Gelassen und selbstsicher

Von Jacques Ungar, September 22, 2010
Der Name «Heartlander» des in Har Bracha bei Nablus gezüchteten Weins macht es klar: Für die jüdischen Siedler sind und bleibt das Gebiet von Nordsamaria das «Herzland» von Israel. Ein Augenschein wenige Tage vor dem offiziellen Auslaufen des Baustopps am 26. September.
SIEDLER DAVID HAIVRI Sieht keine Berechtigung für einen weiteren Palästinenserstaat

Unaufhaltsam rieselt der Sand in der in grossen Buchstaben mit «Baustopp» angeschriebenen Uhr. Wenn an dem von allen gefürchteten oder ersehnten Datum – am 26. September, dem offiziellen Ende des partiellen Baumoratoriums für die Siedlungen der Westbank – das letzte Korn durch den schmalen Hals gefallen sein wird, werden wir vielleicht klüger sein und wissen, ob die seit zehn Monaten im Stillstand geölten und einsatzbereit gehaltenen Baumaschinen in den Siedlungen tatsächlich wieder mit Volldampf zu arbeiten beginnen werden und die Palästinenser darauf die kaum angelaufenen Verhandlungen bereits wieder platzen lassen.
Denkbar wäre aber auch, dass der ­gegenüber dem wachsenden amerikanischen und innenpolitischen Druck zusehends mit dem Rücken zur Wand stehende Premier Binyamin Netanyahu zusammen mit Palästinenserpräsident Mahmoud Abbas, seinem «Verhandlungspartner auf Gedeih und Verderb», im letzten Augenblick eine typisch orientalische Zauberformel aus dem Zylinder zieht, worauf die Bulldozer in der Westbank nur mit halber Kraft losfahren würden. Das würde Netanyahu erlauben, den Siedlern die Wiederaufnahme der Bautätigkeit vorzugaukeln, während Abbas seinen Leuten, aber auch den Amerikanern und Europäern, mit Blick auf die stillstehende Hälfte der Traktoren und Erdbewegungsmaschinen Wüstensand in die Augen streuen könnte. Der Verhandlungstross würde weiter Aktivität markieren, zumindest bis zum Ausbruch der unweigerlich am Horizont aufziehenden israelischen Koalitionskrise beziehungsweise dem Überschreiten aller roten Linien durch Hamas-Terroristen oder der endgültigen Erkenntnis von Abbas, dass seine Macht kaum über den Stadtrand von Ramallah hinausreicht.

«Eine Farce»
Mit einer Gelassenheit, die angesichts des bereits deutlich näherrückenden 26. September erstaunt, bereiten sich die Siedler auf den Stichtag und alles vielleicht Folgende vor. Mit einigen von ihnen sprach tachles an Ort und Stelle. Der 66-jährige Israel Medad etwa erinnert daran, dass Netanyahu als erster aller israelischer Regierungschefs auf die Idee eines Baustopps eingegangen sei. Dieser Stopp sei aber genauso eine Farce, wie die vor der Aufnahme der direkten Gespräche geführten indirekten Verhandlungen. «Abbas und Netanyahu tänzeln umeinander herum, und im Hintergrund wartet die Hamas auf ihren Auftritt», meint der seit 29 Jahren in Shilo auf einem Hügel an der Strasse Ramallah–Nablus wohnhafte Medad, der im Rahmen des Siedlerrats für die Beziehungen zur Auslandspresse zuständig ist. Auch die noch von George W. Bush entworfene «Road Map» als Vorgängerin der heutigen Verhandlungen ist laut Medad nicht einmal das Papier wert auf, das sie geschrieben wurde, weil die Palästinenser keine der eingegangenen Verpflichtungen erfüllt hätten.
Vom Baustopp sei auch die 300-Familien-Siedlung Shilo betroffen worden, gab Medad zu, liess aber durchblicken, dass gewisse Arbeiten auch nach Beginn des Moratoriums fortgeführt worden seien. «Auf der Warteliste für neue Häuser haben wir derzeit rund 30 Namen», betont er und weist auf das Schild an einer Baustelle hin, auf dem in grossen Lettern zu lesen ist: «Mit dem Bau wird sofort nach Auslaufen des Moratoriums begonnen.» Die Kontrolle der Einhaltung des Baustopps durch die Zivilverwaltung sei nach und nach abgebröckelt, doch über dieses Thema wollte sich Medad verständlicherweise nicht im Detail auslassen. Stolz weist er hingegen darauf hin, dass sieben bis zehn Prozent des israelischen Olivenöls aus der Gegend von Shilo stammt.

Rund 300 000 Siedler

Nicht den geringsten Zweifel liess Israel Medad – er teilte seine Freizeit zwischen der Errichtung der Sukka und den Festlichkeiten für sein viertes, soeben geborenes Enkelkind auf – hinsichtlich seines politisch-ideologischen Standpunkts aufkommen: «Wir sind hier ein Element der künftigen Sicherheit Israels. Hätten wir genügend Gelder für Werbezwecke, würden wir Ballone beispielsweise über die Stadt Raanana aufsteigen lassen und der Bevölkerung mitteilen: Sollte Israel die Gebiete räumen, wäre jeder dieser Ballone eine palästinensische Kassem-Rakete, und sie alle wären tot!» Die Westbank sei nicht der Gazastreifen, und die Siedler von beispielsweise Shilo, Har Bracha, Adam oder Ariel würden nicht so sang- und klanglos abtreten wie vor fünf Jahren die Leute des Katif-Siedlungsblocks. Der Vergleich hinkt schon zahlenmässig: Mussten aus dem Gazastreifen 8000 Siedler evakuiert werden, leben heute in der Westbank schon an die 300 000 Juden.

