Gelebte Menschlichkeit und Jüdischkeit
Die Sonne schien hell und vielleicht auch trügerisch an jenem frühsommerlichen Julimorgen im Jahre 1938. In Wien geboren und aufgewachsen war jener Tag der Einschnitt in seinem Leben, auf den sich sein künftiger Werdegang immer wieder wie das Wasser am Felsen in der Brandung zurückbesinnen sollte. Es war jener Tag, an dem der 18jährige Heinrich Ungar mitten aus dem Leben gerissen, Abschied von Familie, Freunden und Heimat, von der Kindheit, den Wurzeln und der ihn prägenden jüdischen Umgebung, nicht zuletzt auch von seiner Lehrstelle als Schneider nehmen musste. Zwischen Ende und neuer Chance machte er sich mit seiner Schwester und seinem Onkel auf den Weg in die Schweiz, flüchtend vor dem drohenden Inferno, das er nicht kannte, aber erahnte. Eben noch Kind, stand er nicht nur an der Schwelle des Erwachsenwerdens, er stand vor dem Neubeginn, an der Schwelle eines fremden Landes, an der Schwelle in die Ungewiss-heit. Es war dieser Tag, genau 18 Jahre nach seiner Geburt am 14. Mai 1920, die Flucht von Wien unmittelbar vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, dieser Tag, der später unausgesprochen immer wieder im Zentrum seines Lebens stand. Jeder Schritt war an jenem Tage eine Grenzerfahrung, jeder Schritt ein Schritt in eine offene, aber vielleicht rettende Zukunft, jeder Schritt einer, der Grenzen überschritt. Die Grenzerfahrung der Angst, diejenige der Verantwortung um seine Familie und die Grenzerfahrung, dass damals nur wenige Meter zwischen Leben und Tod entschieden, diese Gratwanderung an jenem Julimorgen waren Heinrich Ungar fortan Bezugspunkt, der Fels in der Brandung seines Lebens. Und es war nicht zum letzten Mal die Erfahrung, Wand an Wand mit dem Ungeheuren, mit dem Tod zu sein. Eine Auseinandersetzung, vor der Heinrich Ungar sich ein Leben lang nie fürchtete, für die er vielmehr eine besondere und unverkrampfte Dialektik entwickelte.
Das geschenkte Leben
Mit je 10 Mark und einem Zigarettenpäckchen in der Tasche machten sich die drei Ungars an jenem Tage auf den Weg mit Ziel Schweiz - dem Ziel Freiheit. Gegen Abend an der Grenze nahe Basel stehend, wurden die Flüchtlinge von deutschen Grenzwachtposten gestellt, aber entlassen. Mit Ratschlägen wann, wie und wo sie die Grenze zur Schweiz zu übertreten hatten, entliessen die Deutschen die drei. Sie durchquerten bei Nacht und Nebel den Fluss «Wiese» und umgingen so die Schweizer Wachposten. Der Taxichauffeur, der sie zur Flüchtlingsherberge bringen sollte, entliess die Neuankömmlinge mit den Worten, als diese die Fahrt bezahlen wollten: «Behaltet das Geld, dass werdet ihr noch gut brauchen können.» Obwohl Heinrich Ungar stets dankbar über seine Rettung in der Schweiz war, vergass er niemals auch die bitteren Stunden in den Kriegsjahren. So kam er kurz nach seiner Ankunft in Basel ins Arbeitslager Bad Schauenburg, wo er in die Sektion Strassenbau eingeteilt wurde. Sein letzter Ausflug wenige Woche vor seinem Tode führte ihn nochmals dorthin zurück, gleichsam eine Reise in die Erinnerung.
Später begann er in seinem angestammten Beruf als Schneider zu arbeiten. Doch bei dem vermeintlichen Neuanfang zeigte sich bald eine bittere Realität: Sein Chef war ein besessener Nazisympathisant.
Der junge Heinrich Ungar lernte zu ertragen, auszuhalten. Doch sein Gerechtigkeitssinn liess ihn sich immer wieder für die Mitarbeiter einsetzen. Schliesslich ertrug er die Atmosphäre nicht mehr und ging.
Im Jahre 1944 lernte er seine spätere Gattin Claire Abisch kennen. Sie war mit ihrer Familie aus Berlin geflüchtet. Ihr Vater gründete in Basel mit Hilfe der Familie Jakubowitsch einen Bücherverlag. Einige Zeit später kaufte Vater Abisch die Sportpublikation Maccabi auf. Um seine Familie ernähren zu können, verkaufte er Inserate. Nach der Heirat seiner Tochter Claire mit Heinrich Ungar bot er diesem eine Stelle als Inseratenverkäufer an. Von da begann der Aufstieg der Wochenzeitung Jüdische Rundschau Maccabi. Der älteste Sohn des Ehepaares Ungar, Jacques, war schon geboren, als Claire und Heinrich Ungar in einem kleinen Zimmer in der Largitzestrasse die Verwaltung der Zeitung aufbauten und so den Weg vom kleinen Sportblättchen zur professionellen Wochenzeitung mit Schwerpunkt Israel ebneten.
