Geh, um Himmels Willen, geh!

September 16, 2011

Generalmajor Eyal Eisenberg, Leiter des israelischen Zivilschutzkommandos, warnt: Die Wahrscheinlichkeit und die Gefahr eines umfassenden Kriegs haben zugenommen. «Israel hat neue und gefährliche Waffen in Gaza entdeckt», sagt er und fasst zusammen: Wir müssen einen radikal-islamischen Winter erwarten. Auf der anderen Seite formuliert es Amos Gilad, einst als ausgesprochener Pessimist verschrien, genau umgekehrt: Israels Situation sei nie besser gewesen, meint der ehemalige Leiter des nationalen Sicherheitsrats.

Unlängst kam Verteidigungsminister Ehud Barak in Jordanien mit Palästinenserpräsident Mahmoud Abbas zusammen, um ihn zu veranlassen, nicht zur Uno zu gehen. «Wir müssten versuchen, ein Abkommen zu erzielen, du hast viel zu verlieren, wir können Grosses erreichen, zähl auf mich», sagte Barak und fügte die Worte hinzu: «Schau mir in die Augen.» Während seiner ersten Kadenz als Verteidigungsminister pflegte Barak sich damit zu rühmen, er sehe «das Weisse in den Augen des Feindes». Das Ganze endete schlecht.

Abbas leidet nicht unter Kurzsichtigkeit. Vielleicht sah er das Weiss in Baraks Augen, vielleicht auch nicht. Barak hat sich bereits einen internationalen Namen gemacht als Angeber. Seine Version von der gleichen Konversation war, dass er keine neuen Vorschläge zu hören bekam, sondern nur Warnungen. Barak weiss nicht einmal, wie man lügt. In diesem Bereich überzeugt Premierminister Binyamin Netan­yahu viel mehr. Und was er nicht selber erledigt, lässt er seine Emissäre tun.

Während die Experten in amerikanischen Angelegenheiten von einem negativen Gleichgewicht in den Beziehungen Israels mit den USA berichten, verkündete Transportminister Israel Katz am Fernsehen, die israelischen Beziehungen zu Washington seien nie besser gewesen. Woher weiss er das? Arbeitet er für die CIA?

Das Ausmass der Lügen, welche die US-Administration zu schlucken bereit ist, kennt Grenzen. Und es ist kein Zufall, dass die Amerikaner diesen Moment nutzen, um die vom ehemaligen Staatssekretär Robert Gates formulierte Beschreibung Netanyahus als «Lügner» zu publizieren, als eine undankbare Person und als jemand, der sein Land gefährdet, indem er sich weigert, sich mit der wachsenden Isolierung Israels zu befassen. Sogar wenn die US-Administration bei der Uno ein Veto einlegt, wird man das Zähneknirschen von Präsident Obama vom Nord-  bis zum Südpol hören können.

Bibi geht der ganzen Welt auf die Nerven, und dies aus einem Grund: Sie glauben ihm nicht. Israel ist im Laufe der Jahre zum Freund und Alliierten der USA geworden. Wenn wir uns an die engen Beziehungen erinnern, die zwischen Präsident Bill Clinton und Premier Itzhak Rabin und Ehud Barak geherrscht hatten, zwischen Präsident Richard Nixon und Premierministerin Golda Meir, zwischen Präsident George W. Bush und Premier Ariel Sharon, verstehen wir, dass auch dann ein gewisses Vertrauensniveau existierte, wenn man sich nicht immer in allem einig war.

In einer für ihn typischen polnischen Geste erklärte Premier Menachem Begin nach Camp David, dass er sogar bereit wäre, auf die Finanzhilfe der USA zu verzichten. Diese Geste veranlasste die ganze Regierung, alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um die Amerikaner davon abzuhalten, ihn ernst zu nehmen. Es gab Zeiten, als wir uns rühmten, der amerikanische Flugzeugträger in der Region genannt zu werden. Die oben erwähnten Personen zeichneten sich dadurch aus, dass sie auch dann an der Nähe festhielten, wenn es Missverständnisse gab.

Bibi sagte einmal, er fürchte sich vor dem Tag, an dem eine Krise zwischen Israel und der Türkei ausbrechen würde. Und jetzt geschieht exakt das. Obwohl Premierminister Recep Tayyip Erdogan vor Zorn explodiert, beschliesst Netanyahu, die Zeremonie des Marinekommandos zu besuchen. Der Abgeordnete Shaul Mofaz (Kadima) hat Recht, wenn er Bibi als Risiko für Israels Sicherheit bezeichnet. Und die Oppositionschefin Tzippi Livni sagte, die Türkei hätte sich Israel gegenüber nicht so grob und bedrohlich benommen, wenn sie nicht gefühlt hätte, dass «Israel schwächer und verwundbarer ist und dass seine Abschreckungskraft nachgelassen hat». Livni fügte hinzu: «Wenn Bibi von einem Abkommen spricht, sagt er Worte, an die er nicht glaubt, und deshalb glaubt ihm auch die ganze Welt nicht mehr.»

Israels Abschreckungskraft bröckelt ab, und «unser Freund» Amerika ist isoliert und unbeliebt. Nicht nur wegen Obamas zweifelhaftem Können zu Hause und in ausländischen Angelegenheiten, sondern weil er nicht konsequent ist mit Israel und sich nicht öffentlich gegen Bibis Einmischungen in die internen Angelegenheiten der USA zur Wehr setzt. Israel geht zur Uno-Vollversammlung geschwächt und gehasst, unter sehr schwierigen Verhandlungsbedingungen.

Es ist nicht schwer zu verstehen, wie ein so lammfrommer und duckmäuserischer Mann es wagt, auf diese Weise mit dem Schicksal seines Landes zu spielen. Das Wohlergehen der Koalition ist wichtiger als das Wohlergehen des Landes, und Männer mit Werten wie Dan Meridor oder Ehud Barak stellen ihre Posten vor die des Schicksals ihres eigenen Landes.

Angesichts der über uns schwebenden Wolken der Zerstörung bleibt nichts anderes mehr übrig, was wir Netanyahu sagen könnten, als der historische Satz, der zuletzt 1940 zu Neville Chamberlain gesagt wurde: «Gehe, sage ich, wir möchten nichts mehr zu tun haben mit dir. Um Himmels Willen: Geh.»

Yoel Marcus ist Redaktor bei «Haaretz».