Fundierte Kritik ?

von C. Longchamp, J. Dumont, P. Leuenberger, October 9, 2008
Am 15. März publizierte das GfS-Forschungsinstitut die Studie «Einstellungen der SchweizerInnen gegenüber Jüdinnen und Juden und dem Holocaust», die es für die CICAD (Genf) und das AJC (New York) erstellt hatte. Darin hielten die AutorInnen als eines von vielen Ergebnissen fest, dass 16 Prozent der Stimmberechtigten in der Schweiz «eine eindeutige Nähe zum heutigen antisemitischen Denken» haben. Die JR publizierte eine Woche nach der Veröffentlichung der Studie einen Artikel von Mathias Steinmann und Ralph Weill, welche die Ergebnisse hinterfragten. Aufgrund von vier Befragungen des SRG-Forschungsdienstes halten die beiden Autoren zwei abweichende Befunde zum Antisemitismus in der Schweiz fest: Er sei geringer vorhanden und über die letzten 25 Jahre unverändert schwach geblieben. Im folgenden Artikel geht das GfS-Forschungsteam auf die Kritik ein.

Eine Gemeinsamkeit teilen wir mit den Kritikern: Unter Antisemitismus reihen wir die negativen Einstellungen von Individuen gegenüber jüdischen Menschen. Einstellungen, die sowohl religiös als auch politisch begründet werden. Die Untersuchung des Antisemitismus in der Gegenwart ist deshalb so wichtig, weil es den Nationalsozialisten in Deutschland gelungen war, den um rassistisch-biologischen Argumente erweiterten Antisemitismus zur Staatsdoktrin zu erheben und in der Folge jüdische Menschen zu isolieren, zu vertreiben und schliesslich zu vernichten. Antisemitismus ist deshalb nicht nur eines unter vielen politischen Problemen, sondern ein Verbrechen gegen die Menschheit und kann mit der UNO-Konvention gegen Rassismus und Antisemitismus auch geahndet werden. Eine Konvention, welcher übrigens auch die Schweizer BürgerInnen in den 90er Jahren mit grosser Mehrheit zugestimmt haben. Aufgrund dieses Hintergrundes wäre schon länger angezeigt, Antisemitismus in einer Gesellschaft regelmässig zu untersuchen und dies mit sozialwissenschaftlich fundierten Argumenten und Ergebnissen, die Aufschluss darüber geben, inwiefern eine Gesellschaft Antisemitismus-anfällig oder -resistent ist, zu diskutieren.
Ob weitere Gemeinsamkeiten bestehen, müssen wir offen lassen. Wir gewährten unseren Kritikern via die vollumfängliche Internet-Publikation Zugang zu den relevanten Angaben, während sie uns auch nach mehrfachem Insistieren nur zögerlicher und häppchenweise Einblick in ihre Studien erlauben. Dies ist der Suche nach den besten Argumenten und dem Vergleich, was die empirische Forschung in der Schweiz hierzu geleistet hat, nicht dienlich. Einen Sachverhalt, den die Kritiker selbst in ihrem Artikel in der JR verschwiegen haben und der alleine schon Unterschiede in den Zahlen produziert, erwähnen wir vorab: In der GfS-Studie wurde ein repräsentativer Querschnitt der stimmberechtigten SchweizerInnen über 18 Jahren, was rund 4,7 Mio. Menschen sind, telefonisch befragt; die SRG-Studien, die als Zusätze zur Forschung über Fernsehsendungen entstanden sind, beziehen sich demgegenüber auf einen repräsentativen Querschnitt der Fernsehhaushalte oder annähernd aller EinwohnerInnen des Landes, was 6 bis 7 Mio. Menschen ausmacht.

