Geben als Notwendigkeit
Das Motto auf der Website der israelischen Stiftung Latet (hebräisch für Geben) lautet: «Israeli sein heisst Geben». Dieser Spruch bringt das für alle humanitären Organisationen des Landes Wesentliche auf den Punkt – wie Latet sind sie fast alle vom guten Willen der Bürger abhängig. Derzeit sind 29 000 Non-Profit-Organisationen in Israel registriert und jährlich kommen 1000 neue dazu. Die Ursachen für diese erstaunlichen Zahlen gehen auf das Jahr 1977 zurück. Seit damals hat der israelische Staat sein soziales Netz Stück um Stück beschnitten. Arme und Bedürftige sind daher zunehmend auf private Organisationen im In- und Ausland angewiesen. Die von den Regierungen verhiessene New Economy mit ihren freien Märkten lässt die Schwachen in der israelischen Gesellschaft zurück. So wird die Kluft zwischen Arm und Reich Jahr um Jahr tiefer. Daher ist auch den Behörden klar, dass Israel ohne private Stiftungen gar nicht mehr lebensfähig wäre. Für diese humanitären Verbände hat sich die Bezeichnung «dritter Sektor» (neben Öffentlichkeit und Privatsphäre) eingebürgert.
Rückzug des Staates
Dieser «dritte Sektor» finanziert inzwischen 98 Prozent aller Erziehungsprogramme an israelischen Universitäten, 88 Prozent der ambulanten medizinischen Versorgung, 64 Prozent der Weiterbildungsprogramme für Berufstätige, 47 Prozent der Versorgung chronisch kranker Patienten
sowie 42 Prozent der Gesundheitsprogramme für Kinder. Yad Sarah, der grösste Freiwilligenverband im Gesundheitswesen, wurde vor 30 Jahren gegründet und spart der israelischen Regierung jährlich 320 Millionen Dollar. Die Organisation unterhält 103 Niederlassungen in 92 Städten und ist vor allem für die Bereitstellung von medizinischen oder Geräten für die Rehabilitation bekannt. Über die Hälfte der Israeli nehmen die Dienste Yad Sarahs in Anspruch. Latet fungiert derweil als Dachverband für 150 Stiftungen und Verbände, die lokale Einrichtungen betreiben.
Im Gegensatz zu Yad Sarah wurde Latet 1996 gegründet, um nicht nur Israeli, sondern Menschen in aller Welt zu helfen. Dennoch hat sich die wachsende Armut im jüdischen Staat zum vorrangigen Thema von Latet entwickelt. Um Politiker und Mitbürger auf dieses Problem hinzuweisen, publiziert Latet eigene Armutsberichte. Dazu zieht die Stiftung Daten heran, die von Betroffenen sowie Hunderten von Suppenküchen und anderen Einrichtungen stammen, die sich um Arme kümmern.
Rasant wachsende Armut
Im Gegensatz zu anderen Verbänden begnügt sich Latet nicht damit, die von der Regierung aufgerissenen Lücken im Wohlfahrtswesen zu füllen. Der Verband wendet sich an die Politik, um sich für Arme speziell bei der Nahrungsversorgung einzusetzen. So hat Latet im Jahr 2007 an das oberste Gericht Israels appelliert, um eine Verfügung zu erreichen, die den Staat zu einer Mindestversorgung seiner ärmsten Bürger mit Nahrungsmitteln verpflichten soll. Damit hat eine unabhängige Stiftung erstmals den Staat an seine Pflichten Bürgern gegenüber erinnert. Latet-Geschäftsführer Eran Weintrob erklärt: «Zwischen der öffentlichen Wahrnehmung, dass der Staat Israel verpflichtet ist, sich um Arme zu kümmern, und der Realität liegen Welten. In Wahrheit tragen Non-Profit-Verbände hier ohne jede staatliche Unterstützung die Last».
Weintrob zufolge hat sich diese Entwicklung seit den 1990er-Jahren verschärft: «Damals ist die israelische Wirtschaft dank staatlicher Massnahmen stark gewachsen. Aber diese haben auch zu einer dramatischen Zunahme der Armut geführt. Israel weist mit einer Armutsrate von 60 Prozent die schlimmsten Werte unter entwickelten Nationen auf. Zudem liegen wir auch bei der Kinderarmut an der Spitze – jedes vierte Kind wächst in materieller Not auf.» Weintrob hält diese Situation für inakzeptabel: «Dagegen müssen wir kämpfen.» Der Anwalt hebt hervor, dass zwei Drittel der Armen arbeiten, aber dennoch nicht ausreichend für ihre Familien sorgen können.
Hilfe zur Selbsthilfe
In Israel liegt die Armutsgrenze für Familien bei einem Monatseinkommen von 500 Euro. Laut Weintrob ist es unmöglich, davon zu existieren: «Wir von Latet wollen Armen aber nicht nur das zum Überleben Notwendige bereitstellen, sondern ihnen helfen, dauerhaft aus ihrer Notlage auszubrechen. So bieten wir Workshops an, die bei der Gründung kleiner Betriebe helfen. Unser Projekt «I am for you» richtet sich an Jugendliche mit niedrigem sozio-ökonomischem Hintergrund. Wir führen sie in die Welt der humanitären Hilfe und der Gemeindearbeit ein und helfen ihnen damit zur Selbsthilfe.» Zudem empfindet Latet Holocaust-Überlebenden gegenüber eine besondere Verpflichtung, so Weintrob: «Wir helfen 1500 bedürftigen Überlebenden mit Medikamenten, Gehörgeräten, zahnärztlicher Versorgung und bei anderen Notlagen.»
Latet ist besonders für seine Publicity-Kampagnen bekannt, die von israelischen Berühmtheiten in den Medien propagiert werden. Damit sammelt die Stiftung Millionen für feiertägliche Mahlzeiten. So konnte «Latet with Love» jüngst 13 Millionen Schekel zu Rosch Haschana einbringen. Weintrob erklärt: «Wir sind auf den guten Willen der israelischen Öffentlichkeit angewiesen, die versteht, was gegenseitige Verpflichtung darstellt, und bereit ist, Leuten Geld zu spenden, die weniger glücklich sind als sie selbst. Aber wir wünschen uns sehr, dass auch die Entscheidungsträger in Israel diesem Pfad folgen und einsehen, wie wichtig es ist, die israelische Gesellschaft von innen her zu stärken.» ●
Sima Borkovski ist Journalistin und lebt im israelischen Netanja.