Gedanken zu Unetane Tofek

September 26, 2008
Die Art und Weise, wie das Gebet die Gebrechlichkeit des Menschen und seine Machtlosigkeit gegenüber höheren Gewalten beschreibt, lasst auch unregelmässige Besucher der Synagoge nicht kalt. Ursprünglich als Siluk (abschliessender Pijut) für die Wiederholung des Amida-Gebets von Mussaf am ersten Tag Rosch Haschana verfasst, wird es heute auch am zweiten Tag Rosch Haschana und im polnischem Ritus sogar an Jom Kippur gebetet.

Das Martyrium von Rabbiner Amnon

Woher stammt dieses Gebet? Bekannt wurde es durch eines der wichtigsten halachischen Werke des 13. Jahrhunderts, «Or Sarua», verfasst von Rabbiner Izchak ben Mosche aus Wien (ca. 1180 bis 1250). Der «Or Sarua» zitiert ein Manuskript, demnach im 10. Jahrhundert ein Rabbiner Amnon von Mainz das Gebet verfasst habe, «wegen eines schlimmen Begebnisses, das ihm zugestossen war.» Rabbiner Amnon, «der grösste Gelehrte seiner Generation», sei vom Fürsten des Ortes bedrängt worden, zum Christentum überzutreten. In Folge seiner Weigerung liess der Fürst Rabbiner Amnon foltern und Hände und Füsse abhacken.

Kurz danach, an Rosch Haschana, liess sich der tödlich verletzte Rabbiner Amnon in die Synagoge tragen und neben dem Vorbeter aufstellen. Als die Gemeinde die Keduscha von Mussaf erreichten, sprach Rabbiner Amnon zum Vorbeter: «Warte, ich will den grossen Namen heiligen», und rief in lauter Stimme: «So steige denn die Heiligung zu dir (Gott) empor!» und rezitierte das Unetane Tokef. «Als er den ganzen Text (Siluk) beendet hatte, starb (nistalek[i]) er und war von allen verborgen, 'er war nicht mehr, Gott hatte ihn genommen...'»[ii] Drei Tage später erschien Rabbiner Amnon einem anderen Gelehrten jener Zeit - Rabbi Kalonimus ben Rabbiner Meschulam - im Traum, lehrte ihn das Unetane Tokef und gab ihm auf, es unter den Juden zu verbreiten.

Dichtung oder Legende?

Diese Erzählung, die in vielen Gebetsbüchern als Einleitung zu Untenae Tokef mitgedruckt ist, hat viel zu seiner Verbreitung beigetragen. Unter den Forschern ist es umstritten, ob es sich bei Rabbiner Amnon um eine geschichtliche Person handelt oder um eine Legende. Rabbiner Amnon, «der grösste Gelehrte seiner Generation», wird in der gesamten jüdischen Literatur des Mittelalters kein einziges Mal erwähnt. Noch war Amnon damals in Deutschland ein gebräuchlicher Name, und selbst der «Or Sarua» deutet ihn ethymologisch als «der Gläubige» (Ma'amin). Aus diesen und weiteren, teils stilistischen Gründen kamen Forscher zum Schluss, dass das Unetane Tokef eine viel frühere Dichtung sein müsse[iii].

In der Tat wurde der Pijut in der berühmten Kairoer Genisa entdeckt, auf einem aus dem achten Jahrhundert stammenden Manuskript. Verschiedene Forscher wiesen auf die Ähnlichkeit seines Stils und Inhalts mit christlichen Dichtungen aus der byzantinischen Epoche hin, und es wurde vermutet, dass Unetane Tokef vom berühmten jüdischen Dichter Jannai verfasst wurde, der im sechsten Jahrhundert unter byzantinischer Herrschaft in Israel lebte[iv]. Allerdings ist es ungewöhnlich, dass die Überlieferung einen Text später datiert als die Forschung. Gewöhnlich ist es eher umgekehrt, wie zum Beispiel in der Debatte um die Urheberschaft des «Sohars». Daher wäre es vorstellbar, dass Rabbiner Amnon, wenn es ihn wirklich gegeben hat, einer schon vorhandenen aber weitgehend unbekannten Dichtung durch seine dramatische Rezitierung in der Synagoge zu ihrer Berühmtheit verhielf.