Umsetzung von Antisemitismus in der Befragung

Entgegen anderslautenden Behauptungen unserer verschiedenen Kritiker haben wir sehr wohl versucht, Antisemitismus für den Zweck der Umfrage genau zu fassen. Antisemitismus verstehen wir als Reaktion einer Mehrheit (von Nicht-Juden) auf eine Minderheit von Juden, die durch Vorurteile der Mehrheit bestimmt und zum Nachteil der Minderheit er-folgt. Antisemitismus zeigt sich vor allem in Krisensituationen, indem «die Juden» als Verursacher für wahrgenommene Missstände beschuldigt werden. Dabei sind die Gründe nicht nur religiöser, politischer oder wirtschaftlicher Natur, sondern es sind im Nachgang zum Holocaust vor allem Veränderungen von Selbst- und Fremddefinitionen einer Gesellschaft, die Unsicherheiten auslösen. Vergleichbare Verhältnisse gab es beispielsweise in Österreich nach der Präsidentenwahl 1986 oder aktuell durch die Kritik an der Regierungsbeteiligung der FPÖ. Studien, die damals zur Situation in Österreich gemacht wurden, legten nahe, dass gerade einmal sieben Prozent eindeutig affektiv-negative Haltungen gegenüber Juden hatten. Das Ergebnis wurde als «schönfärberisch» kritisiert, weil es Vorurteile gegenüber Juden, die in Österreich deutlich verbreiteter waren, ausblendete. In der Kombination beider Elemente resultierte ein Anteil von 26 Prozent «Antisemiten» in unserem Nachbarland. Ein solcher Wert kann auch in anderen modernen Demokratien, etwa in Deutschland oder den Vereinigten Staaten nachgewiesen werden.
In unserer Untersuchung sind wir auf verschiedenen Ebene vorgegangen, was für die Schweiz, nicht aber für andere Länder neuartig ist: Getestet haben wir die soziale Distanz der SchweizerInnen zu den Juden, Vorurteile der Mehrheit gegenüber der Minderheit und die Reaktionsweise auf politische Forderungen, die in jüngster Zeit gemacht worden sind. Zudem haben wir das heutige Bild der Schweizer gegenüber dem Verhalten unseres Landes im Zweiten Weltkrieg überprüft. Total resultierten so 43 Hauptfragen, die - soweit sie nicht einen spezifischen schweizerischen Kontext beinhalteten -, genau so formuliert worden sind, wie sie in international vergleichenden Studien vorkommen. Uns interessierten zwei Dinge: Einmal die Verteilung der Antworten auf die einzelnen Fragen, dann aber auch, ob sich hinter diesen systematisch Muster finden, die auf vereinfachtes und fixiertes Denken über Juden schliessen lassen. Entsprechend verstehen wir Antisemitismus als Stereotyp gegenüber Juden, das geeignet ist, VertreterInnen der angegriffenen Minderheit herabzumindern und so feindselige Aktionen unterschiedlicher Stärke ihnen gegenüber potenziell zu rechtfertigen.
Die Palette der denkbaren Bestandteile des Stereotyps gegenüber Juden erfassten wir im Interview breit. Der ursprüngliche Katalog umfasste Vorwürfe religiöser Natur, nationaler Art, vor allem gegen Israel gerichtet, die Frage des Einflusses der Juden in der Welt wie auch Fragen nach dem Umgang mit dem jüngsten Aufarbeiten der Geschichte. Was davon den heutigen Antisemitismus in der Schweiz ausmacht, liessen wir im Voraus offen, bestimmten es aber nicht willkürlich, sondern aufgrund eines statistischen Verfahrens. Die hierzu eingesetzte Faktorenanalyse der Antworten, auf die auch in der wissenschaftlichen Literatur als gängiges Verfahren gilt, legte folgende Leitlinien für die Analyse und Interpretation der Befragungsergebnisse nahe: Erstens, die Annahme, dass es in verschiedensten Vorurteilen gegenüber Juden zu regelmässig negativen Stellungnahmen gegen diese kommt, bestätigte sich. Es ist demnach erlaubt, von einer antisemitischen Einstellung zu sprechen. Zweitens: Kern des heutigen Antisemitismus ist der Vorwurf an die Juden, das Weltgeschehen zu dominieren. Praktisch gleich rangiert auf der Dimension «Antisemitismus», die Juden würden Erinnerungsarbeit betreiben, um zu Vorteilen zu kommen, resp. die Juden hätten zu viel Einfluss in der Schweiz. Religiöse Vorurteile gegenüber den Juden sind damit verwandt, wenn auch nicht gänzlich deckungsgleich.
Wir verweisen ausdrücklich darauf, dass die so ermittelte Auswahl in Übereinstimmung mit Skalen zu antisemitischen Vorurteilen konzipiert wurde, wie sie auch in anderen Ländern seit Jahrzehnten verwendet werden. Zu folgern, wir würden damit ausschliesslich Indikatoren verwenden, die 1997/98 im Zusammenhang mit der öffentlichen Debatte zur Schweiz im 2. Weltkrieg von Belang waren, müssen wir als reine Behauptung unserer Kritiker zurückweisen. So klassierten wir Personen, die bei den drei erwähnten Kriterien nicht negativ gegenüber Juden reagierten, nicht als Antisemiten, selbst wenn sie

