Geschichte und Architektur vereint

von Gisela Dachs, February 5, 2009
Das legendäre King-David-Hotel in Jerusalem war schon von jeher Treffpunkt hochrangiger Weltpolitiker und illustrer Gäste. Ein Blick auf ein israelisches Aushängeschild zu 60 Jahre Israel.
LEGENDÄRES KING-DAVID-HOTEL Einst auf einem Wüstenhügel mit direktem Blick auf Jerusalems Altstadt gebaut

Sucht man nach einem Symbol für die Geschichte Israels, gibt es wohl kaum ein besseres Beispiel als das King David. Das Hotel mit Weltruf war einst auf einem Wüstenhügel gebaut worden, mit direktem Blick auf die Altstadt, heute liegt es mitten in Jerusalem. Aber immer noch ragt das Gebäude erhaben heraus. Hier spielten sich viele Liebes- und Spionagegeschichten ab, wohnten Monarchen und Filmstars, bezogen Militärs zeitweilig Quartier, machten Staatsmänner Nahostgeschichte. Es war das erste Fünf-Sterne-Hotel in Palästina und ist wohl auch das einzige, das von einem nachmaligen Ministerpräsidenten bombardiert wurde.
Wer hier absteigt, befindet sich in allerbester Gesellschaft. Dem lässt sich mittlerweile sogar buchstäblich «nachgehen». Aus vier Gästebüchern wurden die Unterschriften prominenter Gäste ausgewählt, deren Namen sich nun – in vergrössertem Original – auf einem schmalen Marmorteppich in der Mitte des Hauptgangs aneinanderreihen. Auf Fliesen verewigt sind so unter vielen anderen die Einträge von Winston Churchill 1934, Arturo Toscanini 1937, Otto Preminger 1960, Marc Chagall 1962, Yul Brynner 1965, Günter Grass 1967, Gerald Ford 1972, Richard Burton und Elizabeth Taylor 1975, Michail Gorbatschow 1992, König Hussein von Jordanien 1995. Fast ehrfürchtig schreitet man an dieser langen Liste entlang.
Jeder Besuch hat eine Geschichte. Zu den ganz grossen historischen Ereignissen zählt die Anwesenheit von Anwar el-Sadat am 19. November 1977. An diesem Tag empfängt Regierungschef Menachem Begin den ägyptischen Präsidenten bei dessen Überraschungsbesuch in Israel. Dieser soll den Weg bahnen für das erste Friedensabkommen Israels mit einem arabischen Nachbarn, das dann zwei Jahre später in Camp David unterzeichnet wird. Als sich das Hotelpersonal kurzfristig auf Sadats Eintreffen vorbereiten muss, ist die Aufregung gross. Doch mehr als einen angenehmen Rahmen kann es auch nicht bieten, um die frostige Atmosphäre beim Abendessen der beiden Delegationen aufzuwärmen. Sadat, der zwischen Begin und Moshe Dayan sitzt, stochert stumm in seinem Essen herum, auch die anderen schweigen über ihren Tellern. Dann erhält Sadat einen Anruf aus Ägypten, der das Eis bricht. Er ist Grossvater geworden.
Als viele Jahre später das Königreich Jordanien offiziell mit Israel Frieden schliesst, wird das Vertragswerk zwar nicht im Hotel unterzeichnet, aber auf dessen beeindruckendem Marmortisch, der im Raum neben der Bar steht. Auf der Suche nach einem angemessenen Möbelstück für die Versöhnungszeremonie von 1995 zwischen König Hussein und Itzhak Rabin war das Aussenministerium im King David fündig geworden und hatte den Tisch eigens mit einem Lastwagen in die Arava-Wüste transportieren lassen. Nach der Ermordung Rabins wenige Monate später beherbergte das King David die Trauergäste aus aller Welt. Darunter Ägyptens Präsident Hosni Mubarak, Bill Clinton und Prinz Charles, der sich klaglos mit einem einfachen Zimmer zufrieden gab. Wie beim Besuch Sadats hatte das Hotelpersonal nur 24 Stunden Zeit, um sich auf den prominenten Ansturm vorzubereiten. Bis heute müssen solche Besuche aus Sicherheitsgründen genauesten mit dem Inlandsgeheimdienst koordiniert werden.