Dichtung oder Legende - die Geschichte von Rabbi Amnon ist stellvertretend für das Schicksal zahlreicher jüdischer Märtyrer und ist im jüdischen Volksbewusstsein zurecht mit der Botschaft von Unetane Tokef verbunden. Das tragische Schicksal der Märtyrer widerspiegelt ein Hauptmotiv des Pijuts - die Auseinandersetzung mit dem Tod und die Annahme des göttlichen Ratschlusses. Grosse Popularität hat Unetane Tokef in den neunziger Jahren in Israel auch in säkularen Kreisen erhalten, als Yair Rosenblum den Pijut neu vertonte, zu Ehren der Gefallenen des Kibbuz Bet Haschitta im Jom-Kippur-Krieg. Ähnlich wie das Martyrium des Rabbiners Amnon verstärkte das tragische Schicksal der Gefallenen die Verbindung vieler Israeli mit den Worten des alten Pijuts. Rosenblums empfindsame Komposition von Unetane Tokef wurde in Israel zu einem Symbol der Möglichkeit einer neuen Integration von Judentum und israelischer Kultur.

Das Weltgericht

Wir können im Unetane Tokef drei Teile ausmachen. Der erste Teil beginnt mit der dramatischen Beschreibung des Weltgerichts mit Schwerpunkt auf das Schicksal des einzelnen Menschen. Der zweite Teil, «Am Rosch Haschana wird man eingeschrieben und am Jom Kippur besiegelt», handelt von den existentiellen Fragen von Leben und Tod und dem menschlichen Leid. Im dritten Teil geht es um Teschuwa, die Fähigkeit des Menschen, sein Schicksal in die Hand zu nehmen.

«In das grosse Schofar wird geblasen und ein leiser dünner Ton ist vernehmbar; die Engel sind bestürzt, von Zittern und Beben ergriffen, und sie sprechen: Dies ist der Tag des Gerichts!» An den Hohen Feiertagen nehmen wir Anteil an einem kosmischen Ereignis. In den metaphysischen Sphären spielt sich ein Drama ab - das grosse Schofar erklingt, die Engel zittern und beben - und all dies um des Menschen Willen! Nur er steht mit Gott im Bund und verfügt über die Fähigkeit, seinem Leben eine bewusste Ausrichtung zu geben. «Du lässt vorbeiziehen, zählst, berechnest und prüfst die Seele jedes Lebewesens.» Das Individuum steht im Mittelpunkt, die Engel zittern und beben wegen des Schicksals jedes Einzelnen von uns. «Wahrheit ist es, dass du Richter bist, der zurechtweist, der weiss und Zeuge ist, der schreibt und besiegelt, zählt und berechnet. Du gedenkst alles Vergessenen, Du öffnest das Buch des Gedenkens, und aus ihm wird vorgelesen, und die Unterschrift eines jeden Menschen ist darin enthalten.» Beeindruckend, diese Verbindung zwischen dem grossen kosmischen Ereignis und der persönlichen Unterschrift des Menschen. Laut Talmud wurde zu Beginn ein einziger Mensch erschaffen, damit jeder von uns sagen kann: «Für mich wurde die ganze Welt erschaffen»[v]. Es geht um unsere Unterschrift - um die ganz persönliche Art und Weise, in der der Einzelne sein Leben in seiner ganzen Komplexität meistert. Die Wahrheit unseres Lebens befindet sich in den Details, die «im Buch des Gedenkens», in den tiefsten Schichten unserer Seelen, lebendig sind. Unsere Mitmenschen beurteilen unsere Reden und unser äusseres Verhalten, Gott aber ist Zeuge unserer innersten Gedanken und Gefühle, unserer Zweifel und Ängste, und unseres Leids. Daher wird zum Jahresanfang nicht getrunken und gefeiert, es gibt keine Feuerwerke, denn wir werden uns des Ernstes unseres Lebens gewahr.

Leben und Tod

«An Rosch Haschana wird man eingeschrieben und an Jom Kippur besiegelt: Wie viele hinübergehen und wie viele geboren werden, wer leben wird und wer sterben, wer zu seiner Zeit und wer vor seiner Zeit, wer durch Feuer und wer durch Wasser, wer durch das Schwert und wer durch Hunger...» Diese bedrückenden Worte haben Generationen von Menschen in ihren Bann gezogen. In unserer Zeit inspirierten sie den Sänger Leonard Cohen zu seinem berühmten Song «Who by fire»: «And who by fire, who by water, who in the sunshine, who in the night time, Who by high ordeal, who by common trial...» Unser Pijut besticht gerade durch seine Universalität. Im ganzen Unetane Tokef ist Israel kein einziges Mal erwähnt, sondern eben nur der Mensch, das Individuum angesichts seines Schicksals und seiner Sterblichkeit.

