umfassenden Form der Aneignung einer fremden Geschichte, angereichert durch eine stupende, angelesene Faktenkenntnis. Wenn man davon ausgeht, dass die handelnde Person im Besitze ihrer geistigen Fähigkeiten ist, erfüllt dies den Sachverhalt der Fälschung oder Lüge.
Wenn aber D. entschlossen war, seine Legende in aller Konsequenz zu leben, so brauchte er doch Mitmenschen, die bereit waren, ihm zu glauben und in der falschechten Anordnung bestimmte Rollen zu übernehmen. Das gilt zunächst für seine nächste Umgebung. Partnerin, Freund, Therapeutin scheinen in dieser oder jener Weise schon an der Entstehung der Legende beteiligt gewesen zu sein. In der Rezeption vermischte sich eine persönliche Ebene mit der Betrachtung des Textes als solchem. D. erschien als traumatisierter, vielleicht auch wehrloser Mensch, dem man nie hatte zuhören wollen, dem gar das Recht zur Trauer abgesprochen worden war und dem man deshalb nur zu gerne endlich Gehör schenkte. Vielleicht sah auch ich so über Zeichen hinweg, die mir hätten auffallen müssen. Wie umfassend D. allerdings über das Arsenal der «Lagererfahrung» und seiner Folgen verfügte, zeigte sich, wenn er mit Menschen sprach, die tatsächlich ein Konzentrationslager überlebt haben. Sie wiederum hatten möglicherweise ganz andere Gründe, um bestimmte Zeichen nicht wahrzunehmen. Vielleicht erschien es ihnen undenkbar, dass jemand «freiwillig» eine Erfahrung übernehmen wollte, die zu vergessen für sie unmöglich ist.Das Wilkomirski-BusinessMit dem heutigen Wissen ist es einfach, über jene den Kopf zu schütteln, die im Buch «Bruchstücke» Qualitäten sahen: Man liest dieses zwangsläufig anders, wenn man davon ausgeht, dass die Geschichte stimmt, als wenn man weiss, dass sie erfunden, ja mit der Lüge der Authentizität verbunden ist. Ich erinnere an Elfriede Jelinek, nicht bekannt dafür, sentimentalem Schwulst aufzusitzen, die in Salzburg aus dem Buch «Bruckstücke» vorlesen liess, zusammen mit den Werken der ganz Grossen dieses Jahrhunderts. Andererseits ist es völlig unverständlich, dass der Verlag im September 1998 nicht sofort umfassende Recherchen eingeleitet hat, und es mutet etwas jämmerlich an, dass Suhrkamp heute das Hardcover zurückzieht, nicht aber das Taschenbuch. Wie es heisst, ist diese Massnahme das Ergebnis eines Handels mit bestimmten Medien und zeigt, welch unappetitliche Nebenaspekte diese Affäre mit sich bringt. Eine Art Wilkomirski-Business hat sich entwickelt, mit unterschiedlichen Fraktionen und Koalitionen, die in erster Linie ihre jeweiligen Interessen vertreten - wie üblich, wenn sich Medien eines Themas bemächtigen.Manchmal treffe ich jemanden, der mir sagt, er kenne jemanden, der wiederum jemanden kenne, der von Anfang an gewusst habe, dass die Geschichte nicht stimme. Und ich frage mich, warum dieser Jemand denn stumm geblieben ist. Manchmal treffe ich Leute, deren Gesichter mir zu erzählen scheinen, dass ihnen diese traurige Geschichte irgendwie Spass bereitet. Natürlich haben Revisionisten versucht, aus der Affäre Profit zu ziehen - kein Grund, der Wahrheit nicht ins Gesicht zu sehen.
