Glanzvoll gespielter Geniestreich

von Walter Labhart, October 9, 2008
Zu einem randvollen Kleinen Saal in der Zürcher Tonhalle verhalf dem Kammermusikabend der Tonhalle-Gesellschaft der Auftritt von Pinchas Zukermann (Violine und Viola), Ralph Kirshbaum (Violoncello) und Marc Neikrug (Klavier) in Verbindung mit einem geradezu idealen Programm. (23. Jan.) Beliebte Meisterwerke von Mozart, Mendelssohn Bartholdy und Strawinsky erlebten dabei Interpretationen von beispielhaftem Charakter.

In der 1919 am Genfersee entstandenen und dem Winterthurer Musikförderer Werner Reinhart gewidmeten Suite aus Igor Strawinskys Spiel «L’Histoire du Soldat» gesellte sich zu den regelmässig als Duo auftretenden Musikern Zukerman und Neikrug der Klarinettist Michael Reid hinzu. Ihr temperamentvolles Zusammenspiel gipfelte im Herauskristallisieren aller von Strawinsky objektivierten Merkmale der im «Petit Concert» vorgestellten Tanztypen Tango, Walzer und Ragtime. Im Klavierquartett g-Moll KV 478 von W. A. Mozart wirkten die Tonhalle-Musiker Bartlomiej Niziol (Violine) und Christian Proske (Violoncello) mit, indem sie im flexiblen Dialogisieren mit den Stargästen eine aus jedem Detail sprechende Übereinstimmung in Sachen Stilfragen und Ausdruck erzielten. Den mit spontanen Bravorufen verdankten Höhepunkt des Konzertes bildete das Oktett Es-Dur op. 20 für vier Violinen, zwei Bratschen und zwei Violoncelli von Felix Mendelssohn Bartholdy. Diesen Geniestreich brachte der frühreife Musiker im Alter von 16 Jahren zu Papier, als er für die im elterlichen Haus an jedem Sonntag veranstalteten Konzerte erstmals ein Werk in grösserer als der üblichen kammermusikalischen Besetzung schrieb.
Um die Klangeffekte eines Orchesters anzustreben, das ihm damals nicht zur Verfügung stand, wünschte Mendelssohn Bartholdy: «Dieses Oktett muss von allen Instrumenten im Stile eines sinfonischen Orchesterwerkes gespielt werden. Pianos und Fortes müssen genau eingehalten und schärfer betont werden als gewöhnlich in Werken dieses Charakters.» Mit dem Oktett für Streicher schuf der jugendliche Komponist das erste Werk dieser Art. Im zauberhaft luftigen Scherzo (3. Satz) beschwört Mendelssohn Bartholdy jene Welt der Elfen und Geister herauf, welche in der Ouvertüre zu Shakespeares «Sommernachtstraum» zur vollen Entfaltung kommt. Die Phantasie des ungemein belesenen Komponisten entzündete sich an Goethes «Faust», wobei er sich vor allem vom Walpurgisnachtstraum anregen liess: «Wolkenzug und Nebelflor erhellen sich von oben / Luft im Laub und Wind im Rohr - und alles ist zerstoben.» Leichtfüssiger hätte man sich dieses fantastische Scherzo nicht vorstellen können, wie denn das ganze Werk eine Darstellung von grösster Lebendigkeit und klanglichem Feinschliff erfuhr.