Für Steine sterben?
Unter den Argumenten zugunsten der Aufgabe israelischer Souveränität über den Tempelberg findet sich auch jenes, wonach diese historische Stätte lediglich ein «Symbol jüdischen Stolzes» und es nicht zu rechtfertigen sei, dass junge Leute für diese Steine sterben müssen. Solche Argumente sind extrem demagogisch und gefährlich.
Bringen wir zuerst die jüdische Beziehung zu Jerusalem auf den Punkt. Während eintausend Jahren stellten sich Juden dreimal täglich während der Gebete die Frage, in welcher Richtung Jerusalem liege. Wir sind nach Jerusalem ausgerichtet. Dies im Gegensatz zu den Moslems: Sogar beim Gebet auf dem Tempelberg drehte Sadat Jerusalem den Rücken und wandte sich gegen Mekka! Jedes jüdische Paar, das sich ein Heim aufbauen will, bezieht sich auf das zentrale jüdische Heim, wenn es unter der Chuppa spricht: «Und sollte ich Dich je vergessen, Jerusalem...» Hunderte Lieder über Jerusalem begleiten einen Juden sein Leben lang, von den Psalmen über Yehuda Halevy bis zu Naomi Shemers berühmtem Lied «Jerusalem of Gold». Zu allen grossen Momenten jüdischer Lebenserfahrung singen wir gemeinsam «LeShana HaBaa biJerushalajim».
Es überrascht nicht, dass Avital und Nathan Sharansky unter den überzeugten Verfechtern eines ungeteilten Jerusalems zu finden sind. In ihrer Rede bei der grossen Pro Jerusalem-Demonstration sagte Avital nachdrücklich: «Der Sechstagekrieg und die Vereinigung Jerusalems brachten neues Leben in die Herzen von Millionen Juden in aller Welt, einschliesslich der früheren Sowjetunion. Jerusalem ist das Herz des jüdischen Volkes. Und wie ein gesundes Herz Kraft und Vitalität in die verschiedenen Körperteile pumpt, gibt Jerusalem allen Juden der Welt Stärke.»Ehud Barak hatte völlig recht, als er im Mai 2000 - unglaublicherweise vor nur acht Monaten also! - in einer Gedächtniszeremonie auf dem Ammunition Hill in Jerusalem deklarierte: «Nur wer die Tiefe der umfassenden Seelenverbindung zwischen der jüdischen Nation und Jerusalem nicht versteht, nur wer dem Vermächtnis der jüdischen Geschichte, der jüdischen Vision, dem jüdischen Lebenspuls und dem Glauben und der Hoffnung von Generationen völlig entfremdet ist, könnte über eine israelische Konzession zu auch nur einem Teil von Jerusalem nachzudenken beginnen. Nur wer nicht versteht, dass Jerusalem seit dreitausend Jahren in den Seelen unserer Vorfahren verankert war, das Ziel unserer nationalen Sehnsüchte ist, das Geheimnis unserer Stärke und unserer Existenz, könnte verlangen, dass wir uns von ihm abwenden. Jerusalem ist eine Angelegenheit unserer nationalen Existenz, und wir haben nur ein Jerusalem.»
Im Gegenzug zu dieser klaren Aussage versuchen die Araber, unsere Beziehung zu Israel im allgemeinen und zu Jerusalem im speziellen zu unterminieren. Sie erahnen die enorme Kraft Jerusalems für das jüdische Überleben und sind entschlossen, diese zu zerstören. Schon in den Schulbüchern der sechsten Klasse bringen sie ihren Kindern bei, dass «das Argument der Juden, mesianisches Anrechte auf Palästina zu haben, die grösste Lüge der Menschheitsgeschichte» ist, und in den Büchern der achten Klasse erwähnen sie lediglich moslemische und christliche heilige Stätten Jerusalems und halten fest, dass «die Juden zwar behaupten, die Klagemauer gehöre ihnen, dies aber nicht stimmt«.
Ein Abkommen, in dem Israel selbst die Souveränität über den Tempelberg aufgibt, würde Arafat in die Lage versetzen, aller Welt das höchstpersönliche Eingeständnis der Juden vorzulegen, dass die heiligen Stätten religiös den Moslems und politisch den Palästinensern zuzuordnen sind. Arafat ist sich der immensen Wichtigkeit einer solchen geschichtlichen Entwicklung nur zu gut bewusst, und deshalb erklärt er bei jeder Diskussion mit Bezug zu Jerusalem, dass er den Rat der anderen arabischen Führer einholen muss. Unglückseligerweise begreift die aktuelle israelische Führung offensichtlich nicht, was mit der Jerusalem-Frage auf dem Spiel steht, und statt das Judentum in aller Welt zum stolzen Teilhaber an der Entscheidungsfindung zu machen, wird jede Verlautbarung von auswärtigen Juden zu diesem vitalen Punkt als «Einmischung in lokale israelische Politik» abgestempelt.
Es ist klar, weshalb die Palästinenser (in höchst unzivilisierter Weise) die wertvollsten archäologischen Funde auf dem Tempelberg zerstörten: Sie versuchen, sämtliche Beweise unserer Rechte an Jerusalem zu vernichten. Kein Wunder, dass die Web-Site der ägyptischen Botschaft in Washington (www.sis.gov.eg) erklärt, dass nie archäologische Überreste jüdischen Lebens in Jerusalem gefunden worden seien!
Die arabische Propaganda ignoriert jedoch die Tatsache, dass der erste und zweite Tempel lange vor der Moschee der Moslems, welche auf den Fundamenten der zerstörten Tempel gebaut wurde, errichtet worden waren. Die Palästinenser schreiben die jüdische Geschichte neu, und wir werden um Mitwirkung bei diesem Riesentäuschungsmanöver ersucht. Sie wollen unsere Rechte entlegalisieren, und wir werden gebeten, uns selbst zu beschwatzen, dass Selbstverleugnung - Frieden bringen soll. Wirklicher Friede aber kann nicht durch Aufgabe unserer Selbstidentifikation, unserer inneren Wahrheit, unseres historischen Erbes gewonnen werden. Es muss glasklar sein, dass nie wirkliches gegenseitiges Verständnis mit den Palästinensern entstehen kann, solange sie unsere Beziehung zu Israel verleugnen und unsere tiefen Verbindungen zu Jerusalem nicht begreifen. Territoriale Kompromisse sind möglich, aber die Palästinenser können nicht erwarten, die Souveränität über unsere eigene Identität übertragen zu erhalten. Nur wenn sie unsere Rechte an Jerusalem anerkennen, kann ein akzeptabler Modus vivendi gefunden werden, der als verlässliche Basis gegenseitigen Verstehens dienen kann.