Goldene Ähren
Der Zweite Weltkrieg hat viele zuvor fest in Europa verwurzelte jüdische Familien in alle Welt zerstreut. Doch nur wenige haben ein Schicksal erlebt, das sich an Dramatik mit dem Aufstieg und Fall der legendären Bankier-Dynastie Ephrussi vergleichen lässt. Diese Geschichte erzählt nun deren Nachkomme Edmund de Waal. Sein Buch «Der Hase mit den Bernsteinaugen» folgt dem vertrauten dreiteiligen Muster jüdischer Familienchroniken in Europa: Der kometenhafte Aufstieg nach der Emanzipation; die fast vollständige Vernichtung im Holocaust; gefolgt von einer Erholung in anderen Ländern und unter anderen Umständen. Doch die Ephrussi heben sich davon nicht nur durch den ausserordentlichen Reichtum ab, den sie während ihres Aufstiegs erworben haben, sondern auch durch ihre radikal veränderten Lebensumstände nach der Katastrophe.
In den ersten Nachkriegsjahren wurde de Waals Grossonkel Ignace, der im Palais Ephrussi an der Wiener Ringstrasse aufgewachsen war, ein Geschäftsmann in Tokio, wo er seinen langjährigen Lebensgefährten Jiro Sugiyama schliesslich als Sohn adoptierte. Daher trägt einer der Zweige am Familienbaum der Ephrussi heute den Namen von Jiro Sugiyama. De Waal selbst kam 1964 als Sohn eines anglikanischen Priesters zur Welt und wuchs in der Dekanei der Kathedrale von Canterbury auf. In einem Interview erklärte er, früher habe sein Leben für ihn die Färbung eines Philip-Larkin-Gedichtes getragen. Doch die Entdeckung seiner Familiengeschichte habe ihm gezeigt, dass es doch sehr viel eher aus einem Werk von Joseph Roth stammen könne.
Der rätselhafte Titel des Romans, «Der Hase mit den Bernsteinaugen», spielt auf die kleinen Elfenbeinskulpturen japanischer Kunsthandwerker an, die als Netsuke bekannt sind. Gelegentlich auch aus Buchsbaumholz geschnitzt, passen diese auf eine Handfläche und wurden seit dem 17. Jahrhundert als Knebel benutzt, um Beutel an Kimono-Schärpen zu befestigen. De Waal hängt die Geschichte seiner Familie, deren Reichtum vor dem Krieg in Odessa, Paris und Wien Legende gewesen ist, bewusst an derart kleinen und exotischen Objekten auf. Der winzige Hase aus dem Titel gehört zu einer seit Mitte des 19. Jahrhunderts im Familienbesitz befindlichen Sammlung von 264 Netsuke, die der Autor schliesslich geerbt hat. Aber indem er das Schicksal dieser Kollektion als Symbol für die radikalen Wechsel in der Existenz seiner Familie einsetzt wollte De Waal die Fallstricke vermeiden, die sein Buch zu «noch so einer dieser vornehmen mitteleuropäischen Memoiren [machen würde] … einer am Leser vorbei huschenden Parade in Gold und Marmor von verlorenen Häusern, Anwesen, goldenen Speisegedecken, Bällen, Rennpferden und Lakaien …»
De Waal spielt nicht die Rolle des neutralen Chronisten und lässt den Leser immer wieder sein gespaltenes Verhältnis zu der privilegierten Existenz seiner Vorfahren spüren. Es ist vor allem deren Gold, das ihm zu schaffen macht. Mit grossem Missbehagen erwähnt er die ausgiebige Applikation des Edelmetalls auf Möbeln, Rahmen und Leisten in dem Palais von James Rothschild ausserhalb von Paris im späten 19. Jahrhundert, das den Ausdruck «le goût Rothschild» geboren hat. Damit wurde bald die angebliche Neigung vermögender Juden zu ostentativem Luxus bezeichnet. In den USA hat Mark Twain für diese Epoche den treffenden Begriff «gilded age» geprägt: «vergoldetes» und nicht etwa goldenes Zeitalter.
