Gegen das Gesetz?
Während Arthur Cohn und sein Team weltweit uneingeschränktes Lob für ihren Film «One Day in September» entgegennehmen dürfen, ist das Verhältnis zwischen dem Produzenten und den israelischen Familienmitgliedern der Opfer angespannt. Grund ist die zunächst unretouchierte Verwendung von Fotografien der Leichen im Film. Dazu meint Ilana Romano, Witwe des Gewichthebers Yossef Romano, im letzten Wochenend-Magazin der Zeitung «Haaretz»: «Wir hatten die Bilder von der deutschen Polizei erhalten und sie uns einmal in Gegenwart unseres Anwaltes angeschaut.
Weil sie so grausam waren, baten wir den Rest unserer Familien, sie nie wieder anzusehen. Als wir dann (an einer inoffiziellen Vor-Premiere in London) Cohns Film sahen, waren wir schockiert und entsetzt! Den Leichnam meines Gatten zu benutzen, um einen Hollywood-Film zu machen, ist empörend. Ich verliess den Saal in einem schrecklichen Zustand.» Auch Ankie Spitzer, deren ermordeter Mann André die israelischen Fechter trainiert hatte, äusserte sich gegenüber «Haaretz» in ähnlichem Ton: «Nachdem wir die Bilder ein erstes Mal gesehen hatten, sprachen wir mit allen 34 hinterbliebenen Familienmitgliedern und schlugen vor, die Fotografien wegzuschliessen, ohne sie nochmals anzuschauen.»
Für Romano und Spitzer ist es keine Frage, wie Cohn in den Besitz der Fotografien gelangte. Ilana Romano glaubt, der Schweizer Produzent habe der deutschen Regierung «viel Geld» für die Bilder gezahlt, und Ankie Spitzer präzisiert: «In der Anwesenheit unseres Anwaltes erzählte Cohn uns, er habe den Deutschen viel Geld für die Fotografien gegeben.» Arthur Cohn selber hätte laut «Haaretz» die seiner Meinung nach unnötige Kontroverse über den Film lieber vermieden. Erst nach langer Überlegung gab er zu, die Fotografien mit Zustimmung der hinterbliebenen Familien von der deutschen Regierung erhalten zu haben. Ankie Spitzer aber dementiert: «Das ist völlig unwahr. Wir haben ihm nie die Erlaubnis erteilt und nie gesagt, dass er die Bilder vewenden könne. Wir haben nie mit Arthur Cohn gesprochen, sondern nur mit dem Regisseur, dem wir klar und deutlich erklärten, dass er kein Recht habe, die Fotografien zu benutzen.»
Nach einem «grossen Medienrummel und öffentlicher Kritik» (Haaretz) willigte Cohn ein, die Bilder der Leichen zu retouchieren, um den Eindruck zu mildern. Ankie Spitzer erklärt, sie hätten ein Abkommen mit Cohn unterzeichnet, wonach ihre Forderungen mit der Retouchierung der Bilder beendet seien. «Mehr haben wir nicht zu sagen. Jetzt soll er halt die Werbetrommel rühren für seinen Film», meint sie resigniert. Cohn selber hat zwar Verständnis für Romanos Witwe, meinte gegenüber «Haaretz» aber, man dürfe die Sache nicht aus einem so engen Blickwinkel betrachten. «Erstmals seit über 28 Jahren», erklärt der Produzent zu seiner Verteidigung, «sprechen die Menschen über die israelischen Opfer.» Vom filmischen Standpunkt aus sei es wesentlich gewesen, das brutale Ende der Athleten zu zeigen. Für Cohn schliesse der Blick auf die Leichen einen tragischen Zirkel und enthalte nichts Entwürdigendes, seien die Sportler doch «mit Ehre gestorben».