Gegenwartsarchitektur – eine kritische Betrachtung
Die Notwendigkeit von energieeffizientem und nachhaltigem Bauen muss man nicht mehr beweisen wollen. Wir möchten uns hier nur auf die Konsequenzen für den Entwurf der Gebäudeformen beschränken.
Nachhaltiges Bauen
Um das Verhältnis der Oberfläche der Hülle zum Volumen klein zu halten und so die Wärmeflüsse zwischen innen und aussen zu minimieren, wird eine kompakte Bauform angestrebt, idealerweise ein Kubus, im Wohnungsbau ergeben sich daraus meist mehrgeschossige Bauten, oft mit drei bis vier Wohnungen um einen Erschliessungskern und zwei- bis dreiseitiger Orientierung.
Hofbauten im Park, 1. Preis Wettbewerb Triemli I, Zürich, hls Architekten
In Minergie-Eco-Standard sind fünf- bis achtgeschossige Bauten als Dreispänner ausgelegt und mit drei 4- bis 5-Zimmer-Wohnungen ökonomisch um einen Erschliessungskern gruppiert. Vorgelagerte grosse, eher wenig komfortable Terrassen. Die Gebäudehülle wird optimiert mit einem guten Dämmwert der opaken Aussenbauteile, Fenster mit Dreifachverglasungen mit hohem Gesamtenergiedurchlass, um von der passiven Sonneneinstrahlung zu profitieren. Sinnvoll kann eine moderate Dämmung der Aussenwände durch sehr hohe Dämmwerte der Flachdächer, Böden gegen Erdreich und geschlossene Giebelwände kompensiert werden. Dadurch sind schlankere Aussenwände möglich. Diese erleichtern die architektonische Gestaltung, verbessern die Tageslichtnutzung dank weniger tiefen Fensterleibungen und vereinfachen Anschlussdetails an Fenster und Türen.
Die Bauteilanschlüsse (zum Bespiel Terrassen) werden zur Reduktion von Wärmebrücken optimiert. (Wärmebrücken sind zum Beispiel zwischen warm und kalt durchgehende Decken von Balkonen, die so grosse Energieverluste verursachen.) Bei Minergie-P-Bauten wirken sich Wärmebrücken enorm schlecht aus. So werden Balkone und Terrassen thermisch getrennt und nun meist an Fassaden vorgelagert, selbsttragend, gebaut. Dadurch entstehen neue Terrassenformen im Siedlungsbau.
Wohnsiedlung Triemli I, Zürich, 2. Preis Wettbewerbsbeitrag von Knapkiewicz + Fickert Architekten
An Wohnküchen vorgelagerte Terrassen mit Wänden, Brüstungen, Sitzbank, Vorhängen und Platz zum Essen, die viel Geborgenheit bieten. Wie sich in der Praxis zeigt, wirkt sich eine kompakte Bauweise auch positiv auf die Gebäudekosten aus.
Mutige Tragwerke
Meist ganz entgegengesetzt, zeigen aktuelle Publikumsmagnete andere Tendenzen, die zu einer Vervielfachung der Oberflächen führen und meist andere Nutzungen wie auch andere Ziele verfolgen.
New Museum of Contemporary Art, 235 Bowery New York, 2007, Sanaa Architekten Japan
Das New Museum von den japanischen Architekten Sanaa gebaut (Pritzker-Preis 2010), besticht durch sieben übereinander präzise und gewaltig gestapelte graue Boxen. Auf einem kleinen Grundstück von nur 715 Quadratmetern entstehen offene, flexible, minimalistische Ausstellungsräume mit unterschiedlichen Höhen und Charakteren, um eine vertikale Verbindung gruppiert, alle stützenfrei und unterschiedlich angeordnet. Geschosshohe Stahlboxen übertragen ihre Lasten von Box zu Box bis in den Baugrund, trotzdem bleibt die Strassenseite im Erdgeschoss komplett verglast und stützenfrei. Die minimalistischen Boxen sind mit einem einheitlichen Alugitter auf allen geschlossenen Seiten überspannt, nur wenige Glasfelder zeigen Öffnungen. Ausser einer in New York sehr markanten und sofort identifizierbaren Silhouette bietet die Stapelung durch Vor- und Rücksprünge der Volumen auf beeindruckend einfache Weise die Möglichkeit, Oberlichtbänder, Terrassen, Vordächer und Beleuchtung der Fassaden auszubilden.
