Gefährlicher Prioritäten-Wirrwarr

May 8, 2008
Essay von Jacques Ungar

Dies ist mein Land; ich habe kein anderes.» Der israelische Beduine Abu Wahid setzt klare, transparente Prioritäten, zu denen er offen steht. «Dies ist meine Heimat, und mit all ihren Fehlern wird sie es auch bleiben», sagt er. Die Geistesgegenwart seines Sohnes, eines IDF-Offiziers in der Beduinen-Wüstenpatrouille, verhinderte ein Blutbad, als Hamas-Terroristen am Vorabend von Pessach mit Panzerfahrzeugen voller Sprengstoff den Übergang Kerem Shalom zum Gazastreifen durchbrachen. Weil der Offizier seine Kameraden rechtzeitig warnte, gab es statt zahlreichen israelischen Toten und Entführten «nur» eine handvoll Verletzte.
Der 60. Geburtstag des Staates Israel bietet Gelegenheit, Prioritäten aufzufrischen und, wenn nötig, neu zu ordnen. Was für Abu Wahid eine sich aus den Zwängen des Alltags ergebende Selbstverständlichkeit ist, bereitet manchen Juden immer grössere Probleme. Israel, der jüdische Staat? Israel, der Staat der Juden, oder zumindest einer Mehrheit der Juden? Israel, ein durch ein neues Gebilde ersetzbarer Staat? Je mehr Kilometer zwischen Israel und Diasporagemeinden liegen, umso abstruser muten die von jüdischen Debattierclubs aufgestellten Theorien des «Ja, aber» oder des «Nein, oder wenn schon, dann nur teilweise, aber keinesfalls ganz» an, die nur ein Ziel haben: die Existenz der jüdischen

Diaspora zu rechtfertigen, ihr ein kulturell-religiöses Eigenleben zu verpassen, in das Israel sich nur einmischen darf, indem es Lehrer und Emissäre in Gemeinden entsendet, deren jüdische Substanz durch eine immer höhere Mischehenrate und eine durch den Wohlstand geförderte Assimilation bereits lebensgefährlich verdünnt ist.

Polemik um Schweigeminute

Die Verwirrung der Prioritäten beginnt schon in Israel, wie eine im Jerusalem Rotary Club geführte Debatte zeigt. Rotary International gehören in über 165 Ländern total 1,2 Millionen Mitglieder an. Sie leisten freiwillige Sozialarbeit und fördern weltweit Wohlwollen und Frieden. Als unlängst an einer Sitzung des Jerusalemer Clubs um eine Schweigeminute zum Andenken an die acht von einem Terroristen erschossenen Studenten einer Jerusalemer Jeschiwa und «zum Andenken an alle anderen unschuldigen Opfer des Konflikts» gebeten wurde, interpretierten einige Mitglieder das als Verletzung des apolitischen Charakters von Rotary. Was gibt es aber Unpolitischeres, als unschuldiger Opfer zu gedenken?

Eine solche Reaktion ist heute möglich in Israel, weil immer mehr Einwohner glauben, ihre Friedenssehnsucht nur durch eine weitgehende nationale, religiöse und kulturelle Selbstaufgabe in die Tat umsetzen zu können. Effektiv müsste man auf einen Mordanschlag gegen Unschuldige im jüdischen Westjerusalem anders reagieren als mit einer trockenen Schweigeminute, sicher aber nicht, indem die Opportunität dieser Geste angezweifelt wird. In Israel wohnhafte Menschen, die meinen, mit derart kurzsichtigem Verhalten den internationalen Geist von Rotary, oder mutatis mutandis jeder anderen, im Lande tätigen internationalen Organisation, zu stärken, manifestieren einen riskanten Prioritäten-Wirrwarr. Ein Rotary-Club in Israel ist Teil einer internationalen Bewegung, gleichzeitig aber auch ein israelischer Club. Seine Mitglieder können und sollen allen Notleidenden helfen, ungeachtet deren nationaler, religiöser und ethnischer Zugehörigkeit. Deswegen sich aber dem Staate Israel gegenüber duckmäuserisch zu verhalten, anstatt sich bei aller Kritik erhobenen Hauptes hinter ihn zu stellen? Wohl kaum. Ein in Jerusalem ansässiger Club befindet sich nicht in einem exterritorialen, internationalen Kontext, sondern in der Kapitale des jüdischen Staates.

Mit zunehmender geografischer Distanz wächst oft auch die innerliche Distanz jüdischer Protagonisten zum Selbstverständnis und zum Stellenwert des Staates Israel. Hinzu kommt, dass die Kreise, um die es geht, heute offen und ohne sich zu schämen die Zentralität Israels in der jüdischen Gesamtgleichung in Frage stellen. So meinte etwa die Publizistin Diana Pinto unlängst im Monatsmagazin aufbau, die überwiegende Mehrheit der Diaspora-Juden denke nicht daran, nach Israel zu ziehen, und empfinde darüber auch «kein schlechtes Gewissen». Laut Pinto werde Israel vielmehr zunehmend die Rolle eines «pied-à-terre» einnehmen. «Als Zweitwohnung einer jüdischen Welt, deren Mitglieder – Israeli eingeschlossen – unaufhaltsam wieder zu einem Volk mit globaler Präsenz werden, das eine Vielzahl von Schwerpunkten hat.» Die Ausführungen der Autorin gipfeln in der Feststellung, die jüdische Welt verlasse die «Jahrzehnte des Holocaust-Gedenkens», dringe nach Asien vor und bewege sich hinein in die Gesellschaft des «alten Europa».

