Geben für die Gerechtigkeit

November 5, 2010

Jüdische Philanthropie wird gerne als Befolgung des religiösen Gebotes der Zedaka wahrgenommen, der Verpflichtung also, den Armen materiell beizustehen. Doch wie Klaus Weber im ersten Beitrag dieser Ausgabe schreibt, traten hehre Prinzipien über weite Strecken der jüdischen Geschichte notgedrungen hinter ganz pragmatischen Mo-tiven zurück: «Bedürftige Juden waren von den allgemeinen Wohlfahrtseinrichtungen ausgeschlossen, da diese ja meist von Kirchen betrieben wurden oder von den Handwerkszünften und Kaufmannsgilden, in denen auch keine Juden zugelassen waren. Man muss diese Exklusivität kirchlicher Armenpflege nicht unbedingt als ein Zeichen des Judenhasses verstehen, denn sie schloss in der Regel auch die Angehörigen der jeweils anderen christlichen Konfessionen aus.» Wohltätigkeit war so zunächst einmal notwendig, um das Überleben der Gemeinschaft zu sichern. Aber Weber macht deutlich, dass etwa wohlhabende Gemeinden in Westeuropa nach dem Dreissigjährigen Krieg bei ihrer Hilfe für jüdische Flüchtlinge aus Polen stets von der Sorge geplagt wurden, bei christlichen Nachbarn an Ansehen zu verlieren. Dennoch war Armut von jüdischer Warte grundsätzlich anderer Natur als aus christlicher Perspektive: Sahen Kirchen Bedürftigkeit als Resultat sündigen Verhaltens, war der Kampf jüdischer Philanthropen gegen Armut stets von dem Wunsch beseelt, Ungerechtigkeit aus der Welt zu schaffen.
Hier setzt Emanuel Cohn an. Er erinnert an die Bedeutung des hebräischen Wortes für Wohltätigkeit: Zedaka «wurzelt im hebräischen Begriff Zedek, Gerechtigkeit (…). Gemäss dem Judentum ist Wohltätigkeit nicht nur im Sinne einer barmherzigen Gabe zu verstehen, sondern allem voran in der Absicht, eine gerechte Gesellschaft aufzubauen und aufrechtzuerhalten.» Praktische Notwendigkeit und religiöses Gebot sind also doch kaum auseinanderzuhalten.
Dieser Hintergrund trägt zum Verständnis bedeutender Philanthropen wie Julius Rosenwald (1862–1932) bei. Der Präsident des Kaufhauskonzerns Sears, Roebuck war Sohn deutsch-jüdischer Einwanderer und hat nicht nur ausserordentlich zur Entwicklung der jüdischen Gemeinde in seiner Heimatstadt Chicago beigetragen, sondern dort massgeblich an der Gründung akademischer und für die Allgemeinheit bestimmter Institutionen mitgewirkt. Wie Rosenwalds Enkel und Biograf Peter Ascoli erklärt, war der Unternehmer ein Pionier der Philanthropie, der challenge grants und andere neue Formen des Geldsammelns verwandte und seiner Stiftung einen zeitlichen Rahmen setzte. Erstaunlich bleibt jedoch Rosenwalds Engagement für Afroamerikaner, die um 1900 erst in Ansätzen von weissen Mäzenen beachtet worden sind. Wir werden auf unserer Internetseite einen ergänzenden Artikel platzieren, der auf einem Gespräch mit Ascoli beruht und die philanthropische Arbeit der Nachkommen Rosenwalds diskutiert.
Wie ein Blick auf das erfolgreiche Spendensammeln der Chabad-Bewegung in den USA zeigt, zeichnet sich jüdische Philanthropie weiterhin durch Innovation aus und versteht das Internet und soziale Medien nutzbar zu machen. Dass jüdische Mäzene auch dort einspringen, wo der jüdische Staat Gerechtigkeitslücken aufgerissen hat, zeigt indes ein Bericht aus Israel. Dort beschreitet der philanthropische Dachverband Latet seit 1996 neue Wege bei der Armenhilfe.    ●