Gyre, Geschäftshaus Omotesando Strasse, 2007, Tokio, Architekten MVRDV Holland
2007 baute das holländische Architekturbüro MVRDV das Gyre-Luxusgeschäftshaus an der Omotesando Street in Tokio. Die Stapelungen in verschiedenen Varianten sind für die Architekten eine Antwort auf die zunehmende Bebauungsdichte der Städte. Zwei im Volumen eingekerbte, öffentliche offene Treppen bieten eine markante vertikale Architekturpromenade durch 9000 m2 edle Boutiquen, Restaurants und Parking. Weit auskragende Stockwerke werden mit starken Verschiebungen gestapelt. Möglich machen dies geschosshohe Stahlfachwerke, welche aus einem zentralen Erschliessungskern ragen und flexible Geschossflächen tragen.
Schulhaus Leutschenbach, Zürich, 2009, Architekt Christian Kerez
Anders als die beiden vorangehenden Beispiele einer Stapelung sind beim Schulhaus Leutschenbach von Christian Kerez in einer sehr kompakten Form Räume und Tragstruktur so gestapelt, dass sie sich gegenseitig auf subtile Weise bedingen. Durch die Stapelung aller Nutzungen des Schulhauses in einem einzigen Baukörper konnte viel Freiraum auf dem Areal gewonnen werden.
Im Erdgeschoss ruht der ganze Bau auf nur sechs Stützen. Getragen durch die oberen Stockwerke, ragen die Decken dramatisch hervor und geben freie Sicht auf den umgebenden Park.
In den drei Klassenzimmergeschossen (erstes bis drittes Obergeschoss) erlaubt ein grosser mittlerer Erschliessungsraum beträchtliche Platzersparnis, indem er zugleich als Treppenpodest, Pausenhalle, Vorzone zu den Klassenzimmern und als flexibel nutzbarer Unterrichtsraum dient. Das vierte Obergeschoss enthält Gemeinschaftsräume und zeichnet sich durch innen liegende Fachwerkträger aus, an denen drei untere Stockwerke aufgehängt sind, und die auch als Träger der zuoberst liegenden Turnhallen dienen. Somit erleben Schüler sehr anschaulich das spezifische Tragverhalten jedes Geschosses in Symbiose mit dem Raum. Eine wunderbar anregende Schule.
Vitra-Haus, Weil am Rhein, Architekten Herzog & de Meuron, ZPF Ingenieure Basel
Auf dem schon architektonisch reich dotierten Gelände von Vitra in Weil am Rhein ist das neue Vitra-Haus von Herzog & de Meuron zu einer neuen Ikone der Möbelfirma geworden. Jacques Herzog erklärt: «Häuservolumen werden gestapelt, ineinander und zueinander gestossen. Dies erzeugt unerwartete, sich kreuzende Räume und erzeugt skulpturale Formen und Volumen, die man sich ohne dieses Konzept nicht hätte vorstellen können.» Sehr schön zeigt Jacques Herzog, wie das Architektenduo mit diesem Entwurfskonzept «unschuldig blieb», indem nicht sie eine gedachte Form vorschrieben, sondern durch dieses Prozedere zusammen mit ihren jungen Mitarbeitern und Partnern eine Vielzahl möglicher Formen entstehen liessen, generierten und zusammen beobachteten, besprachen und aussuchten. Aus einer traditionellen, einfachen Form (Urhaus) wurde ein reiches und komplexes Resultat. Die Tragstruktur besteht aus sieben übereinander gestapelten «Urhäusern» mit Boden, Wänden und Satteldach aus Beton, welche biegesteif miteinander verbunden sind. Diese langen Gebäudebalken wirken in ihrem Tragverhalten wie Rohre, die teilweise bis 15 Meter auskragen.
Leonard Street, TriBeCa, New York, Projekt von Herzog & de Meuron Architekten
Das Projekt mit Luxuswohnungen bietet exklusive Terrassen mit Aussicht in luftiger Höhe über Manhattan. Quaderartige, raumhoch verglaste Volumen von unterschiedlicher Höhe sind übereinander gestapelt und kunstvoll verschoben. Kräftige Versatze erzeugen markante Terrassen, Erker, Vordächer und hoch überdeckte Eingangsvolumen. Das Haus soll 145 Residenzen mit Wohnflächen von 132 bis 592 Quadratmetern umfassen und individuelle Grundrisse bieten.
Actelion Businesscenter (im Bau), Allschwil, Herzog & de Meuron Architekten, Schnetzer Puskas Ingenieure AG
Raumhohe, prismatische Kastenträger sind auf sechs Ebenen aufeinander gestapelt und bilden einen scheinbar chaotischen Haufen von Stäben. Aus der Luft gesehen bilden jeweils fünf bis sieben Stäbe ein Bürogeschoss. Die Kastenträger bestehen aus Boden- und Deckenscheiben, getragen von zwei raumhohen Stahlfachwerkträgern.