Es ist sehr schwer, sich mit der Tatsache seines persönlichen Todes abzufinden. Die meisten Leute neigen dazu, ihre Sterblichkeit zu verleugnen, sich so zu verhalten, als lebten sie ewig. Doch Philosophen aller Kulturen sprachen von der heilsamen Wirkung des Bewusstseins unserer Vergänglichkeit. Der französische Philosoph Michel de Montaigne lehrte, bewusstes Leben sei eine Vorbereitung auf den Tod[vi], und unsere Gelehrten sagten[vii]: «Halte dir vor Augen (...), wohin du gehst: an einen Ort von Staub, Ungeziefer und Würmern...» Das «Sein-zum-Tode» (Martin Heidegger) lässt uns unsere Einsamkeit erfahren, denn wir sterben ganz allein; es erweckt Angst. Doch lässt es uns jeden Tag auf Erden als Geschenk erleben und motiviert uns zu einer sinnvollen Gestaltung unserer Existenz.

Freude und Leid

Unetane Tokef handelt nicht nur von Leben und Tod, sondern auch von Freude und Leid: «Wer Ruhe haben wird und wer Unruhe, wer Rast findet und wer Zerrissenheit, wer frei sein wird von Sorgen und wer voller Leiden...» Diese Gegensätze bedingen einander, befruchten sich gegenseitig. Wir geniessen Ruhe, weil wir auch Unruhe erfahren. Es ist eine menschliche Eigenschaft, Leiden so weit wie möglich zu vermeiden. Das Leiden aber lässt uns wachsen und reifen, darauf wiesen Nietzsche und andere Philosophen und Psychologen immer wieder hin. So sagen auch unsere Gelehrten: «Wenn ein Mensch sieht, dass er von Leiden heimgesucht wird, soll er sein Verhalten überprüfen»[viii]. Das Leid bringt uns zum Denken, zur Selbstprüfung und zur Teschuwa.

Teschuwa, Tefila, Zedaka

Bis hier beschrieb das Unetane Tokef das göttliche Weltgericht und das menschliche Schicksal so, als hätte der Mensch keinerlei Einfluss darauf. Doch der dritte Teil der Dichtung ruft uns zur Verantwortung auf: «Doch Teschuwa (Umkehr), Tefila (Gebet) und Zedaka (Wohltätigkeit) wenden das böse Verhängnis ab!» Damit greift der Verfasser des Pijuts auf eine gleich lautende talmudische Lehre zurück[ix]. Das Judentum verwirft jegliche fatalistische Weltanschauung und ermutigt den Menschen zur aktiven Gestaltung seines Lebens. Allerdings ist die uns hier nahe gelegte Aktivität keine äusserliche, sondern eine, die sich im menschlichen Geist abspielt. Teschuwa ist die Rückkehr zu unserem ursprünglichen, göttlichen Selbst. Tefila, das Gebet, ist Besinnlichkeit, in der wir unseren Geist auf Gott ausrichten und unsere Prioritäten neu überdenken. Zedaka aber ist die Ausrichtung auf den Mitmenschen und seine Bedürfnisse. Die Rehabilitierung unserer gebrochenen Verbindung mit Gott geht, laut jüdischer Lehre, immer einher mit dem Bestreben, dem Mitmenschen beizustehen.

