Gabriels Vision
Von Gisela Blau
Die Welt der Bibelforscher und der christlichen Theologen ist in Aufruhr. Grund ist eine mehr als 2000 Jahre alte Inschrift auf einer Steintafel, deren Echtheit niemand bezweifelt. Auf der Zeile 80 befiehlt der Erzengel Gabriel jemandem imperativ, in drei Tagen aufzuerstehen und zu leben. «Chaje», lebe, kommandiert der Schreiber. Wenn das so ist, so bedeutet eine Auferstehung in drei Tagen ein rein jüdisches Konzept und keine christliche Einmaligkeit nach der Kreuzigung von Jesus. Kein Wunder, dass ein Raunen durch die Fachwelt zieht. Die Botschaft auf dem Stein heisst nun allgemein «Gabriels Vision» oder «Gabriels Enthüllung». Unter den englischen Titeln («gabriel’s vision» und «gabriel’s revelation») liefert Google bereits 10,7 Millionen beziehungsweise 1,75 Millionen Fundstellen. Auch Texte über «Messias-Stein» («messiah stone»), werden millionenfach geliefert. 2770 Treffer allein erzielt allerdings die Eingabe «Jeselsohn stone». Denn David Jeselsohn aus Zürich ist der Besitzer der Steintafel. Und er wusste lange nicht, wie brisant diese Neuerwerbung für seine Sammlung war.
Ein Fund aus dem Mittelalter
Seit 40 Jahren sammelt Jeselsohn archäologische Artefakte aus dem östlichen
Mittelmeerraum, Gegenstände mit einem Bezug zur jüdischen Geschichte,
zur Bibel, zu Israel. Dazu gehören beschriftete Tonscherben (Ostraca),
Öllampen, Münzen, Geschriebenes und vieles mehr. Als der promovierte
Ökonom einst für zwölf Jahre nach Israel zog, absolvierte er
an der Universität Tel Aviv ein Zweitstudium in Archäologie. In Fachkreisen
gilt er als sachverständiger Sammler.
Eines Tages bot ihm ein bekannter jordanischer Händler eine Steintafel
mit hebräischer Inschrift an. Er liess sich eine Fotografie schicken und
schaute sich die Tafel im Zürcher Zollfreilager an. Schliesslich kaufte
er sie und nahm sie mit nach Hause. Die Tafel ist knapp einen Meter lang und
etwa 40 cm breit. Darauf sind deutlich, wie bei einer Thora, 87 Zeilen Text
über zwei Spalten in Tinte geschrieben. Der Stein weist zwei Bruchstellen
auf, und nicht alle Worte sind gut leserlich. Aber Jeselsohn, der alte Schriften
nicht nur auf Hebräisch lesen kann, sondern auch auf Aramäisch und
Griechisch, entzifferte Worte wie «Israel», «Gott Israels»,
«Jerusalem». Er datierte den Fund als mittelalterlich. «Zum
Glück war der Stein offenbar trocken gelagert und mit Sand bedeckt gewesen»,
sagt der Sammler, «sonst wäre die Schrift wohl zerstört worden.»
Er weist darauf hin, dass die Frist von drei Tagen im Judentum mehrfach vorkommt,
etwa bei Abraham, bei Moses und beim Propheten Hosea.
Eine Schriftrolle auf Stein
Vor drei Jahren empfing Jeselsohn in Zürich den Besuch von israelischen Experten in biblischen Schriften, die eine Arbeit über seine Sammlung von beschrifteten Tonscherben planten. Schliesslich zeigte ihnen Jeselsohn seine Steintafel, und die bekannte Schriftexpertin Ada Yardeni hatte «ein Aha-Erlebnis», erinnert sich der Sammler. Er erlaubte ihr, eine genaue Abschrift herzustellen, und sie attestierte ihm, dass er eine «Schriftrolle auf Stein» besitze. Linguistische und formale Indizien liessen sie den Stein auf das Ende des letzten Jahrhunderts v.d.Z. datieren, aus der auch die Qumran-Schriftrollen stammen.