Der Herausgeber im Hintergrund
In den folgenden Jahren gebar Claire Ungar die zwei Töchter Ruth und Judith. Die Familie nahm fortan in Heinrich Ungars Leben einen zentralen Platz ein. Zusammen mit dem Judentum war sie es, die ihm Kraft gab, in der zufällig erreichten Schweiz neue Wurzeln zu schlagen. So wurde der Begriff Heimat in Basel für Heinrich Ungar wieder greifbar. Im Februar 1957 erhielt die Familie das Bürgerrecht der Stadt Basel. Ein Angebot des österreichischen Staates auf Wiedereinbürgerung in den 80er Jahren wies Heinrich Ungar von sich. Seine Heimat waren Basel und das Judentum, zu Österreich wird er fortan ein ambivalentes Verhältnis haben. Dass in Österreich kurz vor seinem Tod eine Rechtskoalition an die Macht kommt, hat Heinrich Ungar denn auch nicht verwundert.
Einsatz Familienbetrieb
Die JR entwickelte sich unter Heinrich Ungar zur angesehenen Zeitung. Ganz Kaufmann und besorgt um die kommerzielle Sicherung der Firma noch bis wenige Tage vor seinem Ableben, machte er sich nie viel daraus, den Titel des Herausgebers zu tragen, er war nicht der Mann grosser Worte. Er gab nicht viel auf Repräsentieren, an Einladungen und Partys sah man ihn ganz selten, viel mehr lag ihm daran, die jüdische Linie der Zeitung zu verfolgen, Inhalt zu liefern. Frühzeitig gab er jungen jüdischen Journalisten die Chance, bei der Zeitung als Mitarbeiter und Redaktoren einzusteigen. Viele begannen bei der JR ihre journalistische Laufbahn, nicht wenige machten später Karriere. Den Anfang einer ganzen Reihe von jungen und dynamischen Redaktorinnen und Redaktoren machte anfangs der 70er Jahre sein Sohn Jacques.
Seine bescheidene, zurückhaltende Art, abseits der Öffentlichkeit zu helfen, zu fördern, zu unterstützen - vieles gäbe es im Wesen Heinrich Ungars hervorzuheben. Doch eines stach heraus: jungen Menschen, Angestellten, Zuwanderern, eine Chance zu geben. Er, der sich seine Chance erkämpfen musste, wusste nur allzu gut, was es heisst, vor dem Nichts zu stehen. Die Jugend, die Förderung junger jüdischer Menschen im Berufsleben, das war, was die Jüdische Rundschau über 40 Jahre prägte. Und es sprach für ihn, so sehr im hektischen Zeitungsbetrieb auch die Fetzen fliegen mochten, dass er die junge Generation gewähren liess, die kreative Freiheit und die Möglichkeit zur Entwicklung nicht einschränkte, wenngleich ihm, dem Herausgeber, nicht immer alle Veränderungen, die rasanten technischen und verlegerischen, gefielen. Heinrich Ungar war mit seiner Gattin Claire stets darum bemüht, dass die JR im merklich härter werdenden Verlagsgeschäft der Familienbetrieb blieb, in dem menschliche Werte und die mitunter kritische Verbundenheit zu Israel im Vordergrund stehen.
Humor und der Tod
Sein ausgeprägter Humor gab ihm oft die Überlegenheit, die Dinge mit Distanz zu betrachten. Mit dem stets liebenswürdigen Lächeln begegnete er vielem mit einer spitzbübischen Ironie. So auch dem Tod. Paradox? Nein. Heinrich Ungar redete über ihn nie mit Verdruss. Als ob er jeden Tag nach seiner Flucht dankbar war, dass er noch lebte, war ihm der Tod nie ein Fremder. Wand an Wand lebte er auch in den letzten Jahren mit ihm. Seine verschiedenen Spitalaufenthalte, vor allem aber seine jahrzehnte lange Tätigkeit in der «Chewra Kadischa», zeigten ein nüchternes, unverkrampftes Verhältnis dazu. Der Tod war ihm nicht das andere, sondern ein integraler Teil des Lebens, die Vollendung des jüdischen Lebens. Denn letztlich war Judentum neben der Familie das tragende Element in seinem Wirken. Kaum ein Tag, an dem er nicht einer der ersten beim Gebet war, kaum ein Tag ohne Lernen. Heinrich Ungar war Jüdischkeit. Und es lag ihm viel daran, diese Jüdischkeit und Religiosität seinen Kindern, Enkeln und Urenkeln weiterzugeben. Heinrich Ungars Einfachheit war seine Grösse. Er schmückte sich nicht mit den Namen und Geschichten in der Zeitung, das Jüdische war ihm wichtiger als die Rundschau, das war sein tägliches Anliegen, in und ausserhalb der Büros.
Das Lächeln der Güte
«Ich habe nicht mehr daran geglaubt, aber ich bin froh, dass ich wieder zurück in Basel bin», meinte Heinrich Ungar vor wenigen Monaten, als er geschwächt von einem Spitalaufenthalt in Israel zurückkam. In Basel, zu Hause an der Gotthelfstrasse wollte er sterben. Vor dem Tod hatte er keine Furcht, nur davor, in der Fremde zu sterben, fernab seiner Nächsten. Und auf einmal ist der stets elegant gekleidete alte Mann mit dem jugendlichen Lächeln nicht mehr. In seinem Lebenswerk aber werden seine Ideale, sein Anliegen um das Judentum und seine Familie weiterleben. Nochmals schien die Sonne, wie einst an jenem frühsommerlichen Morgen, am Donnerstag vor einer Woche während der Beerdigung. Sie erwiderte Heinrich Ungars Lächeln und Güte. Den schmerzlichen Verlust mochte sie nicht lindern. Aber sie erinnerte nochmals an das geschenkte Leben und an Heinrich Ungars tägliche Dankbarkeit.