Gegen Antisemitismus vorgehen

April 29, 2009
Brian Klug zur Lage in Israel

Ein rasches Quiz über drei Zitate, von welchen eines aus dem den Delegierten ausgehändigten Manuskript der Rede stammt, die Staatspräsident Mahmoud Ahmadinejad in Genf gehalten hat. Zwei der Zitate stammen aus anderen Quellen.

Erstes Zitat: «In unseren Tagen haben sich alle Regierungen der Welt bewusst oder unbewusst den Befehlen dieser grossen Superregierung von Zion unterworfen (...). Alle Geschäfte – Industrie, Handel und Diplomatie – sind in Zions Händen.»

Zweites Zitat: «In gesellschaftlichen und politischen Kreisen, in Geschäftswelt und Kunst, wo immer man auch nachprüft, erhebt der Zionismus sein hässliches Haupt (...) und erweist sich plötzlich als allgegenwärtig und allmächtig.»

Drittes Zitat: «Zionisten sind in die politischen und wirtschaftlichen Grundpfeiler einschliesslich deren Rechtsprechung, Massenmedien, Gesellschaften, finanzielle Systeme und deren Sicherheits- und Geheimdienstagenturen,  (...) so weit eingedrungen, dass nichts gegen ihren Willen getan werden kann.»

Nun, welches Zitat stammt von Ahmadinejad? Woher sind die beiden anderen Zitate, und wann und wo sind sie geäussert worden? Das dritte Zitat stammt aus der Abschrift von Ahmadinejads Rede. Sollten Sie jedoch gedacht haben, es wäre eines der anderen Zitate gewesen, sei Ihnen verziehen, enthalten doch alle drei Zitate mehr oder weniger den gleichen Konsens: Alle schreiben «Zion» und dem «Zionismus» die gleiche mysteriöse Macht durchdringenden Einflusses und geheimnisvolle Kontrolle von Gesellschaften und Staaten zu.

Die Antwort auf die zweite Frage stellt diesen Diskurs in den Zusammenhang. Sowohl das erste als auch das zweite Zitat erscheinen in Victor Marsdens Übersetzung der notorischen antisemitischen Fälschung «Die Protokolle der Weisen von Zion», welche eine angeblich weltumspannende jüdische Verschwörung darstellt. Das erste stammt aus dem Epilog zur russischen Ausgabe von 1905, das zweite aus den 1934 hinzugefügten «Schlussfolgerungen». Die Zeit spielt aber keine Rolle für ein zeitloses Phänomen wie die antisemitische Gestalt «der Juden»: jener bösen, bedrohlichen Gruppe, deren versteckte Hand Regierungen, die Medien und die Wirtschaft kontrolliert: einfach alles. Daher auch die Ähnlichkeit aller drei Zitate.

Man mag kritisieren, dass Ahmadinejad seinen Angriff im Gegensatz zu den «Protokollen» auf die «Zionisten» beschränkt und nicht «die Juden» gesamthaft an den Pranger stellt. Doch keiner anderen politischen Bewegung in der Welt werden jene fantastische Macht und jener Einfluss nachgesagt, die er mit dem Zionismus verbindet. Hinzu kommt, dass der Zionismus eine jüdische Bewegung ist, und was er ihm zuschreibt, ist genau die Art der Macht und des Einflusses, die Antisemiten den Juden anlasten. Niemand ausser hartgesottenen Antisemiten oder nachweisbar Wahnsinnigen leugnet den NS-Genozid an den Juden (oder spielt ihn herunter). Ahmadinejad mag vieles sein, aber wahnsinnig ist er nicht.

Ich habe schon viel über den Unterschied zwischen Antizionismus und Antisemitismus und die Gefahr der Vermengung beider Phänomene geschrieben. Das eine kann zum anderen werden. Und genauso wie es ein Fehler ist, jemanden unberechtigterweise des Antisemitismus zu bezichtigen, ist es falsch, die Augen zu verschliessen, wenn der Antisemitismus uns ins Gesicht starrt. Wir sollten uns nicht von der Tatsache täuschen lassen, dass Ahmadinejad als Folge einer Intervention von Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon eine oder zwei der schlimmsten Passagen – sie erschienen allerdings in seiner Abschrift – ausliess, so auch das dritte Zitat. Eine Reaktion des Uno-Generalsekretärs in letzter Minute auf diplomatischen Druck stellt keine grundsätzliche Änderung der Haltung dar.

Ahmadinejad kann sich auch nicht mit seinen Argumenten zugunsten der Palästinenser herausreden. Zum einen hat er seine eigene Tagesordnung, die sich nicht unbedingt mit jener der Palästinenser decken muss. Der palästinensische Autor Victor Kattan bemerkt: «Ahmadinejads Kommentare über Israel überraschen nicht. Am letzten Wochenende (in Genf, Anm. d. Red.) gab es einen klaren Versuch der iranischen Delegation bei der Uno, den palästinensischen Anlass, an dem ich auch teilnahm, unter ihre Kontrolle zu bringen. Es war klar, dass die Iraner kaum Interesse an Palästina oder seinem Volk hatten.»

Aber eifernde Borniertheit und Bigotterie wären auch dann nicht gerechtfertigt, wenn die Iraner an den Palästinensern interessiert wären. Das bringt mich zum Verlassen des Plenarsaals von Delegierten während Ahmadinejads Rede. Mir scheint, der Protest gewann an Energie, als er Israel «total rassistisch» nannte. Die Wahrheit liegt aber weder hier noch dort, denn ungeachtet der Worte, die er über Israel wählte, handelt es sich um einen weiter gefassten, in Bigotterie wurzelnden Diskurs, wie das dritte Zitat illustriert. Der Bigotterie, egal, ob sie sich gegen Juden oder andere richtet, sollte nie mit Respekt begegnet werden. Aus diesem Grund hatten jene Delegierten Recht, die Ahmadinejad während seiner Rede die kalte Schulter zuwandten, und dies ganz speziell an einer Uno-Konferenz gegen den Rassismus.  

Brian Klug ist Professor für Philosophie an der Universität von Oxford.