Gefahr für den sozialen Frieden
Interview Yves Kugelmann
aufbau: Wie ordnen sie die Wirtschaftskrise der letzten Monate aus Schweizer Sicht ein
René Braginsky: Wir hatten das Glück, dass die Schweizer Bankinstitute ausser den Grossbanken nur wenig in die schlechten Immobilienpapiere involviert waren. Indirekt hatte die Sache aber für viele Anleger Auswirkungen – etwa für jene, die ohne es zu wissen in Fonds investiert waren, die Gelder in schlechten Hypotheken hatten.
Aber die Krise hat doch – angefangen bei der Immobilienblase in den USA – auch eine Eigendynamik entwickelt?
Ja, doch das ist normal. Es beginnt klein und explodiert irgendwann.
Wie beurteilen Sie das Krisenmanagement der Nationalbanken?
Recht gut, gerade auch was die Schweizer Nationalbank anbelangt; es hätte schlimmer kommen können. Die bisherigen Geschehnisse sind in akzeptablen Grenzen geblieben. Allerdings bin ich nicht davon überzeugt, dass angesichts der Verschuldung verschiedener Staaten diese Krise nun wirklich unter Kontrolle ist. Gewisse Staatsdefizite sind ohne das Drucken neuen Geldes kaum finanzierbar. Das kann auf Dauer nicht die Ultima Ratio sein.
Aber es scheint doch gerade mit Blick auf die USA zu funktionieren.
Ja, so lange alle mitmachen. Wenn China oder andere starke asiatische Gläubiger einmal befinden, dass es jetzt reicht, dann funktioniert es nicht mehr. Wenn dies zu einem Zeitpunkt geschehen sollte, zu dem die Konjunktur ohne Staatshilfe noch nicht robust genug ist, werden wir schwere Zeiten vor uns haben.
Die Globalisierung bewirkt, dass Entwicklungen schnell auf viele Länder durchschlagen, während sich die Wirtschaftsvormacht von den USA auf China verschiebt. Was steht aus diesen zwei Faktoren zu erwarten?
Wir werden uns im Westen durchaus daran gewöhnen müssen, dass es statt wie bisher Jahr für Jahr eine Wohlstandszunahme künftig Jahr für Jahr eine Abnahme gibt, während Länder wie Indien in einen neuen Wohlstand hereinwachsen. Bei einer längerfristigen Wohlstandsabnahme könnte der soziale Friede gefährdet sein.
Wie weit soll der Staat regulierend eingreifen?
Als liberal eingestellter Mensch bin ich gegen zu starke staatliche Interventionen, denn sie beruhigen wohl die Gemüter des Volkes, helfen aber nur kurzfristig. Zur Sache tragen sie nur unwesentlich bei. Hier hat die Schweiz ihre Sache in den letzten Jahren gut gemacht und die Verschuldung im Rahmen behalten. Mehr Sorgen macht mir da der europäische Raum, ganz zu schweigen von den USA.
In Südamerika und im Fernen Osten ist der Drang zu staatlicher Regulierung weit kleiner als in Europa und Nordamerika. Haben solch ungleich lange Spiesse Folgen?
Bei weitem nicht alle Länder in Europa und Nordamerika werden identisch reguliert. Kanada zum Beispiel geht es viel liberaler an als die USA. In der Schweiz wird das Problem als eines der UBS und nicht generell der Banken betrachtet. Es sind nicht alle im gleichen Topf.
Ist es Ihrer Meinung nach ein zu korrigierender Systemfehler, wenn Banker zwar keine persönliche Verantwortung haben, aber von Boni-Anreizen getrieben werden?
In den letzten Jahren sind aus Anlageberatern Verkäufer von Produkten geworden, ob diese nun gut oder schlecht waren und ins Portefeuille passten oder nicht. Das hat sich in den letzten Monaten – auch durch die Schadenersatzklagen – wieder verändert. Sicher haben sich die Kunden in den Vorjahren zum Teil aber ebenfalls naiv verhalten.
Es gibt auch eine Eigenverantwortung des Kunden?
Man kann die Schuldigen nicht immer nur bei den Banken suchen. Auch der Kunde kann gierig sein.
Haben nun alle ihre Lehren gezogen, so dass es nachhaltige Veränderungen gibt?
Im Moment sieht es zumindest danach aus. Es wurden sicher Lehren gezogen, auch bei den Revisionsgesellschaften und im Vermögensverwaltungsgeschäft.
