Für Erinnerung und Frieden

April 27, 2009
Von führenden Akademikern und Politikern in Nordafrika und Europa ins Leben gerufen, will das «Project Aladdin» in aufklärender Weise den Dialog zwischen Juden und Muslimen fördern und die Verbreitung antisemitischer Legenden parieren. Im Kern des Vorhabens steht die Aufarbeitung des Holocaust. Der marokkanische König Mohammed VI. hat dem Projekt jüngst das folgende Grusswort übersandt.

Die Legende von Aladdin stellt uns vor die schwere Herausforderung, gemeinsam und in innovativer Weise über eines der dunkelsten und tragischsten Kapitel der modernen Geschichte nachzudenken. Diese Aufgabe wiegt umso schwerer, als niemand von uns behaupten kann, dass er den Holocaust in seinem ganzen Ausmass und in seiner ganzen Tragweite zu erfassen vermag, ohne Kompromisse oder Konzessionen einzugehen. Derartige Zugeständnisse können aus den Zwängen zeitgenössischer Realitäten hervorgehen, aber auch aus den Schwächen einer schuldigen Erinnerung – schuldig, weil sie mit Absicht selektiv vorgeht.
Doch meine Wahrnehmung des Holocaust wird nicht durch Amnesie beeinträchtigt – das gilt auch für die Haltung meines Volkes. Nein, wir betrachten den Holocaust als Verletzung der kollektiven Erinnerung, als eines der schmerzhaftesten Kapitel in der Menschheitsgeschichte und im Pantheon des universellen Erbes der Menschheit.

Sich den Nazis widersetzt

Andere können mit Fug und Recht erklären, dass das Königreich Marokko diese Auffassung schon immer aufrichtig vertreten hat. Ich sage das, weil ich sicherstellen möchte, dass die Aladdin-Gruppe dem Ziel Priorität verleiht, der Welt endlich zu erzählen, wie arabische und muslimische Länder – wie das meinige – dem Nazismus widerstanden und der Barbarei der Nazis und den berüchtigten Gesetzen von Vichy ihr «Nein» entgegengesetzt haben.
Die internationale Gemeinschaft hat dieses dunkle Kapitel der Geschichte lange mit Scheuklappen gelesen und zahllose Fantasien darüber zugelassen. In welchen westlichen Büchern zur Staatsbürgerkunde ist zu lesen, dass Marokko schon in den dreissiger Jahren seine Türen den jüdischen Gemeinschaften Europas geöffnet hat, die das Verhängnis am Horizont heraufziehen sahen? Diskutieren die intellektuellen Foren in Europa oder den USA das historische und beispielhafte Verhalten meines verstorbenen Grossvaters, Seiner Königlichen Majestät König Mohammed V. – Gott sei seiner Seele gnädig? Ungeachtet der brutalen Realitäten des französischen Protektorats, das seine Handlungsfreiheit gravierend beeinträchtigte, konnte Seine Majestät verhindern, dass die rassistischen Vichy-Gesetze auf Marokkaner jüdischen Glaubens angewandt wurden.
Ich bin überzeugt davon, dass Sie alle verstehen, dass mein Ruf nach einer umfassenden und zuverlässigen Darstellung dieser Geschichtsperiode nicht allein auf die Wiederholung von Fakten abzielt. Wir leben in einer Ära, in welcher der Zeitbegriff nicht neutral ist; die kollektive Vorstellung unserer Gesellschaften wird durch die Aussicht auf Ausgrenzung und Scheitern genährt. Gleichzeitig nimmt der Dialog zwischen unseren Zivilisationen, Kulturen und Religionen Form an.

Des Holocaust gedenken

Wir müssen uns daher gemeinsam darum bemühen, wieder zu vernünftigen Auffassungen zu kommen, und die Werte zurückerobern, die unseren legitimen Aspirationen zugrunde liegen. Wir wollen in einer Welt leben, in der sich die Begriffe Würde, Gerechtigkeit und Freiheit gemeinsam verwirklichen und ungeachtet aller gesellschaftlicher, kultureller und religiöser Differenzen koexistieren, ohne dass sie einander beeinträchtigen. So interpretieren wir in Marokko unsere Pflicht, des Holocaust zu gedenken.
In ihrer Dringlichkeit wie in ihrer tragischen Individualität legt uns diese Pflicht des Gedenkens ethische, moralische und politische Massstäbe auf, die zukünftig als echte Garanten des auf Gerechtigkeit und Würde aufbauenden Friedens dienen werden, nach dem sich die meisten Palästinenser und Israeli sehnen.    ●


Mehr zum Projekt unter www.projetaladin.org sowie unter www.tachles.ch. Im Zentrum des Projekts steht die Übersetzung von Holocaust-Literatur auf Arabisch, Persisch und Türkisch. Bei der Lancierung des Projekts Ende März bei der Unesco in Paris wurde etwa die übersetzte Ausgabe des Tagebuches der Anne Frank präsentiert.