Geschlossene Kirchen im Heiligen Land

von George Szpiro, October 9, 2008
Die Kirchen in Israel blieben aus Protest gegen den geplanten Bau einer Moschee in Nazareth während zwei Tagen geschlossen. Obwohl Israel in dem Konflikt zwischen Christen und Moslems bloss zu vermitteln suchte, versuchen die Kirchenfürsten dem jüdischen Staat den schwarzen Peter zuzuschieben.
Geschlossene Türen: Im Konflikt um den Bau einer Moschee in Nazareth greift die Kirche zu Kampfmassnahmen. - Foto KY

Aus Protest gegen den geplanten Bau einer Moschee in Nazareth hatten die Kirchen in Israel am Montag einen Streik begonnen, der auch am Dienstag anhielt. Alle heiligen Stätten des Landes blieben geschlossen. Auch Bethlehem im autonomen palästinensischen Gebiet schloss sich dem Ausstand an. Einzige Ausnahme von dem Protest bildete ausgerechnet die Verkündigungskirche in Nazareth, die das Zentrum des Streites darstellt. Sie gewährte den Gläubigen auch am Montag Einlass. Laut dem Neuen Testament verkündete der Erzengel Gabriel in Nazareth Maria die kommende Geburt ihres Sohnes, und in dieser Stadt verbrachte Jesus auch seine Kindheit. Beim Streitobjekt handelt es sich um etwa 700 m2 des öffentlichen Platzes vor der Verkündigungskirche. Die christliche Gemeinde beanspruchte den Platz aber für sich und berief sich dabei auf Dokumente, die die angeblich wahren Besitzverhältnisse wiedergaben. Doch der Waqf, die Verwaltungsbehörde für islamische Heiligtümer, behauptet, dass das Grundstück ihm vermacht worden sei, und will darauf eine Moschee bauen. Jahrelang hatten die Moslems der Stadt auf dem Grundstück ein Protestzelt unterhalten, in dem sie tagtäglich beteten. Zu allem Überfluss galt das Protestzelt als Ehrenzeichen für eine historische Persönlichkeit namens Schechabeddin, einen Neffen Saladins, der die Kreuzfahrer im zwölften Jahrhundert gewaltsam aus Jerusalem vertrieben hatte.
Der Konflikt drohte Israel bei den für das Jahr 2000 erwarteten Millionen von Touristen in Verlegenheit zu bringen, und auch die Reise des Papstes, die für Ende März vorgesehen ist, geriet plötzlich in Gefahr. Israel, das ja in Nazareth die Staatsgewalt innehat, versuchte in der Sache zu vermitteln, doch gleichzeitig gelangten die Streitparteien an das Oberste Gericht. Das Urteil, das die Oberrichter schliesslich aussprachen, lautete zu Gunsten der Christen, doch war damit nicht das letzte Wort gesprochen. Die Proteste und Unruhen nahmen nicht ab, und die Muslime beharrten weiter auf dem Bau einer Moschee. Israel versuchte erneut zu vermitteln und machte einen Vorschlag, von dem es sich erhoffte, beide Seiten würden damit zufrieden gestellt. Laut Plan soll zwar eine Moschee auf dem umstrittenen Grundstück gebaut werden, doch wurde die christliche Gemeinde dafür mit einem 10 000 m2 grossen Grundstück aus Staatsbesitz entschädigt. Die Ladenbesitzer auf dem Platz vor der Verkündigungskirche sollen finanzielle Entschädigungen erhalten.