Die grosse theologische Frage aber, die sich aus diesem zentralen Credo des Unetane Tokef ergibt, ist, ob gutes Verhalten, wie Umkehr, Gebet und Wohltätigkeit tatsächlich «das böse Verhängnis abwenden»? Ist es nicht vielmehr so, dass Menschen trotz ihrer Güte und Frömmigkeit Schlimmes passiert? Sterben nicht jeden Tag Menschen, trotz der Gebete, die für sie gebetet, trotz der Zedaka, die in ihrem Namen gegeben werden? Musste nicht gerade Rabbiner Amnon, gleich wie die Gefallenen vom Kibbuz Bet Haschitta, seine Ohnmacht gegenüber seines Schicksals am eigenen Leib erfahren...? Doch wenn wir die hebräische Formulierung «Roa ha-Gesera» genau ansehen, stellt sich «das böse Verhängnis» als unzulängliche Übersetzung heraus (dann müsste es nämlich lauten: «ha-Gesera ha-ra'ah». «Roa ha-Gesera» bedeutet vielmehr «das Böse des Verhängnisses». Nicht unbedingt das Schicksal selbst wird durch Teschuwa, Tefila und Zedaka verändert, sondern «das Böse» des Schicksals. Schicksalsschläge sind manchmal nur begrenzt beeinflussbar. Doch ob unser Schicksal gut oder schlecht ist, hängt von unserer Einstellung ab. Der aktiv im Leben stehende Mensch lernt, das Beste aus seinem «Verhängnis» zu machen, einschliesslich seines Leids und seiner Schwierigkeiten - lösbar oder unlösbar. Die Psychoanalyse führt uns vor Augen, wie wir von unserer Vergangenheit und unbewussten seelischen Kräften geprägt werden, die moderne Neurobiologie erforscht, wie chemische Prozesse im Gehirn Gefühle und Verhalten des Menschen determinieren. Im Zeitalter der Globalisierung sind wir zum Spielball von unüberschaubaren wirtschaftlichen Prozessen geworden. Die Momente in unserem Leben, in denen wir eine wahrlich freie Entscheidung treffen sind seltene, kostbare Momente, Sternstunden der Verwirklichung des biblischen Ideals eines Menschen im Ebenbild Gottes. Teschuwa, Tefila und Zedaka ändern nicht unbedingt unser Schicksal, vermindern aber die Schicksalhaftigkeit unseres Lebens, erweitern und vertiefen die Möglichkeiten der freien Gestaltung unserer Existenz.

«Bis zu seinem Todestage wartest Du auf ihn. Wenn er umkehrt, nimmst du ihn sofort auf.» Diese Worte des Unetane Tokef erinnern mich an eine eindrucksvolle Begebenheit, von der der bekannte amerikanische Psychologe Irivin Yalom berichtet[x]. Ein schwer krebskranker Mann kam zu ihm in Behandlung, da er seit Jahren in einem Zustand emotionaler Kälte und Entfremdung von seiner Frau und seinen Kindern lebte. Innerhalb weniger Monaten psychotherapeutischer Gespräche gelang es ihm, sich zu öffnen und seiner Familie näher zu kommen. Auf seinem Sterbebett, im Kreis seiner Familie, hielt er die Hand seines Therapeuten und sagte zu ihm, kurz bevor er seine Seele aushauchte: «Vielen Dank dafür, dass Sie mir das Leben gerettet haben...» Das Unetane Tokef mag unter dem Eindruck des Märtyrertodes des Rabbiner Amnon und anderer Menschen entstanden sein. Doch in Wirklichkeit geht es darin um Leben - voller Freude und Leid, Sünde und Reue, Schwäche und Erhabenheit - und um die Möglichkeit der Teschuwa - jederzeit.

Gabriel Strenger

Das Wortspiel ist noch komplexer, da «salik» auf Aramäisch auch «emporsteigen» bedeutet.

Basiert auf 1.Buch Moses 5:24. Dort ist von Chanoch die Rede, der infolge seiner Frömmigkeit von Gott in den Himmel genommen wurde. Laut kabbalistischer Überlieferung existiert Chanoch als Engel weiter und offenbart Menschen mystische Geheimnisse.

[iii] Israel Davidson (1929), Otzar Haschirah We-hapijut. Für eine detaillierte Abhandlung über die Frage des Verfassers des Unetane Tokef, siehe David Golinkin, Insight Israel, Vol. 6, Issue Nr. 1, September 2005.

[iv] Ya'akov Spiegel (2002), Netu'im 8 (Marcheschwan 5762), S. 23-42.

[v] Mischna Sanhedrin 4:6.

[vi]«Philosopher ce n'est autre chose que s'aprester à la mort». Essais, Livre I, Kap. 19.

[vii] Sprüche der Väter 3:1.

[viii] Talmud Berachot 5a.

[ix] Talmud Jeruschalmi (Palästinensischer Talmud) Ta'anijot, Kap. 2, S. 65b. Die Tatsache, dass das Unetane Tokef eine Textstelle aus dem im Lande Israel verfassten Talmud zitiert und nicht die abweichende Version im Babylonischen Talmud (Rosch Hachana 16b: Vier Dinge zerreissen das Urteil über den Menschen...»), kann als Bekräftigung der Annahme verstanden werden, dass der Pijut in der byzantinischen Epoche in Erez Israel verfasst wurde.

[X] Irvin Yalom (1989). Love's Executioner and Other Tales of Psychotherapy