- Antisemitismus als Problem in der Schweiz gänzlich negieren,
- sich auch fünf Jahre nach Inkrafttreten der Antirassismus-Norm im schweizerischen Recht gegen diese äussern,
- das Verhalten der Schweiz im 2. Weltkrieg als vorbehaltlos richtig sehen
- die Hauptaussage des Bergier-Berichtes zur Flüchtlingspolitik ablehnen
- die erfolgte Entschuldigung des Bundesrates als unnötig erachten und vermehrte Aufklärung über den Holocaust in den Schulen für unwichtig erachten.

Das Hauptergebnis und seine Würdigung

Vielmehr fassten wir einzig die Kernfragen zur stereotypen Beurteilung von Juden zu einem Index zusammen und hielten fest: «Bildet man aus der Zustimmung zu diesen Fragen einen Index der Nähe zum typisch schweizerischen Antisemitismus, erfüllen 16% unserer Befragten die Kriterien des Antisemitismus vollständig oder weitgehend.» Wir folgerten daraus, dass rund ein Sechstel der StimmbürgerInnen Vorurteile gegenüber der jüdischen Bevölkerung systematisch teilt, das heisst eine stereotype Wahrnehmung von ihnen hat. Bei weiteren 3 von 5 stellten wir zwar in der einen oder anderen Frage Übereinstimmungen mit dem Antisemitismus fest, grenzten diese aber vom Antisemitismus ab, weil keine Stereotypen vorhanden sind. Die gleichwertige Verwendung dieser Gruppe mit jenen 16 Prozent, denen wir eindeutige Nähe zum antisemitischen Denken nachweisen, wie die jüdische Organisation DAVID suggeriert hat, lehnen wir ab, wie wir schon an der Pressekonferenz klar gemacht haben (siehe NZZ vom 16.3.00). In der Würdigung unserer Ergebnisse interpretierten wir diesen Hauptbefund so, dass das heutige Verhältnis der SchweizerInnen zu den Juden durch die Kontroverse um das Verhalten der Schweiz im Zweiten Weltkrieg und die Aufarbeitung hierzu geprägt sei. Wir stimmen darin mit dem anerkannten, während unseren Arbeiten verstorbenen Antisemitismusforscher Alfons Silbermann überein, der die hohe Bedeutung von Unsicherheiten bei kollektiven Prozessen der Identitätsbildung als Ursache gedeutet hat. Dies hat, so unsere These, den vorurteilshaften Antisemitismus nichtreligiöser Natur in der Schweiz neu entstehen lassen.
Das und vieles andere kann im ausführlichen Bericht, den wir zur Studie erstellt haben, nachgelesen werden. Wir haben die Publikation der Ergebnisse dem Auftraggeber zu Bedingung gemacht, um unsere Unabhängigkeit zu wahren und Ergebnisse den Interessierten ungekürzt vermitteln zu können. Wenn dennoch einige Missverständnisse entstanden sind, bedauern wir das, doch können wir die Verantwortung für die mediale Umsetzung nicht übernehmen. Unsere Kritiker bitten wir, zwischen unserem Bericht und der Vermittlung und Kommentierung zu unterscheiden und den jeweils richtigen Adressaten zu wählen. Zu den eindeutig falschen Sachverhalten in der Darstellung der Massenmedien zählt, dass die zitierten 16 Prozent sich «offen zum Antisemitismus bekennen» würden, - eine Aussage, die sich im ganzen Bericht nicht findet und von uns auch nie gemacht worden ist, weil wir Fragen des Bekenntnisses für unzureichend halten, um alleine auf dieser Basis Folgerungen zu ziehen. Zu den offensichtlichen Fehlern in der medialen Vermittlung zählt auch, dass es in der Schweiz über eine Million Antisemiten gäbe. Schon das einfache Nachrechnen von dem, was 16 Prozent von 4,7 Mio. Stimmberechtigten ergibt, hätte eine Zahl von deutlich unter einer Million ergeben. In drei verschiedenen Medien sind solche Fehlleistungen bisher auch korrigiert worden. Uns ohne Rücksicht auf Korrekturen, welche die Massenmedien in eigener Sache gemacht haben, wiederholt eine mangelnde Umsetzung von Antisemitismus in der Befragung vorzuwerfen und so auch die Ergebnisse zu bezweifeln, ist einer fundierten Kritik nicht angemessen. Unseren Widersachern schlagen wir vor, nur Punkte zu kritisieren, die sie in ihren eigenen Studien nachweislich berücksichtigt haben. So sind wir auch gewillt, auf an neuen Kenntnissen über den Antisemitismus in der Schweiz gemeinsam zu arbeiten.
Claude Longchamp ist Co-Leiter und Mitglied des Verwaltungsrates des GfS-Forschungsinstituts; Dr. Jeannine Dumont ist stellvertretende Leiterin «Politik und Staat» des GfS-Forschungsinstituts; Petra Leuenberger ist Projektleiterin «Politik und Staat» des GfS-Forschungsinstituts.

