Für Hobby-Genealogen und Wissenschaftler

November 9, 2009
Die Gründer der Bibliothek Germania Judaica in Köln wollten vor 50 Jahren dem wiedererwachenden Rechtsextremismus etwas Substantielles entgegensetzen. Heute dient die Bibliothek sowohl Wissenschaftlern als auch Laien als umfangreiches Archiv über die Geschichte des deutschen Judentums.
ORT DES WISSENS Die neu eröffnete Bibliothek Germania Judaica in Köln

von Heinz-Peter Katlewski

Ein pensionierter Schriftsetzer recherchiert zum jüdischen Leben am Niederrhein während des 18. Jahrhunderts und liest sich im dritten Stock des Hauptgebäudes der Kölner Stadtbibliothek durch Magazinakten. Hier am Neumarkt, mitten im Stadtzentrum, hat eine wissenschaftliche Spezialbibliothek ihren Platz gefunden und sich unaufdringlich an die populäre Sammlung belletristischen und literarischen Allgemeinwissens angegliedert: die Germania Judaica, Kölner Bibliothek zur Geschichte des deutschen Judentums.

Der Hobby-Genealoge aus Krefeld kommt regelmässig hierher. Allein mit den lokalen Archiven an der Grenze zu den Niederlanden kommt er nicht weiter. Dafür reichten die Familienbeziehungen dann doch zu weit über den Niederrhein hinaus. Zwei Tische weiter hat sich eine Dame mittleren Alters aus Mannheim einen Stapel von Büchern aus den Regalen geholt. Sie sucht nach Bildern und ein paar weiteren Informationen zu einer Bettfedernfabrik, in der ihre Mutter einst gearbeitet hat. Eigentümer sei ein jüdischer Fabrikant gewesen, berichtet sie, den die Mutter damals offenbar sehr verehrt hatte und der – «Gott sei Dank» – 1936 mit seiner Familie nach Dänemark emigrieren konnte.

Umfangreicher Bestand

Die Motive der Nutzer der Bibliothek sind vielfältig. Die meisten kommen mit wissenschaftlichen Interessen, berichtet Annette Haller, Geschäftsführerin der Bibliothek und promovierte Judaistin. Unter ihnen vor allem Studenten, Lehrer und Professoren von rheinischen Universitäten. Aber auch viele Schüler, die Hausarbeiten schreiben müssen, Journalisten, die an einer Hintergrundstory arbeiten, und Neugierige, die einfach mehr über das Judentum wissen wollen.

Die Gründer leitete vor 50 Jahren der Wunsch, einem wiedererwachenden Rechtsextremismus etwas Substantielles entgegenzusetzen. Es waren Bürger der Stadt, die 1959 den Trägerverein für die Bibliothek Germania Judaica gründeten – ein Kreis um die Schriftsteller Heinrich Böll und Paul Schallück. Vorurteilen und Unwissen wollten sie im Geist der Aufklärung mit Fakten auf Deutsch begegnen: mit Dokumenten, Zeitungen, Zeitschriften, regional- und lokalgeschichtlichen Darstellungen, Biografien, soziologischen und religionswissenschaftlichen Werken, Arbeiten über die verschiedenen jüdischen Strömungen, Editionen zur jüdischen Theologie und zur Halacha, aber auch mit Büchern, die Juden und jüdisches Leben in Literatur, Theater und Film spiegeln.

In den Anfängen reichten ein paar Regale in einer grossen Privatwohnung. Doch schon die erste Geschäftsführerin, Jutta Bohnke-Kollwitz, Enkelin von Käthe Kollwitz, hatte eine glückliche Hand beim Sammeln und Ankaufen von deutschsprachiger Judaica. Unter ihrer Ägide wuchs der Bestand schnell. 1979, 20 Jahre nach der Gründung, wurde es höchste Zeit für den Umzug. Schliesslich war es der Anspruch des Vereins, die gesammelten Bücher und Schriften auf professionelle Weise unkompliziert einer allgemeinen Öffentlichkeit zu präsentieren und wo möglich auszuleihen. Unterstützt vom Land Nordrhein-Westfalen und der Stadt Köln zog die Germania Judaica 1979 in die Kölner Zentralbibliothek.

Heute verfügt nur noch das Leo Baeck Institute in New York über einen grösseren Bestand an Publikationen zum deutschsprachigen Judentum des 19. und 20. Jahrhunderts. Die Sammlungen in Köln reichen zum Teil bis ins 18. Jahrhundert zurück. Vor allem aber umfassen sie auch Material aus der Zeit nach 1945 bis hinein in die Gegenwart. Rund 90 000 Bände stehen in den Präsenzregalen und im Magazin, darunter 500 kleinere und grössere Zeitungen und Zeitschriften aus dem 19. und 20. Jahrhundert.

Für die Zukunft optimistisch

Der Aachener Literaturwissenschaftler Hans Otto Horch durchforstete in Köln insbesondere die Kulturseiten dieser Periodika. In seiner Habilitationsschrift untersuchte er die jüdische Wahrnehmung jener negativen Stereotypen von Juden und dem Judentum, wie sie in der liberalen Erzähl-
literatur der deutschen Klassik und Romantik verbreitet waren. Mit dieser Arbeit begründete er an der Universität Aachen schliesslich sogar eine Professur für deutsch-jüdische Literatur- und Kulturgeschichte.

Mittlerweile können über 100 dieser Blätter in einem Internetarchiv jüdischer Periodika online gelesen werden. Der Aachener Lehrstuhl, die Bibliothek Germania Judaica und die Universitätsbibliothek Frankfurt digitalisierten sie und machten sie auf der Webseite «www.compactmemory.de» kostenfrei zugänglich.

Den Normalfall bilden aber weiterhin gedruckte Zeitungen, Zeitschriften und Bücher. Die Bibliothek sammelt jede Art von Veröffentlichung zur Vergangenheit und Gegenwart jüdischen Lebens – auch die Newsletter, Journale und Jahrbücher jüdischer Gemeinden heute.

Seit sich das Land Nordrhein-Westfalen vor drei Jahren aus der Finanzierung zurückgezogen hat, trägt allein die Stadt Köln die Kosten für die drei hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und den Etat zum Ankauf von Büchern. Die Mittel sind begrenzt, aber die Bibliothek hat einen guten Ruf und die Stadt ist stolz darauf. Annette Haller hat deshalb allen Grund, für die Zukunft optimistisch zu sein, auch wenn das Geld im städtischen Haushalt knapp geworden ist. Zum Glück kommen ein Viertel der Neuerwerbungen durch Spenden von Verlagen und Autoren in den Bestand. Und einen Teil steuern schliesslich auch die Mitglieder des Trägervereins bei – und die Nutzer. 

www.stbib-koeln.de/judaica

Heinz-Peter Katlewski ist Journalist.