Im letzten Halbjahr konnte man an der Börse aber doch durchaus wieder gute Gewinne erzielen.
Die Börse ist nicht das Mass aller Dinge. Pensionskassen können mit den grossen Beträgen, die sie verwalten, nicht laufend kurzfristig in steigende Titel ein- und aus fallenden Titeln wieder aussteigen. Das Gleiche gilt auch für den privaten Anleger.
Wie sehen Sie die künftige Zinsentwicklung?
Sie geht ab diesem Jahr wieder nach oben, und man sollte keine Obligationen mit einer Laufzeit von viel mehr als fünf Jahren kaufen.
Was ist mit dem Dollar und bleibt er Leitwährung?
Der Dollar wird nicht implodieren. Angesichts der Dollar-Menge und des Mangels als Alternativen bleibt ja gar nichts Anderes übrig, als ihn als solche zu akzeptieren.
Wie werden sich die Aktien entwickeln?
Jeder wird mindestens einmal im Jahr Recht haben. Wir werden in einem sehr volatilen Aktienjahr alles sehen. Die erwartete Zinserhöhung Mitte bis Ende Jahr wird auch an der Börse nicht spurlos vorbei gehen. Momentan hat es einfach noch viel Geld auf dem Markt, das in den Aktienmarkt geht, weil gewisse Blue Chips eine passable und recht sichere Rendite bieten.
Und zum Stichwort Edelmetall, vor allem Gold?
Auch ein sehr volatiler Markt, schon in den letzten Tagen. Bei Gold und Silber sehe ich im Verlaufe des Jahres eher erneute Preissteigerungen.
Wie wird sich der Ölpreis entwickeln?
Er hängt natürlich stark von der wirtschaftlichen Entwicklung ab. Bei einem Ausrutscher nach unten wären der darauf folgenden Preisentwicklung nach oben wohl Grenzen gesetzt.
Was werden die nächsten fünf bis zehn Jahre punkto Rentensicherheit bringen?
Zunächst würde ich mal das Wort «Sicherheit» streichen. Der einzige Weg, staatliche Schulden abzubauen, liegt in der inflationären Richtung, und da bleiben die Renten zwar nominal bestehen, aber ihre Kaufkraft wird sinken.
Was empfehlen Sie Privatanlegern für ihr Erspartes?
Eine gute Diversifizierung in Form von kurzfristigen Obligationen, einem viel höheren Anteil an Gold und Silber als früher von bis zu 20, 25 Prozent des Portefeuilles und einer Anzahl weltweit gestreuter starker Aktien mit guten Dividenden. Dabei sollte man den asiatischen Raum nicht vernachlässigen.
Zu welchen Banken sollten vor allem ausländische Kunden mit ihrem Geld gehen?
Persönlich gehe ich davon aus, dass heute die meisten Banken relativ sicher sind. Wesentlicher ist, was für Berater sie haben und ob die Häuser eine eigene, klar formulierte Meinung haben, wie ein Portfolio aussehen sollte. Den Kunden kann eigentlich wenig passieren, wenn ihre Anlagen in physischem Gold, Obligationen oder Aktien liegen. Nur Kontoeinlagen sollten nicht zu hoch sein.
Und wie sollten sich ausländische Kunden angesichts der Steuerstreit-Debatten der Schweiz mit verschiedenen Ländern verhalten?
Die jüngere Generation hält heute zu Recht wenig von der penetranten Suche nach Steuerlöchern, wie sie noch vor einigen Jahrzehnten sehr en vogue waren. Viele Länder – auch die Schweiz – bieten mittlerweile die Möglichkeit, undeklarierte Gelder ohne grosse Konsequenzen anzumelden. Viele Kunden schlafen besser, wenn sie ihre Mittel einigermassen korrekt deklariert haben, und dadurch können sie auch freier darüber verfügen.
Was sagen Sie ausländischen Bankkunden zum Bankenplatz Schweiz?
Ja, der Bankenplatz Schweiz ist viel besser, als er derzeit dargestellt wird. Es gibt zahlreiche sehr gute Banken, die ihre Kunden seriös und richtig beraten. Wesentlich ist aber, dass der Kunde heute selbst eine viel grössere Verantwortung für sein Portfolio übernimmt und diese nicht alleine der Bank überträgt. ●