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Zur Debatte

Die Veröffentlichung des Diskussionsbeitrags «Wie viele Schweizer Antisemiten?» (vgl. JR Nr. 12) eine Woche nach der Publikation der «Antisemitismus-Studie» des Instituts für praktische Sozialforschung (GfS) zog enorm viele Reaktionen von Leserinnen und Lesern, Medien und politischen Kreisen nach sich. Wie bereits letzte Woche angekündigt bezieht die GfS im Artikel auf dieser Seite Stellung. Die Verfasser des letztwöchigen Beitrags Mathias Steinmann und Ralph Weill verzichten auf eine erneute Antwort und begründen: «Wir haben unsere Position dargelegt. Es wäre der Sache nicht dienlich, wenn wir die Diskussion weiter ziehen würden.»
Die Redaktion

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Zur Aussagekraft der «Gegenstudien»

Von der JR erhielten wir das Manuskript des Artikels kurz vor Veröffentlichung. Unseren Wunsch, die Publikation von Replik und Duplik eine Woche später in der gleichen Nummer der JR vorzunehmen, wurde abgelehnt. Wir haben uns in der letzten Woche die Mühe gemacht, die Belege für die Aussagen, die sie vorbringen, zu überprüfen, und sind auf eine Reihe von Ungereimtheiten gestossen. Gemäss Korrespondenz und Auskünften unseres Kritikers Weill ist Nachstehendes Stand der Dinge:
- Die zitierte Studie von 1979 ist als interner Bericht erhältlich, allerdings ohne die entscheidende Stelle über die Kriterien der Zuordnung von Aussagen, die als «judenfeindlich» gelten. Besagte Stelle bzw. die Kriterien seien verloren gegangen.
- Die erwähnte Studie von 1980 ist nur als Zeitungsartikel erhältlich. Darin findet sich kein direkter Beleg für die 7 bis 8 Prozent «Antisemiten». Die Autoren bestreiten nicht, dass Belege fehlen, halten aber den Aufwand für zu gross, um zu rekonstruieren, wie sie damals auf die Zahl gekommen sind.
- Die Studie von 1997 ist uns nur als Kurzfassung zugänglich gemacht worden, die ein Nachvollziehen des Vorgehens nicht erlaubt. Dass wir nur eine Kurzfassung der Studie erhalten haben, begründen unsere Kritiker damit, dass man die Unterlagen nicht mehr finde.
Als einzige ist uns die Studie von 1998 vollumfänglich zugänglich gemacht worden. Sie hält im 1. Absatz fest, dass rund jeder siebte Einwohner in der Schweiz mehr oder minder negativ über die Juden denke, wobei 7 Prozent «Judenfeinde» und weitere 11 Prozent durch Vorbehalte gegenüber den Juden gekennzeichnet seien. Die getroffene Unterscheidung ergibt sich, wenn Personen, die eindeutig negativ über die Juden denken, aufgrund ihrer Reaktionen zur Debatte über den Holocaust klassiert werden, wobei gemäss SRG-Forschungsdienst nur dann jemand ein Antisemit ist, wenn er oder sie danach vermehrte Abneigung gegenüber Juden bekundete. Wer schon vorher negativ gedacht hat und daran 1997/98 nichts änderte, fällt damit ganz aus der Definition von Steinmann und Weill heraus!