Grachten und Zwietracht

June 4, 2009

Als «Teenager unter den europäischen Hauptstädten» bezeichnet Nicole Dreyfus in dieser Ausgabe Amsterdam. Die Reporterin hat im «Venedig des Nordens» eine offene, multikulturelle Atmosphäre angetroffen, in der Bewohner aus 166 Nation miteinander leben. Doch in den letzten Jahren häufen sich Spannungen zumal mit Muslimen, die nicht nur den Bürgermeister Job Cohen auf die Probe stellen, sondern auch die alteingesessenen Niederländer, die doch so stolz auf die tolerante Tradition ihrer Stadt sind. Die hat für einen «Teenager» schon einiges erlebt: Erst im späten Mittelalter gegründet, wurde Amsterdam rasch zu einer Handelsmetropole, ehe die Stadt im Goldenen Zeitalter der Niederlande nach 1570 nicht nur zu einem der kulturellen und finanziellen Zentren der Welt aufstieg, sondern auch zum Labor der Aufklärung und demokratischer Ideen. In lang währende Kriege mit der spanischen Krone verstrickt, zogen die Niederlande und hier vor allem Amsterdam damals Freigeister und verfolgte Minderheiten aus ganz Europa an. Dazu zählten spanische und portugiesische Juden, deren Einfluss bis heute in der Grachtenstadt an der Amstel spürbar ist. (Im Bild die
portugiesische Synagoge).

Wie die Rabbinerin Elisa Klapheck im Interview mit aufbau-Chefredaktor Yves Kugelmann erläutert, konnte der Holocaust die jüdische Tradition Amsterdams nicht gänzlich auslöschen. So zeichnet sich auch die jüdische Sphäre durch ein Neben- und Miteinander von Alteingesessenen und Neulingen aus aller Welt aus, das allerdings laut Klapheck weitgehend frei von Zwietracht ist. Sie moniert dagegen die «unglaublich antiislamische Stimmung», die momentan in den Niederlanden herrsche. Dies kann nur überraschen, wer über die Konflikte hinwegsieht, die es bereits im Goldenen Zeitalter zwischen der Staatsgewalt und der Mehrheitsgesellschaft einerseits und diversen Aussenseitern andererseits gab: Am Beispiel des heute von Amsterdam zum Symbol der Toleranz erkorenen Philosophen Baruch Spinoza erläutert Wiep van Bunge, dass den Freigeistern damals doch enge Grenzen gesetzt wurden, wenn sie offen gegen orthodoxes Denken argumentierten. Der Philosophie-Professor van Bunge leitet die Stiftung «Spinozahuis» und arbeitet heraus, wie Spinoza und seine Mitstreiter unter Zensur und Strafmassnahmen zu leiden hatten.

Dass die Geburt der Freiheiten, die wir heute ganz selbstverständlich in Anspruch nehmen, auch in den Niederlanden mühsam war, wird auch aus einer ganz anderen Perspektive deutlich: New York kann sich zwar zu Recht auf seine niederländischen Wurzeln berufen, wenn es sich als Wiege der Religionsfreiheit und der Toleranz in den USA bezeichnet. Aber die Bewohner von ¬«Nieuw Amsterdam» mussten über Jahrzehnte mit der mächtigen Niederländischen Westindien-Kompanie streiten, ehe sie über die wirtschaftliche hinaus auch politische Freiheiten erringen konnten.

Dass der Zufluchtsort Amsterdam trotz aller Verdienste nicht immer Sicherheit bieten konnte, wurde niemals dramatischer deutlich als beim Schicksal von Anne Frank und ihrer Familie. Sie wurden von niederländischen Nachbarn an die Gestapo verraten und kamen in den deutschen Lagern um. Während Rabbinerin Klapheck die Aufarbeitung dieses Verrats anmahnt, hebt Anne Franks Cousin Buddy Elias im Interview die ungeheure positive Wirkung hervor, die ihr Tagebuch inzwischen im Kampf gegen jede Art von Diskriminierung erzielt hat. Elias freut sich besonders darüber, dass das Tagebuch nun auch auf Arabisch und in Farsi erschienen ist. Am 12. Juni wäre Anne Frank 80 Jahre alt geworden. Anlass für den aufbau, die Stadt Amsterdam zu beleuchten.    ●