Pariser Kunstszene
Das Vermögen der Ephrussi stammt aus dem Getreidehandel in Odessa. Bis 1860 hatte Familienpatriarch Charles Joachim (geboren als Chaim aus Berdichev) den Markt für den auf den fruchtbaren Feldern der Ukraine geernteten Weizen unter Kontrolle gebracht und die Verschiffung des «Ährengoldes» nach Europa und in den Mittelmeerraum etabliert. Mittels seiner so hergestellten internationalen Beziehungen bewegte sich der Patriarch in das Bankgeschäft. Wie andere aufstrebende jüdische Unternehmerdynastien dieser Ära veranlasste er dazu die erste Zerstreuung der Familie. In die Finanzzentren Paris und Wien entsandt legten seine Söhne Léon und Ignace dort die Fundamente für den Erfolg der Ephrussi-Bank auf dem ganzen Kontinent.
Es war dann Léons Sohn Charles, der die Netsuke erwarb. Bei seiner Ankunft in Paris 1871 erst 21 Jahre alt, zog er in das für seine Familie erbaute prächtige Palais an der Rue Monceau. An dieser residierten bereits andere, jüngst aus dem Ausland eingetroffene jüdische Finanziers wie die Camondos aus Konstantinopel, die italienischen Cernuschi oder die Cattaui aus Ägypten. Charles war der dritte Sohn, der «Reservespross», und da er im Gegensatz zu seinen älteren Brüdern nicht in der Bank arbeiten musste, stand es ihm frei, seiner Kunstleidenschaft nachzugehen. De Waal betrachtet die privilegierte Existenz seines vermögenden Vorfahren zunächst mit Skepsis – so erwarb der junge Charles etwa ein Renaissance-Bett, das einst im Besitz der Medici gewesen war. Aber nach und nach zeichnet de Waal das Bild eines Mannes, der seinen Reichtum benutzt hat, um sich eine einzigartige Rolle in der dynamischen Kultur im Paris des ausgehenden 19. Jahrhunderts zu schaffen.
Charles verfasste zunächst Kritiken für die «Gazette des Beaux Arts» und wurde dann Chefredaktor, schliesslich Herausgeber der Zeitschrift. Er schrieb ein Buch über Dürer, freundete sich mit Malern des Impressionismus an und erschuf eine Sammlung mit 40 Gemälden dieser Schule (auf dem Renoir-Gemälde «Das Frühstück der Ruderer» ist er der Herr im Zylinder im Hintergrund, Anm. d. Red.). Charles war dem Louvre beim Erwerb eines Botticelli behilflich, kuratierte Ausstellungen von Zeichnungen und Portraits. Damit nicht genug spielte er auch in literarischen Zirkeln eine bedeutende Rolle. Der Dichter Jules Laforgue wurde sein ihm ergebener Sekretär, Proust ein guter Freund. De Waal hat gute Argumente für die These, dass sein Urgrossonkel ein Vorbild für Charles Swann in der «Suche nach der verlorenen Zeit» war. Wie andere Sammler in dieser Epoche liess sich Charles von der «Japonisme» genannten Leidenschaft für die im Westen bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts unbekannten Kunst Japans anstecken. Damals brachten Kunsthändler Drucke, Lackkästchen, Kimonos und Gegenstände aller Art nach Paris. Darunter auch Netsuke. Immer ein Mann der grossen Gesten erwarb Charles auf einen Schlag gleich 264 dieser Figürchen.
Antisemitismus und Eifersucht
Doch der rasante Aufstieg der Ephrussi als Geschäftsmänner und Mäzene weckte auch starken Antisemitismus. Klagten Snobs wie Edmond Goncourt über die Infiltration allzu vieler «Juden und Jüdinnen» in den Salons, die er als unerzogene Aufsteiger bezeichnete, so benutzten antisemitische Journalisten eine gröbere Sprache. 1886 veröffentlichte Edouard Drumont «La France Juive», das jüdische Bankier-Familien als gefährliche Aussenseiter brandmarkte, die Frankreich erobern wollten. Das Buch fand über 100000 Käufer. Im Jahr 1894 schwoll diese Strömung mit dem Beginn der Dreyfus-Affäre zu einer Flut an. Fortan zerfiel die Pariser Gesellschaft in jene, die an die Unschuld des jüdischen Offiziers glaubten und eine zweite Gruppe, die von seiner Schuld überzeugt war. Diese hielten es nun nicht mehr für notwendig mit ihren antisemitischen Vorurteilen hinter dem Berg zu halten. Ihre Prominenz liess die Ephrussi zur Zielscheibe besonders übler persönlicher Angriffe werden. In bestimmten Salons war Charles nun nicht mehr willkommen. Auch Künstler wie Renoir und Degas wandten sich von ihrem Förderer ab.
