Gedenken an 100 000 000

von Yves Kugelmann, October 9, 2008

Ende des Jahrtausends, des Jahrhunderts. Blicken wir mit Freude oder in Trauer auf Letzteres? Der technologische Fortschritt und Kriege, eine Dekade der Extreme liegen hinter uns. Über 100 000 000 Menschen fielen im letzten Jahrhundert Kriegen zum Opfer, Millionen verloren ihre Heimat, wurden ihren Familien entrissen oder wuchsen entwurzelt auf. Müsste man das Jahrhundert benennen, müsste es das Jahrhundert des inneren und äusseren Exils heissen. Menschliche Tragödien überschatten unwiderrufbar die Schwelle in ein kalendarisch neues Zeitalter, trüben gleichsam die Erfolge der Wissenschaften, der vielfältigen humanitären Errungenschaften, des zunehmenden ökologischen Bewusstseins. Gesellschaftliche Abgründe, der Zerfall der Familie und zunehmende zwischenmenschliche Gleichgültigkeit machen sich in einer von der westlichen Hemisphäre beherrschten Zivilisation breit. Nicht alles, bei weitem nicht alles, war schlecht. Doch Blut gerinnt langsamer als Wasser. Das 20. Jahrhundert muss wie ein Grabstein in der Menschheitsgeschichte stehen, damit wir uns besinnen. Für das jüdische Volk war es die Zäsur zwischen Untergang und Überleben. Zwischen Shoa und der Gründung des Staates Israel, zwischen Volk und Nation. Zwischen Einheit und Spaltung manifestiert sich die Suche nach Tradition und Erneuerung. Als Juden müssen wir sie als Einheit in die Identität integrieren - über wortreiche Floskeln hinaus. Als Menschen müssen wir mithelfen, das dritte Jahrtausend in das Zeichen neuer Humanität zu stellen.