Daniel Ganzfried ist der Meinung, D. sei ein kaltblütiger Betrüger, der sich aus lauter Zürichberg-Langeweile die Auschwitz-Legende angeeignet habe oder vielleicht aus Geldgier. Was über die Biographie des Bruno Grosjean bekannt ist, deutet eher auf eine unglückliche, vielleicht tragische Existenz. Ich stelle es mir etwa so vor: Eine Jugend ohne Eltern hat diesem Menschen nicht als ausreichende «Legitimation» gegolten, um über seine Geschichte bestürzt zu sein und Mitgefühl einfordern zu können. So hat er in der stärksten, der schrecklichsten Chiffre Zuflucht gesucht, die es für menschliches Leid gibt: Auschwitz. Er hat dies in aller Konsequenz getan, und man kann das abstossend finden.Daniel Ganzfried hat das Verdienst, die falsche Identität des D. aufgedeckt zu haben. Er hat sich von diesem nicht instrumentalisieren lassen. Ich hätte mir dennoch gewünscht, dass er anders vorgegangen wäre, mit weniger Häme, etwas vorsichtiger, und dass er seine Erkenntnisse weniger vermischt hätte mit Abrechnungen in alle möglichen Richtungen. D., so legen es eindringliche Recherchen aus England und den USA nahe, versteht es trefflich, andere zu manipulieren, aber er ist selber auch höchst beeinflussbar. Wie, wenn man ihn und seine nächste Umgebung im September 1998 direkt mit Ganzfrieds ersten Rechercheergebnissen konfrontiert hätte? Immerhin zeigte sich damals schon, dass es einen Bruno Grosjean tatsächlich und physisch gegeben hatte, und es stellte sich daher dringend die Frage, was aus diesem geworden ist.Und die Lehren aus dem Fall?Vielleicht wäre es dann möglich gewesen, die schlachtähnlichen Auseinandersetzungen zu verhindern, die dem Thema so wenig angemessen sind und die zu allerhand selbstgerechten, heuchlerischen oder auch schadenfreudigen Reaktionen geführt haben. Daniel Ganzfried ist, in diesem Punkt nicht unähnlich wie D., nach dem Motto aufgetreten: Wer sich nicht hinter mich stellt, der ist gegen mich. Dadurch und durch die Sturheit eines Verlages, der offenbar darauf gesetzt hat, eine unangenehme Angelegenheit einfach auszusitzen, haben sich Lager gebildet. Ich gehörte nie zu einem solchen, fühlte mich jedoch verpflichtet, die Möglichkeit der Flüchtlingsidentität hochzuhalten, solange diese bestand. Es durfte unter keinen Umständen geschehen, dass einem Lagerkind noch einmal Unrecht geschah.
Heute muss ich annehmen, dass D., in der Rolle des hilflosen, traumatisierten Kindes, genau diese Vorsicht instrumentalisiert und so versucht hat, Menschen für sich zu gewinnen und unangenehmen Fragen aus dem Weg zu gehen. Systematisch, konsequent. Das kann schockieren, ändert aber nichts daran, dass ich bereit war, die Gegenrolle einzunehmen.
Vor über einem Jahr schrieb ein Gymnasiast, der D. hatte lesen hören, einen Leserbrief. Er meinte, dass er sich kaum vorstellen könne, dass dieser seiner Klasse etwas vorgespielt habe, setzte sich aber mit dieser Möglichkeit auseinander und kam zum Schluss, er habe aus dem Buch aber so oder so eine Menge gelernt, es habe «seine Zwecke gleichwohl erfüllt». Damit ist die Problematik des Textes nicht gelöst. Billig ist der Friede in dieser Angelegenheit nicht zu haben. Die ganze Wahrheit muss auf den Tisch. Konsequenzen müssen gezogen werden. Von allen, die eine aktive Rolle gespielt haben. Dann aber muss «der Fall Wilkomirski» beendet werden, damit wir Augen und Denken - zum Beispiel - wieder dem öffnen können, was an Ungerechtigkeit, Vernichtung und Krieg von Menschen an Menschen weiter verübt wurde und wird.