Kampf mit demokratischen Mitteln?

750 Familien von ihnen wohnen im wenige Autominuten von Shilo entfernten Ort Eli, der grössten Siedlung der Gegend. Laut Lior Stuhl, Direktor der vormilitärischen Vorbereitungsakademie Bene David (bisher 2500 Absolventen), liegt Eli im «Zentrum des jüdischen Herzlandes»: «Tel Aviv liegt 30 Autominuten entfernt von hier, wie auch das Jordantal. Von hier sehen wir drei Grenzen Israels, und bei klarem Wetter sogar das Hermongebirge.» Politisch gibt Stuhl sich diplomatisch, in der Sache aber kaum weniger eindeutig als Medad in Shilo: «Seit den Osloer Verträgen haben zahlreiche Premierminister in Jerusalem einander abgelöst, aber unsere Ortschaft wächst immer noch.»
Man akzeptiere Entscheidungen der Regierungen, doch glaube er, Stuhl, nicht, dass 300 000 Menschen aus der Westbank evakuiert würden. «Das Problem liegt darin, dass unser Partner auf der anderen Seite nicht zu einem einzigen Schritt bereit ist. Wir kämpfen mit demokratischen Mitteln, nicht mit Waffen.» Die palästinensische Sturheit ist für Stuhl der Grund dafür, dass die Mehrheit der Siedler den Baustopp als «Spielerei» belächelt. In Eli sei die Warteliste 50 Namen lang, und 30 Häuser würden darauf warten, nach dem 26. September gebaut zu werden.  Auf die Frage, ob ein Leben jüdischer Siedler unter palästinensischer Souveränität möglich sei, zitiert Lior Stuhl Rabbi David Grossman aus Migdal Haemek, dessen Familie seit sechs Generationen in Jerusalem ansässig ist. Sie hätten ein gutes Verhältnis mit den Nachbarn gehabt, bis Grossmans Urgrossmutter von Arabern ermordet worden sei. «Für uns ist es unmöglich», schliesst Stuhl, «unter palästinensischer Souveränität zu leben. Das alles sind nur Debatten, Wörter, Papiere.» In Eli mache man sich über viele Dinge Gedanken, fügt der Schuldirektor hinzu, doch glaube effektiv niemand, dass wirklich etwas Grundlegendes geschehen werde. Letzten Endes habe das damit zu tun, dass die Palästinenser nicht bereit seien, den jüdischen Charakter des Staates Israel anzuerkennen. Solange sich daran nichts ändere, gäbe es «nichts zu tun».

Kein «weiterer Palästinenserstaat»

Eine leicht andere Version von Siedlern repräsentiert David Haivri, Leiter des Verbindungsbüros von Samaria. «Ich vertrete 30 Gemeinden und zwölf sogenannte Aussenposten», meint der aus den USA stammende Mann (dort hiess er Axelrod), der kein Geheimnis macht aus seiner Bewunderung für die araberfeindlichen Philosophien des ermordeten Rabbi Meir Kahane. In seinem Einzugsgebiet, das zwölf Prozent von ganz Israel (einschliesslich Westbank) umfasse, leben 80 000 Israeli. «60 Prozent von ihnen sind säkular», unterstreicht Haivri, selber ein Mann mit Schläfenlocken und aus dem Hemd baumelnden Schaufäden, der mit Frau und acht Kindern in dem für seine extremis­tische Ideologie bekannten Dorf Kfar ­Tapuach als Landwirt lebt. «Keine Berechtigung» kann er für die Gründung eines «weiteren Palästinenserstaates» finden. «80 Prozent der in Jordanien lebenden Menschen sind ja schon Palästinenser, folglich ist Jordanien der Palästinenserstaat.»
Unser abschliessendes Mittagessen im Restaurant des hoch über der Tapuach-Kreuzung thronenden Har Bracha – Einwohner dieser Siedlung machen immer wieder Schlagzeilen mit gewalttätigen Übergriffen auf benachbarte Palästinenserdörfer – müssen wir uns durch ideologische Belehrungen verdienen: «Judäa und Samaria sind wie jeder andere Teil Israels, und unsere Region sollte ganz gewöhnlich zu Israel und nicht zur sogenannten Westbank gehören», meinte Restaurantbesitzer und Weinbauer Nir Lavi. Er hätte keine Schwierigkeiten, mit palästinensischen Dokumenten zu leben, doch müsste das alles zuerst ausdiskutiert werden. Seine Einladungen zum Dialog seien von den palästinensischen Nachbarn bisher aber immer im besten Fall mit Stillschweigen beantwortet worden.

Traum oder Albtraum

Dass Leute wie Lavi und Haivri vielleicht doch nicht ganz so harmlos und jovial sind, wie sie sich ­geben, deutet eventuell schon der Wein an, den sie in Har Bracha züchten. Ihren im Geschmack eher rauen Cabernet Sauvignon – 5000 Flaschen werden jährlich abgefüllt, das Stück kostet 25 Dollar – nennen sie nämlich als klare politische Botschaft «Heartlander», womit angedeutet werden soll, dass Har Bracha, wie auch Eli, Shilo und wie die Orte alle heissen mögen, im Herzen Israels liegen. Nach dem 26. September wird sich zeigen, welche Seite ihren Traum wird in Erfüllung gehen sehen und welcher zum Albtraum wird, oder ob die Konfliktparteien sich dazu durchringen können, an die Stelle von Träumen realistische Sichtweisen treten zu lassen.