Gleichberechtigung anstatt Gleichheit für 5771
Die Herausforderung. Wieder einmal trennen Ethnien, Religionen, Kulturen und Herkunft die Menschen voneinander.
Der Staat. Diese Brüderlichkeit kennt keinen Vater. Diese Brüderlichkeit beruht auf der Verfassung. Die Aufklärungslosung Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit ist das Fundament demokratischer Verfassungen und kann in der Moderne nur Freiheit, Gleichberechtigung, Gemeinschaft bedeuten.
Gleichberechtigung. Die Losung war einst klar: Freiheit für Individuum, Geist und Glauben. Gleichberechtigung, die nicht gleich machen, sondern gleiche Rechte und Pflichten etablieren möchte. Gemeinschaft als Körperschaft mit sozialer Verantwortung gegenüber Einzelnen. Jüdinnen und Juden haben lange für diese Emanzipation anstelle der Assimilation gekämpft.
Freiheit. Diese Brüderlich- oder heute Schwesterlichkeit ist nicht naturgegeben, sondern der Vernunft entsprungen. Damit ist sie nicht menschlich, sondern vom Menschen gegen dessen Natur, gegen instinktives Handeln oder kreatürliche Archaik denkend errungen worden. Wider die Natur. Denn Bruderbeziehungen standen meist für Streit statt Eintracht. Die biblischen Darstellungen etwa von Kain und Abel, Isaak und Ismael, Jakow und Esau, Josef und seinen Brüdern, Mosche und Aaron handeln von Streit, Ausgrenzung, Verrat und Mord. Der Bruderzwist zieht sich durch Bibel und Geschichte wie ein roter Faden. Er war stets stärker als die Bande des Zusammenhalts. Bis zur Aufklärung.
Brüderlichkeit. Die aufgeklärte Brüderlichkeit ist eine Bruderschaft im Geiste und nicht im Blute. Die verbriefte Brüderlichkeit der Nächstenliebe ist eine Erfindung der klassischen Moderne, während sie davor meist Mythos blieb. Brüderlichkeit bis hin zur Revolution. Brüder im Denken und Handeln. Brüder als jene, die eine Werte- und keine ethnische Gemeinschaft bilden. Brüder und Schwestern letztlich, die nur durch Verfassung, Gesetz
und Kultur verbunden sind. Da wird irrelevant, welcher Ethnie etwa jener angehört, der ein Gesetz überschreitet oder Hilfe benötigt.
Die Herausforderung. Seit der Aufklärung ist der Begriff des Volkes tot. Seit der Aufklärung leben Bürgerinnen und Bürger. Das Individuum lebt in einer Gemeinschaft, die brüderlich wird durch eine gemeinsame Verfassung, aus der eine Kultur hervorgeht, die zum gemeinsamen Nenner wird. Eine Kultur, die nicht mehr quantitative Gruppen einander gegenüberstellt. Eine Kultur, in der Mehrheits- und Minderheitsgesellschaften ineinander übergehen und nur noch Mehrheiten und Minderheiten in Sachfragen bilden. Eine Kultur, die wiederum andere Kulturen schützt und innerhalb der Gemeinschaft fördert. Eine Kultur, die das Absolute nicht kennt, die Gottes- oder Religionsfragen aussen vor lässt und die Gewalten trennt: die Lebensversicherung für Jüdinnen und Juden seit jeher. Also gilt es, diese Kultur zu stärken im neuen bevorstehenden Jahr unter Jüdinnen und Juden und in der Gemeinschaft. Denn in dieser zivilisatorischen Errungenschaft, dem säkularen Rechtsstaat, werden Bürgerinnen und Bürger aller Couleur zu Brüdern und Schwestern nicht durch die Gemeinsamkeit und Gleichheit, sondern durch den Schutz der Unterschiedlichkeit und somit der Freiheit.