Ein Teil der jüdischen Bevölkerung ist offenbar wieder dabei, zu «deutschen, französischen oder schweizerischen Bürgern mosaischen Glaubens» zu werden, und zwar bewusst und freiwillig, ohne Druck von aussen, ohne rassistische Herrenmenschen an den Hebeln der Macht. Zu welch grausamem Ende dieser Begriff vor 70 Jahren geführt hat, verdrängen sie. Entweder, weil sie es dank der «Gunst der späten Geburt» effektiv nicht besser wissen, oder weil es nicht in ihr Diaspora-über-alles-Konzept passt. Im Rahmen dieses Konzepts ignorieren sie zunehmend, dass erst die Existenz des Staates Israel, und strotze er noch so sehr von Fehlern und Mängeln, ihnen ihre vorlaute Selbstgerechtigkeit und dumm-dreiste Egozentrik überhaupt gestattet.

Keine Grenzen gesetzt

Nicht weniger drastisch ist die schweizerisch-jüdische Reaktion auf die Iran-Reise von Aussenministerin Calmy-Rey. In bekannter helvetischer Zurückhaltung meinen Vertreter des Schweizer Judentums, die Folgen dieser Reise durch stille Diplomatie neutralisieren zu können. Und wenn dann die international wirkende Anti-Defamation League (ADL) die für Juden und Israel verheerenden, weit über die schweizerisch-jüdische Schrebergarten-Politik hinausgehenden Auswirkungen dieser Reise rasch begreift und in unschweizerisch-direktem Stil in einer Inseratenkampagne an den Pranger stellt, muss sie sich vorwerfen lassen, sich «unerwünscht und unabgesprochen» eingemischt und die lokalen Gemeinden «rüde überrumpelt» zu haben. Diese Argumentation erinnert an die Anfänge der Holocaust-Debatte mit den Schweizer Banken. Hätte damals nicht Avraham Burg als Chef der Jewish Agency die Eiterbeule lauthals-israelisch, ungefragt und ungebeten angestochen, könnten die «Schweizer Bürger mosaischen Glaubens» wohl heute noch mit ihren Bankbeamten zusammenhocken, so als ob nichts geschehen sei – und die Werte der Holocaust-Opfer würden weiter unter einer dicken Staubschicht in den Kellergewölben der Finanzinstitute schlummern. In einem Brief vom 16. April werfen führende Schweizer Juden Abe Foxman von der ADL gar vor, mit seinen Attacken Ressentiments in der Lokalbevölkerung gegen jüdische Organisationen zu schüren und die «objektive Debatte», die man selber führen würde, noch schwieriger zu gestalten. Die als «provokativ» abgestempelte Inseratenkampagne, die den Juden der Schweiz nicht helfen würde, sei höchst unangebracht.

Auch hier regiert der Prioritäten-Wirrwarr. Antisemitische oder antiisraelische Umtriebe pflegen ihr Gedankengut genauso wenig an einer Grenze zu verzollen, wie Heuschreckenschwärme oder Epidemien an nationalen, lokalen oder Gemeinde-Schlagbäumen Halt machen und umkehren, nur weil ein Gemeindepräsident es so haben will. Wer sich derart vehement auf seine Gemeindeautonomie versteift, der verbirgt den Unwillen oder die Unfähigkeit der von ihm vertretenen Organisation, effizient aufzutreten, und will nicht begreifen, dass die Iran-Reise einer eidgenössischen Politikerin ebenso wenig ein isoliertes Geschehen zwischen Teheran und Bern ist wie die Angriffe von 2001 auf die Zwillingstürme eine bilaterale Sache zwischen Washington und Kabul waren.

Israel will den Dialog mit der jüdischen Diaspora. Nicht ganz altruistisch, hofft Jerusalem doch, dass letztlich neben den Falashmura aus Gondar, den Bne Moshe aus indischen Randregionen oder Leuten aus gewissen GUS-Republiken, deren eigentliches Ziel die USA sind, auch Zehntausende westlicher Wohlstandsjuden den Weg nach Hause finden. Die Anführungszeichen bei «nach Hause» wurden bewusst weggelassen, denn Israel bleibt auch dann in den zweiten 60 Jahren seiner Existenz die ultimative Lebensversicherung für die Bürger mosaischen Glaubens in aller Welt, wenn diese das vehement in Abrede stellen.

In der «New York Times» schreibt Zev Chafetz (unter Menachem Begin Chef des staatlichen israelischen Pressebüros), eine amerikanische Unterstützung Israels im Kampf gegen die iranische A-Bombe sei zwar eine noble Sache, doch letztlich könne sich kein Land auf die Freundlichkeiten einer Drittnation verlassen. Ähnliches gilt für Israel und die Diaspora: Israel ist bereit, den Juden in aller Welt den Schutz und die Hilfe zu gewährleisten, deren diese dringend bedürfen. Betrachten die Juden der Diaspora Israel aber nur als «pied-à-terre», als Zweitwohnung, könnte der jüdische Staat notfalls auf sie verzichten. Die Umkehrung dieses Satzes jedoch wäre langfristig das selbstgewählte Ende der jüdischen Diaspora, für die Israel ist, was das Wasser für den Fisch: das Lebenselixier.