Gefragtes Know-how

Von Dina Kraft, April 15, 2011
An einer Konferenz in Tel Aviv stellten Hunderte israelischer Firmen ihre Produkte aus dem Life-Science-Spektrum vor. Bereits heute sind Güter dieses Sektors ein Exportschlager der israelischen Wirtschaft.
NETWORKING Im Rahmen der Konferenz ILSI-Bio-Med fanden viele Treffen zwischen in- und ausländischen Forschern und Geschäftsleuten statt wie hier an der Ben-Gurion-Universität des Negevs

Yaron Aizenbud legt sorgfältig eine Anzahl patentierter, für die Rückenchirurgie bestimmte Instrumente aus Titan hin und wählt einen gebogenen, zu den Kurven eines Rückgrats passenden Bohrer sowie ein Plastikmodell des Rückenwirbels aus. Dann simuliert er die Benutzung des Bohrers zur Stabilisierung des beschädigten Rückgrats. Zusammen mit den vier anderen Gründern der kleinen israelischen Start-up-Firma Scorpion Surgical Technologies hofft Aizenbud, dass ihre medizinischen Geräte neue Lösungen für Rückenoperationen, vor allem für Menschen mit Osteoporose, bringen werden. In gewissen Fällen könnte so sogar die Notwendigkeit entfallen, Bandscheiben zu ersetzen.
Scorpion Surgical gehörte zu den Firmen, die ihre Produkte kürzlich an einer Biotechnologie- und Life-Science-Konferenz in Tel Aviv ausstellten. Unter ihnen solche, die Fortschritte in Bereichen wie Zell- und Gentherapie, bildgebenden und verarbeitenden Verfahren und der Entwicklung von Medikamenten gegen Herzbeschwerden erzielt haben. Die Konferenz ILSI-BioMed, die zum neunten Male stattfand, zog rund 7000 Personen an, unter ihnen internationale Investoren und Industriebosse. Die Konferenzorganisatoren sprachen von der grössten Veranstaltung dieser Art ausserhalb der USA.

Exportschlager

Aizenbud, ein israelischer Hightech-Veteran, der schon für IBM, Amdocs und eine ganze Reihe von Start-up-Firmen gearbeitet hat, sprach davon, dass der Wechsel in den Life-Science-Bereich für ihn eine besonders befrie-digende Sache war: «Man spürt sofort, dass man etwas ganz anderes tut: Man leistet einen Beitrag für die Allgemeinheit.» Die Life-Sciences-Branche, ein Sammelbegriff, der die Entwicklung medizinischer Instrumente, Pharmazeutika sowie Biotechnologie umfasst, ist in Israel zum grossen Geschäft geworden.
Industriekreise schätzen, dass es bereits rund 1000 Firmen gibt und dass jedes Jahr 80 neue hinzukommen. Letztes Jahr beliefen sich die israelischen Exporte, vor allem in die USA, im Sektor Life Sciences auf sechs Milliarden Dollar; das machte die Branche zu einer der exportstärksten Israels. Pro Kopf der Bevölkerung liegt Israel an der Spitze aller Länder, was Patente für medizinische Instrumente betrifft, und ist weltweit Nummer vier für biotechnologische Patente.

Beste Voraussetzungen

Beobachter machen für den israelischen Erfolg in diesem von grosser Konkurrenz geprägten Markt die guten Bedingungen verantwortlich, welche das Land für die Förderung von Erfindungen im Sektor Life Sciences geschaffen hat. An israelischen Universitäten wird Spitzenforschung betrieben; davon profitieren Firmen, von denen viele anfangs staatlich bezuschusst werden. Im Jahr 2000 ordnete die Regierung diesem Sektor erhöhte Priorität zu.
Simeon Taylor, Vizepräsident von Cardiovascular and Metabolics Discovery Biology beim US-Pharmagiganten Bristol-Myers Squibb, sagt dazu: «Ich habe den Eindruck, dass es hier sogar im Vergleich zu den USA neben viel Innovation auch eine hohe Risikobereitschaft gibt.»

Potenzielle Blockbuster

Mit einer ganzen Reihe von Erfolgsgeschichten hat Israel sich international einen guten Namen gemacht. Am bekanntesten ist vielleicht die Erfindung Pillcam durch Given Imaging. Dabei schluckt der Patient eine in eine Kapsel eingelassene Kamera, die es dem Arzt gestattet, ganz bestimmte Teile des Darmbereichs zu sehen.
Auch andere Produkte haben das Zeug zum Blockbuster. Ein Beispiel ist das von der Jerusalemer Firma Bioline Rx entwickelte Mittel BL-1020 gegen Schizophrenie, das die Gewaltneigung bei Patienten abbaut. Im Juni unterzeichnete diese Firma mit einer amerikanischen Gesellschaft einen Lizenzvertrag über 335 Millionen Dollar. Kinneret Savitsky, die Verwaltungsratsvorsitzende der Firma, sieht diesen Erfolg in einer grösseren, nationalen Perspektive: «Die Forschung liegt uns im Blut», sagte sie, «das hat mit unserer Lebensform hier zu tun.»
In Israel entfällt über die Hälfte des Geschäfts im Sektor Life Sciences auf den Bereich medizinische Instrumente. Sie erfordern weniger Forschung als biotechnologische Entwicklungen und lassen sich in der Regel rascher auf den Markt bringen – bevor die Investoren die Geduld verlieren. Die relativ lange Zeit, die es braucht, um mit Biotechnologien Erfolg zu haben, macht Firmen aus diesem Sektor zu potenziell hohen Risiko-, aber auch Gewinnträgern.

Wichtiger Partner der USA

Claudio Yarza, der als Partner im israelischen Büro von Price Waterhouse Coopers für den Bereich Life Sciences zuständig ist, warnt vor dem Risiko, das trotz des Erfolgs der letzten Jahre immer noch existiert. Auch nach der Unterzeichnung eines Vertrags ist es laut Yarza nicht sicher, dass es ein Produkt es auf den Markt schafft oder zum Erfolg wird. «In der Biotechnologie ist es schwieriger, erfolgreich zu sein, als im Hightech-Bereich, da die Entwicklungsphase komplizierter ist. Viele Hightech-Firmen starten mit der Idee für ein Produkt, das schon bereit ist für die Entwicklung und keine Forschung mehr benötigt. In der Biotechnologie dagegen glaubt man, über eine neue Lösung zu verfügen, doch bis zur Beendigung der Versuche kann man das nicht mit Bestimmtheit sagen.»
Die USA brauchen nach Ansicht von Debra Lappin, Präsidentin des Council For American Innovation, israelisches Know-how und sollten daher Firmen aus Israel mit all ihren Vorteilen willkommen heissen. «Das Wesen der Innovationen basiert auf Partnerschaft», sagt sie, «und die USA verlassen sich auf das Outsourcen seiner Innovationen. Wir müssen daher sicherstellen, dass die Türe offen bleibt, denn sonst wird sich Israel anderswo umschauen.»