Dreyfus wurde erst 1906 von allen Beschuldigungen freigesprochen. Aber de Waal folgt der Vita von Charles nur bis 1899. In diesem Jahr sandte der Sammler seine Netsuke in ihrer mit Samt ausgelegten und verspiegelten Vitrine als Hochzeitsgeschenk für seinen Cousin Viktor von Ephrussi nach Wien, als dieser die Baroness Emmy Schey von Koromla heiratete. So fanden die winzigen Schnitzereien ein neues Heim in einem Palais, das an Pracht und Grösse den Regierungsgebäuden in seiner Nachbarschaft an der Ringstrasse gleichkam. Wie an der Rue Monceau trugen die Nachbarn der Ephrussi auch an der Ringstrasse Namen wie Todesco, Lieben, Königswarter oder Guttmann und gehörten zur Creme der jüdischen Gesellschaft Wiens.
Liessen die künstlerischen Interessen von Charles den «goût Rothschild» in Paris vergessen, so blieb dieser in dem 1870 für Léons Bruder Ignace erbauten Palais Ephrussi unübersehbar. Ignace war damals der zweitreichste Bankier Wiens hinter den Rothschilds. De Waal beschreibt seinen Wohnsitz als «aggressiv golden». Goldkanten zierten Wandpanele und Leisten im ganzen ersten Geschoss. Im Speisesaal wurde ein besonders geschätztes Service aus Gold zur Schau gestellt. Dieses trug das Familienwappen: das doppelte E der Ephrussi, Weizenähren und ein Schiff mit vollen Segeln auf einem goldenen Meer.
Doch das frisch verheiratete Paar fühlte sich in dem prächtigen «Nobelstock» nicht wohl und zog zusammen mit 17 Angestellten in die zweite Etage. In lebendigen Details beschreibt de Waal die Rituale des Familienlebens, die sich dort zwischen eleganten Möbeln und Altmeistergemälden abspielten. In einem von «über Jahrzehnte mit Luxus-Einkäufen» gefüllten Haus konnten die exotischen und ihrem Charakter nach bescheidenen Netsuke allein in Emmys Ankleidezimmer Platz finden. In diesen intimen Raum kamen Emmys vier Kinder Elisabeth, Gisela, Ignace und Rudolf, um ihre Mutter abends beim Anziehen für den Ausgang in die Stadt zu besuchen. Während ihre treue Zofe der Baroness bei der Auswahl ihrer Handschuhe, Schals und Hüte behilflich war, durften die Kinder Netsuke aus der Vitrine nehmen und mit den elfenbeinernen Ratten, den drei Kröten auf einem Blatt, der Badenden in einer Wanne, dem Samurai oder dem Hasen mit den Bernsteinaugen spielen.
Obwohl Wien die Stadt von Klimt, Mahler oder Schnitzler – ein entfernter Verwandter Emmys – war, spielte die künstlerische Avantgarde keine Rolle in einer Existenz, die von gesellschaftlichen Anlässen in der Stadt, Jagden und Ausritten auf dem Landsitz der Ephrussi in der Slowakei sowie Monaten in Paris, Monte Carlo und der Schweiz bestand. Aber auch an der Ringstrasse bewahrte der aristokratische Glanz ihrer Existenz die Ephrussi nicht vor der in Österreich so tief verwurzelten Judenfeindlichkeit. In Wien wurde dies öffentlich durch die Wahl des antisemitischen Bürgermeisters Karl Lueger deutlich. Aber in der gehobenen Gesellschaft waren die Schranken vielleicht noch strikter. Während nichtjüdische Junggesellen an den Tees und Abendessen von Emmy teilnahmen, traten nichtjüdische Frauen niemals in Erscheinung. Und nach ihrer Heirat überschritten auch die vorherigen Besucher die Schwelle des Palais Ephrussi nicht mehr.