Ein Sprecher des israelischen Ministeriums für innere Sicherheit erklärte, dass der Kompromiss sowohl von den Christen als auch von den Muslimen gebilligt worden sei. Doch die Rechnung war ohne die Kirchenvertreter in Israel gemacht worden. In einem an «alle Botschafter, Christen und Reiseagenten im Heiligen Land» adressierten Schreiben kündeten der lateinische, der griechisch-orthodoxe und der armenische Patriarch vor zwei Wochen den Streik der Kirchen an. Mit Recht bemerkten die Patriarchen zwar, dass der vorgeschlagene Kompromiss dem obergerichtlichen Entscheid widerspreche. Aber dann glitt das Schreiben ins Perfide ab. Da wird bloss vom guten Einvernehmen gesprochen, das in Nazareth seit Jahrhunderten zwischen Christen und Muslimen geherrscht habe. Der Konflikt mit dem Waqf wird geflissentlich übergangen. Sodann wird allein Israel für den Zwist verantwortlich gemacht und behauptet, dass der jüdische Staat mit dem Kompromissvorschlag der Einheit des palästinensischen Volkes schaden wolle. (Wohlgemerkt: In Israel besitzen christliche und muslimische Araber die israelische Staatsbürgerschaft.) Offenbar darf das angeblich harmonische Verhältnis zwischen Christen und Muslimen um keinen Preis gestört werden, und der israelisch-palästinensische Konflikt muss als Ablenkungsmanöver herhalten. Die Tatsache, dass eine andere den Christen heilige Stadt, Bethlehem, unter palästinensischer Verwaltung steht, dürfte die Patriarchen zum Leisetreten gegenüber den Muslimen bewogen haben. Da ist es eben leichter, dem allseits ungeliebten Israel den schwarzen Peter zuzuschieben. Beihilfe erhielten die Patriarchen vom islamischen Rat in der Autonomiebehörde. Dieser forderte die Glaubensgenossen in Nazareth auf, auf den Bau der Moschee zu verzichten oder zumindest den Baubeginn zu verschieben. Die «weise Initiative» der Moslems aus den palästinensischen Gebieten wurde von den Kirchenfürsten in Israel begrüsst. Die Situation in Nazareth müsse sich beruhigen, damit das künftige Zusammenleben zwischen Christen und Moslems gewahrt bleibe. Doch der Führer der islamischen Bewegung in Nazareth lehnte eine Verschiebung der Grundsteinlegung ab. Auch die Christen in der Stadt sind dem Kompromiss nicht abgeneigt, und aus diesem Grund schloss sich die Verkündigungskirche dem Streik am Montag nicht an. In einer Deklaration des dortigen orthodoxen Rates hiess es, dass der Streik den Zwist zwischen Muslimen und Christen bloss vertiefe. Am Dienstag fand die Grundsteinlegung zum Bau des moslemischen Gotteshauses statt. Zur Beruhigung der Gemüter wurde die Bautätigkeit jedoch nach der zeremoniellen Grundsteinlegung sofort wieder eingestellt und soll erst im Jahr 2001 wieder aufgenommen werden.Nachrichtenlose Konten auch in Israel