Der Anschlag

Die Gäste betreten das Hotel bis heute durch dieselbe Drehtür, die es schon bei der Eröffnung 1931 gab. Errichtet wurde das King David von der ägyptisch-jüdischen Bankiersfamilie Mosseri, denen bereits das berühmte Mena House in Ägypten mit Blick auf die Pyramiden gehört. Nach ihrer Vorstellung sollte es auch in Jerusalem einen Ort voller Glanz geben, mit Sicht auf Felsendom, Grabeskirche, Zionsberg. Die Pläne stammten vom Luzerner Architekten Emil Vogt. Ihm schwebte ein palastartiges Gebäude mit vier Stockwerken vor (viel später kamen noch zwei weitere hinzu), eine Luxusherberge im britischen Mandatsgebiet mit reichhaltigen Ornamenten – die vor allem etwas über die Vorstellung eines Schweizers vom Orient und der Welt unter den alten Juden aussagten. So lässt sich der koloniale Festungscharakter vielleicht am besten erklären.
Das damalige Personal bestand aus dunkelhäutigen Sudanesen und Ägyptern, sie trugen weisse Galabijas und rote Fes. Dass hier sogar beim Sport Wert auf Eleganz gelegt wurde, zeigt ein Foto von 1935 mit dem arabischen Jerusalemer Bürgermeister Ragheb Nashashibi. Beim Tennisspiel auf dem hoteleigenen Platz trägt er – neben seinem Fes – Anzug, Krawatte und dunkle Lackschuhe. Zu dieser Zeit aber hatte die arabisch-jüdisch-britische «Koexistenz» bereits tiefe Risse.  
Als es ein Jahr später zum arabischen Aufstand kam, schlug die britische Armee ihr Quartier im King David auf. Später mietete die Mandatsverwaltung den gesamten Südflügel des Hotels an. In die Küche dieses Südflügels schleppten am Vormittag des 22. Juli 1946 sechs Aktivisten des Irgun – jener jüdischen Untergrundorganisation, die gegen die britische Herrschaft in Palästina kämpfte und dessen Vorsitzender der spätere Ministerpräsident Menachem Begin war – sieben Milchkannen voller Sprengstoff. Nachdem die Zeitzünder eingeschaltet waren, wiesen sie mit Warnrufen auf die Bomben hin. Doch diese wurden ignoriert. Die Bilanz: mehr als 80 Tote und viele Verletzte. Zu den Opfern gehörten Briten, aber auch Araber und Juden. Über die Frage, warum das Hotel nicht geräumt wurde, wird bis heute gestritten. War es britische Arroganz oder überstieg das Attentat ganz einfach das Vorstellungsvermögen der Mandatsmacht? In jedem Fall blieb das King David auch nach dem Anschlag noch das Verwaltungszentrum der Briten in Palästina bis zum Mai 1948 – dem Ende ihres Mandats und der Gründung des Staates Israel.

Willkommen daheim

Auf einem der vielen historischen Fotos in der Lobby ist dokumentiert, wie 1948 ein Team der Vereinten Nationen die Flagge des Roten Kreuzes einzieht und die der Uno aufhängt, bevor das Hotel den israelischen Behörden übergeben wird. Auf einem anderen sieht man Ministerpräsident David Ben Gurion 1949 bei einem Hotel-Empfang zu Ehren der ersten israelischen Regierung. An weniger prominenter Stelle, im Treppenaufgang, sind auch die weniger offiziellen Schnappschüsse ausgestellt: Jimmy Carter, wie er verschwitzt in Shorts mit seinen Bodyguards vom Joggen zurückkommt. Moshe Dayan, an einem Tisch auf der Hotelterrasse, in Dokumente versunken. Liz Taylor, ihre Handtasche fest im Griff, neben Richard Burton mit abweisender Miene. Oder der unvergessliche Marcello Mastroianni vor einem Mikrofon, genüsslich an einer Zigarette saugend.
Trotzdem – oder gerade wegen dieser ständigen Prominenz – wird natürlich Wert auf ganz normalen Hotelbetrieb gelegt. Um 11 Uhr vormittags ist die Lobby voller Touristen aus Frankreich, denn ein junges Paar aus Paris heiratet am Nachmittag in einem der prunkvollen Säle. Im Frühstückszimmer räumen Kellner mit schwarzer Fliege und weissen Jacketts gerade die letzten Gedecke ab. Viele von ihnen sind Palästinenser aus Ostjerusalem und arbeiten schon seit Jahrzehnten hier. Ihre Anwesenheit hat damit zu tun, dass die legendäre arabische Gastfreundlichkeit immer schon einen besseren Ruf genoss als die jüdisch-israelische. Dass sich die meisten der insgesamt 300 Angestellten lange kennen, trägt dazu bei, dass die Hotelmaschinerie so reibungslos funktioniert.
Dies sei natürlich das A und O eines Weltklassehotels, sagt Delegationsdirektor Sheldon Ritz. Ein wenig lebt er aber dennoch immer in Sorge, dass trotz aller Planung irgendetwas durcheinander geraten könnte. Wenn sich zum Beispiel ein hochrangiger Gast im letzten Moment entscheidet, seinen Aufenthalt zu verlängern. Denn dann müssten Normalsterbliche umquartiert werden, was durchaus Ärger verursache. Denn schliesslich zahlen auch diese eine Menge Geld. Ab 400 Dollar pro Nacht für ein einfaches Zimmer und bis zu 3200 Dollar für die Royal Suite. An Feiertagen noch mehr.
Sheldon Ritz kümmert sich besonders gern um die Stammgäste, die von ihm bei der Ankunft – je nach Besucherfrequenz – mit «welcome back» oder sogar «welcome home» begrüsst werden. Manche Prominente seien schweigsam, andere plauderten viel, wenn er sie dann mit dem Aufzug in ihr Zimmer führe. Tony Blair atme jedes Mal erleichtert auf, wenn er das King David betrete, und zeige sich äusserst kontaktfreudig.
In diesem Frühjahr herrscht ein ungewöhnlicher Hochbetrieb. Zu den Feierlichkeiten anlässlich des 60. Geburtstags des Staates Israel ist natürlich schon lange alles völlig ausgebucht. George W. Bush wird erwartet, Nicolas Sarkozy und viele andere. Es gab aber auch schon andere Zeiten. Während den beiden Intifadas und nach dem Libanonkrieg vom Sommer 2006 gab es erst einmal eine Flaute. Aber dann dauert es nicht lange, bis der Nahost-Polittourismus umso stärker wieder einsetzte. Man dürfe nicht vergessen, sagt Ritz, «je mehr es knallt, um so mehr Abgesandte kommen zu uns». Zu solchen Zeiten ist das King-David-Hotel dann nicht nur ein Symbol für die Geschichte des Landes, sondern zugleich eine Art Nabel der Welt.