Gegen den Röhrenblick
Eindeutige Positionen. Es ist heutzutage sehr einfach, eindeutig und einseitig Position gegen Israel zu beziehen. Hier die reichen, unnachgiebigen Israeli, dort die armen, unterdrückten Bewohner der besetzten Gebiete. Hier die arroganten, rassis-
tischen Juden, dort die Araber mit israelischen Pässen, die Bürger zweiter Klasse. Israel liefert ohne jede begleitende Kommunikation auch immer wieder Steilpässe, wie die jüngste Verfügung der israelischen Armee gegen die palästinensischen Sans Papiers. Ohne Relativierung durch das 62-jährige Israel ist es auch in der Schweiz niemandem in den Sinn gekommen, über die ablehnende Haltung des eigenen Landes gegenüber den Sans Papiers nachzudenken.
Ausgewogene Haltungen. Es ist bedeutend schwieriger, sich heutzutage eine eigene Meinung zu bilden. Gibt es ausgewogene Haltungen? Eine gerechte Sicht auf beide Seiten? Es gäbe sie. Aber wer es wagt, Stellung zu beziehen, mit Argumenten für und gegen beide Seiten, gerät subito bei den Einseitigen unter die Räder.
Keine doppelten Loyalitäten mehr. Dass Juden, die in der Schweiz leben, eher dazu neigen, Israel in Schutz zu nehmen, ist verständlich. Es soll ihnen aber bitte niemand mehr eine doppelte Loyalität vorwerfen. Nach dem Absturz eines polnischen Flugzeugs und dem tragischen Tod des polnischen Präsidenten samt einem Teil seiner eigenen Elite durften polnisch-schweizerische Doppelbürger, unter ihnen ein Ständerat, in aller Öffentlichkeit trauern. Ihnen hat bisher niemand eine doppelte Loyalität vorgeworfen. Jeder Mensch darf, soll viele Loyalitäten haben, auch zu seiner eigenen Herkunft.
Unausgewogene Aktionen. Auffallend ist nach Gesprächen mit einigen der nur 330 Personen, welche eine Petition gegen die Aufnahme Israels in die OECD unterschrieben haben, dass sich die fast durchweg hoch gebildeten, angesehenen Petitionäre nicht etwa gegen Menschenrechtsverletzungen in aller Welt einsetzen wollen, sondern, wie mehrere sagten, seit einigen Jahren explizit auf den Konflikt Israel-Palästina fokussieren. Nun kann man nicht wirklich mit allem einverstanden sein, was Israel gegenwärtig tut und lässt. Aber der Röhrenblick lässt viele vergessen, dass auch Russland Kandidat für die Aufnahme in die OECD ist, ohne dass jemand dagegen eine Petition unterschrieben hätte. Warum auch? Und sie können oder wollen nicht den grossen Kontext des gesamten Mittleren Ostens in seiner unstabilen Komplexität sehen. Diesen ignorieren allerdings auch Israeli mit Röhrenblick, wenn sie US-Präsident Barack Obama simplifizierend vorwerfen, dass er israelische Missstände korrigiert sehen möchte. Bei einem verengten Blick gehen eben viele Details verloren.