Am vergangenen Donnerstag hat der Rechtsanwalt Roland Roth, der die Interessen von Überlebenden des Holocaust und Erben von Opfern vertritt, beim Friedensgericht in Jerusalem Klage gegen «Bank Leumi LeIsrael» (BLL) eingereicht. Mit dem gerichtlichen Vorgehen will er die Bank zur Offenlegung aller Daten über nachrichtenlose Konten aus der Zeit vor dem Holocaust erzwingen. Damit ist der Startschuss für einen Prozess abgegeben, der zu einer Untersuchung und schliesslich zur Klärung der Methoden israelischer Banken im Umgang mit nachrichtenlosen Konten führen dürfte. Nachdem also die jahrelange Kontroverse um nachrichtenlose Konten zwischen jüdischen Organisationen und Schweizer Banken mit einem Vergleich beigelegt wurde, kommen nun israelische Banken an die Reihe. Als erste Reaktion auf die Klage kündete BLL diese Woche an, dass sie Einzelheiten über etwa 5000 nachrichtenlose Konten per Internet bekannt geben werde. Vermeintliche Erben, die in der Veröffentlichung Guthaben ihrer Vorfahren zu erkennen glauben, können ihre Ansprüche sodann bei der BLL anmelden.
Als Beispiel für die angeblich bisher gehandhabte, engstirnige Informationspraxis der Bank zitiert der Advokat den Fall zweier polnischer Juden, die in den Jahren 1934/35 tausend englische Pfund auf einem Konto der Anglo Palestine Bank deponierten, der Vorgängerin von BLL aus der Zeit vor der Staatsgründung. Diese Summe sollte ihnen offenbar nach der für später vorgesehenen Einwanderung als Existenzgrundlage dienen. Die beiden unglücklichen Depositäre konnten ihre Alija-Pläne aber niemals wahr machen. Wie Millionen andere Glaubensgenossen kamen sie in den Höllen des Holocausts ums Leben.
Über ein halbes Jahrhundert später versuchte die Alleinerbin der beiden Polen Aufschluss über den Verbleib des angeblichen Guthabens zu erhalten. Man hätte nun meinen dürfen, dass israelische Bankiers etwas mitteilsamer sein würden als ihre Schweizer Kollegen, doch die BLL nahm zu sattsam bekannten Taktiken Zuflucht. Zuerst verlangte sie von der Erbin Beweise für die angebliche Konteneröffnung, obwohl sie nach Ansicht des Anwalts wissen musste, dass solche Dokumente nicht vorhanden waren. Dann berief sie sich auf das Bankgeheimnis und machte schliesslich geltend, dass sie über so weit zurückreichende Konten keinerlei Information mehr besässe. In einem Brief an die Bankenaufsichtsbehörde widerspricht sich die Bank sodann aber selber. In dem Schreiben machte BLL nämlich geltend, dass sie einem Ersuchen nach Auskunft über ein spezifisches Konto wegen der Fülle der vorhandenen Daten nicht nachkommen könne. Ausserdem seien alle Dokumente sowie die relevanten Guthaben aus der Zeit vor dem Holocaust dem so genannten Apotropos, der israelischen Verwaltungsbehörde für nachrichtenlose Güter, übergeben worden.
Letzterer Behauptung widerspricht allerdings ein Gutachten der Bankenaufsichtsbehörde vor einigen Monaten, laut dem bloss Angaben über Konten aus jüngerer Zeit überwiesen worden seien. Auch das Amt des Apotropos bestätigte, dass es bloss im Besitz nachrichtenloser Konten aus den 60er und 70er Jahren sei. Der klagende Rechtsanwalt verlangt von BLL die Veröffentlichung aller relevanten Daten über nachrichtenlose Konten, deren heutigen Gegenwert er auf ungefähr 120 Mio. Dollar bezifferte. Einer besonderen Erwähnung wert fand der Rechtsanwalt die Tatsache, dass die Gründungscharta der Muttergesellschaft der Anglo Palestine Bank ausdrücklich die Wahrung der Interessen des jüdischen Volkes als eines ihrer Ziele aufführte. Die Verhandlung über den Fall wird voraussichtlich in einigen Wochen, nach Erhalt der Verteidigungsschrift der BLL durch das Gericht, aufgenommen werden.

Barak «takes it easy» in New York

Die Reise von Ministerpräsident Barak nach New York, die sich an seine Teilnahme an der OSZE-Konferenz in Istanbul anschloss, wird in Israel kritisiert. Insbesonders der laxe Zeitplan des Ministerpräsidenten scheine auf mangelhafte Vorbereitung zurückzuführen zu sein, was umso schwerer wiege, meinten die Kritiker, als zu Hause dringende Probleme einer Lösung harrten. Sprecher des Regierungschefs hielten dem entgegen, dass Barak ausländische Investitionen in Israel fördern wolle und zu diesem Zweck auch die New Yorker Wall Street besuchen müsse. Seine Teilnahme an einer Veranstaltung amerikanischer jüdischer Organisationen musste abgesagt werden, da «Air Force Number One», das Flugzeug des Regierungschefs, bei einem Zwischenhalt auf dem Flughafen von Manchester beschädigt wurde. Ein Versorgungsfahrzeug des Flughafens rammte die Maschine des Ministerpräsidenten, und der Schaden konnte nicht sofort behoben werden. Barak musste die Nacht in Manchester verbringen und konnte seine Reise erst am folgenden Tag mit einem Linienkurs fortsetzen.

Der Autor ist Israel-Korrespondent der NZZ