Für Israel und das Judentum

Von Katja Behling, May 20, 2011
Mitten in der europäischen Schuldenkrise ist Dominique Strauss-Kahn, der Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF), wegen eines «kriminellen sexuellen Akts» und des Vorwurfs der versuchten Vergewaltigung eines Zimmermädchens Mitte Mai in New York verhaftet worden. Dominique Strauss-Kahn, seit 2007 als Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF) einer der mächtigsten Finanzpolitiker der Welt, hätte der erste jüdische Staatspräsident der Grande Nation werden können.

Strauss-Kahn, Spitzname: «DSK»,  geboren 1949 im noblen Neuilly-sur-Seine, ist französischer Staatsbürger und wuchs in einer liberalen, aschkenasisch-sefardischen Familie in Marokko und Frankreich auf. Seine Eltern sind jüdisch-marokkanischer Herkunft. Strauss-Kahn ist in dritter Ehe – zuerst hatte er als 18-Jähriger seine Jugendliebe geehelicht – und langjährig mit der prominenten französischen Journalistin Anne Sinclair verheiratet. Die 62-Jährige aus vermögender jüdischer Familie ist die Enkelin des legendären Kunsthändlers Paul Rosenberg, der einst Pablo Picasso vertrat. Von 1918 war der Franzose Picassos internationaler Repräsentant – bis zu seiner Auswanderung nach Amerika 1939. Ein Teil der immensen Sammlung des Grossvaters gehört heute Sinclair. Ihre Mutter und  Großmutter sind auf dem Picasso-Gemälde «Porträt von Frau Rosenberg und ihrer Tochter» zu sehen. Dominique Strauss-Kahn hat vier Kinder. Tochter Camille ist sein Alibi: Mit ihr habe er sich zum fraglichen Zeitpunkt der ihm nun angelasteten Vergewaltigung in New York zum Lunch getroffen. Tochter Camille soll französischen Medienberichten zufolge auch eine Freundin jener Frau sein, die bereits 2007 in einem Fernsehinterview von zudringlichem Verhalten Strauss-Kahns berichtet hatte, allerdings ohne dessen Namen explizit zu nennen. Nun, nach den aktuellen Ereignissen, wolle die 31 Jahre alte Journalistin, ein Patenkind von Strauss-Kahns zweiter Ehefrau, den IWF-Chef wegen dieses sexuellen Übergriffs vor neun Jahren verklagen.

Vielseitige Karriere

Dominique Strauss-Kahn, der, seiner auf der IWF-Webseite veröffentlichten Biografie zufolge, Jura, Ökonomie, Politikwissenschaft und Statistik studierte, begann seine ungemein vielseitige Karriere in den siebziger Jahren. Er war unter anderem Wirtschaftsprofessor am Institut d'Etudes Politiques de Paris, an der Stanford University, unterrichtete an der französischen Elite-Verwaltungsschule ENA, fungierte als persönlicher Berater des Generalsekretärs der OECD und war als Mitglied der französischen Nationalversammlung tätig. Ab Beginn der achtziger Jahre engagierte er sich in zunehmendem Masse und parallel zur akademischen Laufbahn in einflussreichen Ämtern auch politisch. 1986 wurde er zum ersten Mal ins Parlament gewählt. Unter François Mitterand 1991 zum ersten Mal Minister geworden, diente Strauss-Kahn Ende der neunziger Jahre als Wirtschafts- Finanz- und Industrieminister seines Landes – und ebnete als solcher erfolgreich den Weg für die  Einführung der Euro-Währung. Dadurch verschaffte er sich grosses internationales Ansehen. Er privatisierte Staatsunternehmen und brachte das Haushaltsdefizit unter den Schwellenwert von drei Prozent. Doch nach Korruptionsvorwürfen trat der «Superminister» 1999 zurück. Ein Gericht bescheinigte ihm seine Unschuld, einige Monate später wurde er wiedergewählt.

Freund Israels

Aus seiner Zeit als Bürgermeister und sozialistischer Abgeordneter der Pariser Vorortgemeinde Sarcelles im Val d'Oise, die bekannt ist für ihren relativ hohen Anteil an jüdischen Einwohnern, stammt die Strauss-Kahn zugeschriebene Aussage, er beginne jeden Tag mit der Überlegung, wie er Israel nützlich sein könne – Strauss-Kahn gilt als Unterstützer der gemässigten Genfer Initiative, die für eine Zweistaatenlösung und die Teilung Jerusalems eintritt. Als es vor rund fünf Jahren in Sarcelles zu einem Foltermord an einem Pariser Juden und einer Reihe von weiteren Übergriffen gegen jüdische Bewohner gekommen war, sprach Strauss-Kahn als politischer Mandatsträger und Gemeindemitglied davon, dass in Frankreich antisemitische Tendenzen auf dem Vormarsch seien, vor denen man nicht die Augen verschliessen dürfe.   
Im Jahre 2005 zog Strauss-Kahn als Gegenkandidat zu Präsidentschaftsbewerber Nicolas Sarkozy ins innerparteiliche Rennen, musste sich jedoch der damaligen sozialistischen Hoffnungsträgerin Ségolène Royal geschlagen geben. Nun wollte er es erneut wissen. Und diesmal schien sich das Blatt im Hinblick auf die nächsten Wahlen zu seinen Gunsten gewendet zu haben. Schon bei seinem Amtsantritt beim IWF wurde spekuliert, ob der Franzose den Posten als Sprungbrett für einen neuen Anlauf nutzen werde. Dominique Strauss-Kahn, der «Kaviar-Sozialist», wie die Presse ihn titulierte, galt seinem relativ luxuriösen Lebenswandel zum Trotz in den vergangenen Monaten und bis zu seiner Festnahme Mitte Mai als designierter sozialistischer Anwärter und Herausforderer von Nicolas Sarkozy bei der französischen Präsidentschaftswahl im kommenden Jahr. Erwartet wurde, dass er beim G-8-Gipfel in Deauville Ende Mai noch einmal auf grosser Bühne als – zur Neutralität verpflichteter – IWF-Chef auftreten und anschliessend seine Kandidatur verkünden würde. So lösten die jetzt gegen den Aspiranten Strauss-Kahn  erhobenen Vorwürfe – ob am Ende haltbar oder nicht –ein regelrechtes politisches Erdbeben aus. Die Causa Strauss-Kahn ist ein äusserst herber Schlag für Frankreichs Linke. Und damit eine Atempause für Sarkozy.

