Goldrausch

December 9, 2011

Johann Wolfgang von Goethe hat es gewusst: «Nach Golde drängt, / Am Golde hängt / Doch alles. Ach wir Armen!» heisst es in seinem «Faust». Der Titelheld experimentiert als Gelehrter mit den schwarzen Künsten. Aus heutiger Sicht lässt sich Dr. Faust als einer der Alchemisten beschreiben, die sich in der populären Vorstellung in erster Linie – und natürlich vergeblich – um das «Goldmachen» bemüht haben. Der in den USA lehrende Geochemiker Pieter Visscher würdigt die Alchemisten dagegen als Pioniere an der Pforte der modernen Naturwissenschaften. Der gebürtige Niederländer unternimmt mit aufbau-Korrespondent Andreas Mink einen Streifzug durch Magie, Religion und Wissenschaft, um die menschliche Goldleidenschaft zu erklären.
Dabei wird das gelbe Edelmetall als eine Art Katalysator greifbar, der Forschung und Lehre ebenso beflügelt hat wie die Entwicklung der zur Goldgewinnung notwendigen Technologien. Zu ähnlichen Schlussfolgerungen auf einer ganz anderen Ebene kommt der Philosoph und Publizist Emanuel Cohn, der zur Bedeutung des Edelmetalls in der Thora schreibt: «Gold ist also nicht nur jene ‹gefährliche› Materie, die im Menschen Habgier wecken, ihn blenden und von Gott ablenken kann, sondern auch ein positives Mittel, das dem Menschen (…) helfen kann, sich (…) Gott anzunähern.»

In einem zweiten Beitrag schildert Andreas Mink die praktischen Folgen der technischen Fortschritte am Beispiel des US-Staates North Carolina. In dem von dort bis hinunter nach Georgia verlaufenden Schiefergürtel am Fuss der Appalachen wurde 1799 Gold gefunden – was Auslöser für den ersten Goldrausch der jungen Nation war. Motiviert von den hohen Goldpreisen kehren Minenkonzerne heute in den Südosten der USA zurück. Ihre modernen Methoden versprechen binnen weniger Jahre eine höhere Ausbeute als Tausende von Goldgräbern zwischen 1800 und den 1870er Jahren aus Bächen und Stollen gewinnen konnten. Über die Preise und die Rolle des Edelmetalls an den Finanzmärkten hat sich aufbau-Chefredaktor Yves Kugelmann mit dem Bankier Andreas Guth unterhalten, der Gold derzeit immer noch als eine sinnvolle Anlage einstuft. Und in seinem Beitrag über die Familie Rothschild vertieft der Basler Journalist Andreas Schneitter diese Aspekte des Themas Gold.

Dass der Drang nach Gold Schattenseiten aufweist, schildert Katja Behling. Die Hamburger aufbau-Autorin lässt von Dschingis Khan über die spanischen Konquistatoren bis hin zum James-Bond-Schurken Auric Goldfinger eine Parade von Übeltätern aufmarschieren, denen Gold jede Ungeheuerlichkeit Wert war. Doch das zukünftig etwa für die Nanotechnologie ausserordentlich wertvolle Metall kann auch Widerwillen auslösen. Dies beschreibt unsere New Yorker Kollegin Monica Strauss mit ihrem Beitrag über die russisch-jüdische Bankiersfamilie Ephrussi. Die durch den Handel mit goldgelbem Weizen unermesslich reich gewordene Sippe findet neues Interesse, seit ihr Nachkomme Edmund de Waal den Ephrussis in seinem Bestseller «Der Hase mit den Bernsteinaugen» ein Denkmal gesetzt hat. Der Keramikkünstler de Waal schätzt zwar die zierlichen japanischen Schnitzereien, die dem Buch den Titel geben. Aber die goldene Pracht in den Ephrussi-Palästen hält er für unerträgliche Protzerei.    ●

Redaktion und Verlag wünschen allen Leserinnen und Lesern 
ein gesundes und friedliches neues Jahr 2012.