Mit dem Ersten Weltkrieg begann der Niedergang der Bank Ephrussi. Hatte das Haus zuvor von den internationalen Verbindungen der Familie profitiert, waren Geschäfte mit den Zweigen in Russland und Frankreich nun nicht mehr möglich. Nach dem Krieg verwandelte sich Wien von der Hauptstadt eines Imperiums zum Regierungssitz einer kleinen, verarmten, von Inflation und sozialen Unruhen geplagten Nation, die immer tiefer in den Antisemitismus versank. Ein glühender Patriot, hatte Viktor im Gegensatz zu zahlreichen Standesgenossen während des Krieges nicht nur die Verlagerung seines Vermögens in die Schweiz abgelehnt, sondern auch massiv in die nun wertlosen Kriegsanleihen des Kaiserreiches investiert. Die Bank konnte die Zwischenkriegszeit nur dank fremder Investitionen überstehen.
In alle Winde zerstreut
Wenn der schicksalhafte März 1938 heraufdämmert, hat sich der Leser längst im Palais Ephrussi eingelebt. Obwohl die Kinder nun erwachsen waren und das Anwesen schon lange verlassen hatten, liefen die Tage immer noch ab wie in der Kaiserzeit. Emmy und Viktor waren von den diskreten Schritten ihrer Hausangestellten, dem Läuten unzähliger Uhren und dem Knarren der schweren, eichernen Eingangstüren umgeben, durch die der Portier Fahrzeuge in den verglasten Innenhof einliess. So erfährt der Leser einen tiefen Schock, als in der ersten Nacht nach dem «Anschluss» Nazi-Schurken in das Palais einbrechen und eine so genannte «wilde Arisierung» beginnen. Die Eindringlinge zerstören und rauben, was immer sie können. Als sie schliesslich Emmys Schreibtisch aus dem Ankleidezimmer im dritten Stock auf den Innenhof werfen, wo die von ihr über Jahrzehnte sorgsam abgelegten Briefe zerfleddern, wird die Verletzung so greifbar, dass diese Szene die Gräuel der folgenden Kriegsjahre vorwegnimmt.
Es war de Waals Grossmutter Elisabeth, die älteste Tochter von Viktor und Emmy, die ihren einsam zurückgebliebenen Eltern zunächst zur Flucht auf den Landsitz in der Tschechoslowakei verhalf. Von ihrem holländischen Pass geschützt war Elisabeth nach dem Anschluss in ihr Geburtsland zurückgekehrt. Aber bald wurde auch dort die Lage immer schwieriger. Emmy beging Selbstmord, ehe sie zu einem weiteren Umzug aufbrechen musste. So kam Viktor im März 1939 alleine nach England. An seiner Uhrenkette hing immer noch der Schlüssel zu seinen geliebten Bücherschränken. Er starb im Frühjahr 1945, nachdem er seine letzten Lebensjahre bescheiden mit Elisabeth und ihrer Familie in Tunbridge Wells verbracht hatte.
Bei Kriegsende war die Familie in alle Winde zerstreut. Elisabeth hatte sich in England niedergelassen. Gisela und ihr spanischer Mann lebten in Mexiko. Ignace und Rudolf dienten in der amerikanischen Armee. Bei ihrer Rückkehr nach Wien Ende 1945 entdeckte Elisabeth, dass der Besitz ihrer Familie nahezu vollständig verschwunden war. Die von den Nazis eingerichteten Büros im Palais wurden nun von den Alliierten benutzt. Der Landsitz existierte nicht mehr. Das grosse Bankhaus war aufgelöst worden. Die Möbel, die Kunst und das goldene Service – alles war gestohlen oder an anonyme Käufer versteigert worden. Und dennoch war inmitten dieser Zerstörung ein Wunder geschehen: Jemandem war es gelungen, die 264 Netsuke in Sicherheit zu bringen, um diese später an die Familie Ephrussi zurückzugeben. Wie dies geschah, soll der Leser dem Buch de Waals entnehmen. Der Mut und die Loyalität dieser selbstlosen Geste machen verständlich, warum die Netsuke den Kern dieser anrührenden Familiengeschichte bilden. ●
Edmund de Waal: «Der Hase mit den Bernsteinaugen: Das verborgene Erbe der Familie Ephrussi». Paul Zsolnay Verlag, Wien 2011.
Monica Strauss lebt und arbeitet als Publizistin in Manhattan. Sie betreibt den Blog refugeetales.com.