Vertreter europäischer Interessen

Spätestens seit 2008 war der Ruf des Franzosen infolge der ausserehelichen Affäre mit einer – obendrein begünstigten, weil auf einen attraktiven Posten in London versetzten – Untergebenen angeschlagen: Der IWF bewahrte Contenance, stand hinter ihrem Direktor und konnte den Angegriffenen vom Vorwurf der Vorteilsgewährung und Amtsmissbrauchs entlasten. Der aktuelle juristische Vorwurf der Vergewaltigung wiegt vor diesem Hintergrund noch schwerer und scheint umso glaubwürdiger. Ob Verbrechen oder Ergebnis eines Komplotts, sehr wahrscheinlich bedeutet die Angelegenheit das Ende einer beispiellosen politischen und bürgerlichen Karriere – auch wenn «DSK» die Affäre juristisch überstehen sollte. Vergangenen Dienstag entbrannte bereits die Debatte um seinen Nachfolger. Unter den Favoriten war sogleich Stanley Fischer, seit 2005 Notenbankchef von Israel und von 1994 bis 2001 IWF-Vizechef. Der 67-Jährige ist ein weltweit anerkannter Ökonom, der am renommierten Massachusetts Institute of Technology lehrte. Zu seinen Studenten gehörte der jetzige US-Notenbankchef Ben Bernanke.
Für viele ist der plötzliche Sturz von Strauss-Kahn vermutlich ein gefundenes Fressen. Und viele könnten – rein theoretisch – davon profitieren: Die französischen Sozialisten beispielsweise – im Wettlauf um die innerparteiliche Kandidatenkür. Die französischen Konservativen – als politischer Gegner. Und die IWF selbst – die ihrem Boss nicht geschlossen folgt. Als IWF-Chef machte Strauss-Kahn sich daran, die Institution kräftig umzukrempeln und auf die Erfordernisse der internationalen Finanz- und Wirtschaftskrise auszurichten. Der mächtige Finanzpolitiker erwies sich in den Monaten der Schuldenkrise als ein Vertreter europäischer Interessen. Das könnte sich nach einem Personalwechsel an der Spitze des IWF zugunsten etwa der Dollarpolitik verschieben. Als Anfang 2010 der Vorschlag lauter wurde, den IWF in Rettungsmassnahmen für bankrotte EU-Länder wie jetzt Griechenland einzubinden, zeigte sich der Franzose als für die Idee offen. Strauss-Kahn gilt wegen seines sozialistischen politischen Hintergrundes als Freund Griechenlands, der sich mit den in Athen regierenden Sozialisten gut versteht. Doch nicht überall klatscht man der teuren Schützenhilfe für Problemländer Beifall. Die Kritik an der Euro-Stütze für klamme Volkswirtschaften wuchs und wächst: Teile der IWF plädierten, anders als dessen Chef Strauss-Kahn, dafür, den Geldhahn ganz zuzudrehen und Pleitestaaten vielmehr endlich zum rigorosen Sparen und zu Reformen zu bewegen.
Dominique Strauss-Kahn war auf dem Weg zu einem Treffen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel am Sonntag in Berlin, um etwa über Massnahmen in Sachen Griechenland und Portugal zu beraten, als er wenige Minuten vor dem Start auf dem John-F.-Kennedy-Flughafen an Bord eines Air-France-Flugzeuges festgenommen wurde.  Die New Yorker Staatsanwaltschaft legt ihm sexuelle Nötigung, versuchte Vergewaltigung und Freiheitsberaubung zur Last. Ein Zimmermädchen beschuldigt den 62-Jährigen, sie in einer Suite des Sofitel-Hotels in Manhattan massiv bedrängt und verletzt zu haben. Der Diskreditierte bestreitet die Vorwürfe. Der IWF-Direktor, erklärte ein US-Polizeisprecher, geniesse keine Immunität. Er werde auf «nicht schuldig» plädieren, sagte Strafverteidiger Benjamin Brafman, Strauss-Kahns Anwalt. Der jüdische Top-Jurist Brafman wird Berichten zufolge den IWF-Chef vertreten – gemeinsam mit Kollegen der auf Wirtschaftskriminalität spezialisierten Washingtoner Kanzlei Zuckerman Spaeder.