«Gauführer» war Burger-Präsident

September 19, 2008
Die einflussreiche und angesehene Burgergemeinde Bern wurde nach dem Zweiten Weltkrieg während über 30 Jahren von zwei bekennenden Frontisten präsidiert; der ehemalige Gauführer der Nationalen Front war sogar bis 1984 im Amt. Dies enthüllt ein Buch der Historikerin Katrin Rieder.
<strong>Kulturcasino der Burgergemeinde in Bern </strong>Eine Buch-Ver&ouml;ffentlichung bringt Brisantes zutage

In der Nacht vom 6. auf den 7. Mai 1937 führte die Nationale Front Bern eine «Malaktion» durch: Die Synagoge an der Kapellenstrasse wurde mit dem Satz «Juda verrecke» verschmiert, illustriert mit einem Hakenkreuz. Bereits in der Nacht auf den 1. Mai waren Strassen, Trottoirs und Hausfassaden mit kommunistischen Parolen versehen worden, was Georges Thormann, «Gauführer» der Nationalen Front, im «Berner Tagblatt» damit begründete, dem Volk habe die «Gefahr eines langsamen Abgleitens in die Volksfrontrepublik» vor Augen geführt werden sollen. Thormann und seine Kameraden mussten sich für diese Taten vor Gericht verantworten. Dies alles war im Jahr 1968 kein Thema, als derselbe Georges Thormann ohne Gegenstimme zum Präsidenten der Burgergemeinde Bern gewählt wurde – ein Amt, das er bis 1984 bekleidete. Auch Albrecht von Graffenried, Burgergemeindepräsident von 1946 bis 1961, war zuvor Sekretär des «Volksbundes» und Mitglied des «Bundes für Volk und Heimat» gewesen, ohne dass dies bis heute bekannt geworden wäre. Dies hat die Historikerin Katrin Rieder nun umfassend nachgeholt. In einem letzte Woche veröffentlichten Buch (vgl. Fussnote) hat sie – auch – die dunklen Seiten in der Geschichte dieser öffentlich-rechtlich anerkannten Institution aufgearbeitet, welche mit ihrem Milliardenvermögen als grosszügige Sponsorin im kulturellen und sozialen Bereich bekannt und geachtet ist.

«Überrascht und betroffen» äusserte sich der heutige Burger-Präsident Franz von Graffenried in verschiedenen Interviews zu den Enthüllungen. Es stimme ihn nachdenklich, dass Thormanns Vergangenheit bei dessen späterer Laufbahn in der Burgergemeinde nicht thematisiert worden sei. Schon vor der Buchpublikation (sie basiert auf einer vor Jahresfrist publik gewordenen Dissertation) habe er einen internen Quellenforschungsbericht in Auftrag gegeben. «Ich fühle mich hintergangen», schreibt ein ehemaliger Burgerrat in einem Leserbrief: «Wenn ich gewusst hätte, was ich heute weiss, hätte ich Georges Thormann nicht gewählt.»

Ähnlich wie in vielen Zünften, waren jüdische Mitglieder in der auf die Zeit des Ancien Régime zurückgehenden Burgergemeinde Bern lange Zeit nicht erwünscht. Das änderte sich in den 1990er-Jahren unter dem Präsidium von Rudolf von Fischer, der bis heute eng mit den Berner Juden und der Gesellschaft Schweiz-Israel verbunden ist. Als 1997 die Familie von Raymond und Monique Bloch in die Burgergemeinde aufgenommen wurde, sprach von Fischer denn auch von einem «wichtigen Zeichen». Ebenfalls Mitglied der Burgergemeinde ist Brigitte Halpern, frühere Präsidentin der Jüdischen Gemeinde Bern (JGB) – dies allerdings als Erbin ihres nicht jüdischen Grossvaters. Die JGB hat mit der Burgergemeinde auch «geschäftlich» zu tun; so verkaufte ihr diese letztes Jahr das nötige Land für die Erweiterung des Friedhofs.

Peter Abelin

Katrin Rieder: «Netzwerke des Konservatismus – Berner Burgergemeinde und Patriziat im 19. und 20. Jahrhundert», Chronos-Verlag, Zürich 2008.