Geburtstag mit Fragen
Auge, Ohr und Herz kamen auf ihre Rechnung an der würdigen Feier zum 75. Geburtstag der Synagoge der Israelitischen Religionsgemeinschaft Zürich. Das Innere des Gotteshauses war prächtig mit Blumen geschmückt, und die voll besetzten Reihen vermittelten das Bild einer intakten Gemeinde. Ein Jugendchor erfreute das Ohr mit feierlichen Melodien, während die beiden rabbinischen Redner den für die Tage vor Rosch Haschana passenden aufrüttelnden und eindringlichen Ton fanden. Ein in allen Beziehungen gelungener Anlass, der Zeugnis ablegte von einem Dreivierteljahrhundert intensiv und konsequent betriebener Gemeindearbeit. Dennoch bleiben Fragezeichen. Von den am Abend des 17. Elul in der Freigutstrasse Anwesenden gab es nämlich nicht wenige, die auf dem Papier zwar lang bestandene Mitglieder der IRGZ sind (vor allem, weil es die Grossväter und der Vater schon waren), die ihre jüdischen und Gemeindeaktivitäten seit langer Zeit aber schon anderswo betreiben. Das Phänomen ist nicht typisch für die IRGZ, es ist auch nicht typisch zürcherisch. Es besteht aber, und es sollte beunruhigen und zum Handeln anregen. Die Jugend der etablierten jüdischen Gemeinden der Schweiz verläuft und verzettelt sich zusehends. In Zürich laden zahlreiche Privat-Minjanim verschiedenster Ausrichtung zum Gebet ein, und auch das gesellschaftliche Angebot ist ausserhalb der Mauern der Stammgemeinde oft attraktiver. Wir wollen hier nicht werten, sondern nur feststellen und Fragen aufwerfen. Vielleicht war es angebracht, dass der 75. Geburtstag eines Synagogengebäudes ausschliesslich rabbinisch-religiös gefeiert wurde. Vielleicht wäre es aber auch denkbar gewesen, einen solchen Anlass dazu zu benutzen, neue Impulse zu geben, die ein möglichst breites Spektrum jugendlicher Noch-nicht- (oder Nicht-mehr-aktiv-) Mitglieder anziehen könnte. Denn die von rabbinischer Seite völlig zu Recht angesprochene Notwendigkeit des Vorwärts- und Aufwärtsstrebens einer Gemeinde kann sich ja nicht nur auf den physischen Erhalt eines Gebäudes beschränken und auch nicht nur auf die Ausgestaltung des Gottesdienstes. Noch ist es für Gemeinden wie der IRGZ nicht zu spät, das Ruder kontrolliert und sachte herumzuwerfen, um jene zurückzugewinnen, die man heute riskiert, aus geografischen und geistig-weltanschaulichen Gründen zu verlieren.