Dennoch ist die Tafel nicht der Besitz, der dem Sammler am Nächsten liegt. «Das Goldglas, das kürzlich in tachles gezeigt wurde, steht meinem Herzen näher», sagt er. «Auch ein Stempelabdruck von König Chiskijahu (Hiskia) oder ein Krugfragment, auf dem erstmals der Name von Bar Kochba steht.» Über den Wert der Tafel mag er nicht sprechen: «Was ist die Mona Lisa wert?» fragt er lächelnd zurück.
Ein Messias vor Jesus
Vor etwa einem Jahr erschien eine erste Arbeit über die Inschrift von Ada Yardeni und Binyamin Elitzur in der israelischen Zeitschrift «Cathedra». Dank ihr fühlte sich Israel Knohl, Professor für biblische Studien an der Hebräischen Universität Jerusalem, endlich bestätigt. Im Jahr 2000 hatte er das Buch «Der Messias vor Jesus» publiziert. Seine These lautete, dass es nach dem Tod von König Herodes im Jahr 4 v.d.Z. eine jüdische Revolte in Israel gab, die von der herodischen Armee und den Römern brutal niedergeschlagen wurde. Der erstmals im Talmud (Sukka 52a) erwähnte «ermordete Messias», Sohn von Joseph, basiere auf historischen Fakten. Der Historiker Flavius Josephus habe beschrieben, wie Simon aus dem Hause Davids, der sich König nannte und in Transjordanien wirkte, von einem Heerführer erschlagen wurde. Möglicherweise lag der Fundort der Steintafel tatsächlich in Transjordanien; der Händler ist verstorben, und die Familie weiss nichts darüber.
Knohl taxierte den Tod des «Messias vor Jesus» als notwendig für die folgende Rettung des jüdischen Volkes. Er zog damals den Schluss aufgrund von apokalyptischen Schriften, dass an eine Auferstehung nach drei Tagen und die Auffahrt zum Himmel in einem Wagen geglaubt wurde. Die Steintafel Gabriels lieferte Knohl die Unterstützung für seine These. Stand hier nicht etwas von «meinem Diener David» und einem Fürst der Fürsten? Knohl gelang es, das Wort «lebe» zu entziffern, was Yardeni akzeptierte.
Fund für das Israel-Museum
Öffentliches Aufsehen erregte die Schrift auf dem Stein, nachdem der Israel-Korrespondent der «New York Times» im Juni darüber berichtet hatte, pünktlich zur Eröffnung eines Kongresses über «60 Jahre Schriftrollen vom Toten Meer» in Jerusalem. Von christlicher Seite, sagt Jeselsohn, gibt es drei Formen von Reaktion: Indifferenz, Aufregung vor allem in den bibeltreuen Südstaaten der USA und die Auffassung, dass Jesus eine historische Figur, aber rein jüdisch gewesen sei.
«Wir müssen die Geschichte aus der damals äusserst turbulenten Zeit beurteilen», sagt David Jeselsohn, «es gab Unabhängigkeitsbestrebungen und esoterische Ideen. Der Kanon der Bibel war noch nicht definiert. Jesus und seine Jünger waren eine Sekte im Judentum, doch dann kam Paulus, und dank der Duldung der Christen durch Kaiser Konstantin den Grossen begann ihr Siegeszug. Der Fund der Steintafel bestärkt das Verständnis von Jesus, der Text nimmt nichts weg.» Noch sind nicht alle Worte auf dem Stein ergründet, auch wenn sie lesbar sind, beispielsweise «Kitot». Allerlei Wissenschafter befassen sich nunmehr damit. Die Steintafel jedoch ruht klimatisiert in Sicherheit und soll eines Tages im Israel-Museum in Jerusalem ausgestellt werden, in dem bereits viele andere Prachtstücke aus Jeselsohns Sammlung zu sehen sind. Schliesslich ist er auch Präsident der Schweizer Freunde des Museums.