Für einen humaneren Islam

Von Israel Schrenzel, December 3, 2010
Der liberale und kontroverse muslimische Philosoph Nasr Hamid Abu Zayd, der im Sommer verstorben ist, hinterlässt Arbeiten, welche den humanen, zugänglichen Charakter des Korans betonen. Der Artikel wirft einen Blick auf die Debatte um den Islam, die auch hinsichtlich der Parlamentswahlen in Ägypten aktuell ist.
LIBERALER DENKER Abu Zayds Ansichten sorgten für Kontroversen

Kurz vor seinem 67. Geburtstag starb in Ägypten Nasr Hamid Abu Zayd, einer der grössten liberalen muslimischen Philosophen unserer Zeit. Die Erwähnung seiner Heimat wäre nicht wichtig gewesen, hätte er nicht nach einem handfesten Skandal Mitte der neunziger Jahre ins unfreiwillige Exil gehen müssen. 1992, als er Kandidat für eine Professur an der Universität von Kairo war, behauptete ein Mitglied der Bestätigungskommission, Abu Zayds Schriften würden eine klare Beleidigung des Islam darstellen. Ein Aktivist einer islamisch fundamentalistischen Organisation machte sich diese Aussage zunutze und gelangte mit der Bitte an das Scharia-Gericht (das für religiöse Angelegenheiten zuständig ist), die Heirat des Wissenschaftlers zu annullieren, da seine Ansichten ihn zum Ketzer machten. Aus diesem Grunde sei es seiner muslimischen Frau, einer Professorin für französische Literatur an der Universität von Kairo, nicht erlaubt, mit Abu Zayd verheiratet zu sein.

Der Weg ins Exil

Zuerst wurde die Bitte zurückgewiesen, doch entsprechend der damals dominierenden und auch heute noch spürbaren extremistischen Atmosphäre gegenüber Intellektuellen und Künstlern, die im Verdacht standen, liberal-säkulare Ansichten zu vertreten, entsprach ihr ein Berufungsgericht dann doch. Der Beschluss dieser höheren Instanz löste eine intensive öffentliche Debatte aus. Er wich nach vorherrschender Meinung von der gängigen Norm ab. Gleichzeitig nutzten fundamentalistische Organisationen das Urteil aus und bedrohten Abu Zayad mit dem Tod. Zusammen mit seiner Frau liess der Philosoph sich daher in Holland nieder, wo er an der Universität von Leiden unterrichtete, einem wichtigen Zentrum für Nahoststudien. Er setzte seine intensive akademische Aktivität fort, zu der das Verfassen zahlreicher Bücher und Artikel auf Arabisch und in anderen Sprachen gehörte. Auch gewann Abu Zayd zahlreiche Preise und Anerkennungen westlicher Kreise, die sich vor allem im Anschluss an die Ereignisse des 11. September 2001 glücklich schätzten, sich mit einer derart «positiven» muslimischen Persönlichkeit identifizieren zu können.
In seinem autobiografischen Werk «Voice of an Exile: Reflections on Islam» aus dem Jahr 2004 beschreibt Abu Zayad sein akutes Heimweh und seinen Traum von der Rückkehr und der Wiederaufnahme seiner Lehrtätigkeit in Ägypten. Während seines Exils besuchte er seine Heimat effektiv mehrere Male. Er verhielt sich möglichst unscheinbar und blieb nicht in Ägypten. Die Schilderungen dazu aus seinem ersten Buch sind sehr bewegend: «Sobald das Flugzeug gelandet war, hatte ich das Gefühl, Ägypten erst am Tag davor verlassen zu haben. Als ein Zöllner mich fragte, ob ich etwas zu verzollen hatte, antwortete ich mit einem schlichten Nein. Darauf meinte der Zöllner mit angedeutetem Lächeln: ‹Willkommen zu Hause, Herr Professor.› – Das gefiel mir.» Andererseits gelang es konservativen Kreisen 2009, seine Einreise nach Kuwait zu verhindern. Als er während eines Besuchs in Indonesien im letzten Sommer erkrankte, wurde er in Ägypten behandelt, wo er am 5. Juli verstarb und in seinem Dorf begraben wurde.

Ein Dorn im Auge

Wer Abu Zayds Schriften durchgeht, wird nicht den leidenschaftlichen Ketzer vorfinden, als den seine Gegner ihn zu porträtieren versuchten. Trotzdem ist klar, warum seine Philosophie dem religiösen Establishment und fundamentalistischen Organisationen in Ägypten und anderswo ein Dorn im Auge war. Seine Aktivität konzentrierte sich auf das Studium und die Interpretation des Korans. In seiner Jugend lernte er das Buch auswendig, und während kurzer Zeit gehörte er der Muslimischen Bruderschaft an. Im Laufe seiner akademischen Karriere entwickelte er jedoch unabhängige Ansichten. Zunächst konzentrierte er sich darauf, den Koran als Text anzusehen. Er argumentierte, die modernsten Methoden der Texterforschung und der Exegese sollten auf den Koran angewandt werden, ganz im Geiste der Schüler der Linguistik, Hermeneutik und Semiotik.
Unter dem Einfluss des russisch-jüdischen Semiotikers Yuri Lotman machte er später einen noch dramatischeren Schritt und meinte, der Koran sei zunächst einmal eine Art mündliche Debatte und Kommunikation zwischen einer göttlichen Quelle – deren Existenz er nie leugnete – und deren «Adressaten», Prophet Mohammed. Die Sprache des Korans gründete laut Abu Zayd ursprünglich in einer mündlichen Botschaft und wurde erst nach dem Tode des Propheten zu einem Text per se. Es handelt sich in anderen Worten um eine Einheit, welche das Resultat einer «horizontalen» Beziehung zwischen Gott und dem Propheten darstellt, und nicht um das Ergebnis eines «vertikalen» Diktats von oben.

Keine exklusiv göttliche Botschaft

Abu Zayd folgerte weiter, dass der Text des Korans eine spezifisch humane Dimension habe, da Mohammed im 7. Jahrhundert die göttliche Botschaft einem konkreten Publikum anpassen musste. Aus diesem Grund repräsentieren, wie Abu Zayd es formulierte, die Worte des Korans nicht vollumfänglich oder exklusiv jene göttliche Botschaft. Als humane Kreation sei der Text offen für die Interpretation jeder Generation im Bezug auf deren historische Umstände, kulturelle Auffassung und andere Überlegungen. In anderen Worten: Nach der grundlegenden Einbettung des Korans in ein Umfeld, wie es Menschen vor Jahrhunderten gepasst hat, sind Muslime der Moderne verpflichtet, eine «Umbettung» vorzunehmen, sodass der Koran sich in die heutige Ära integrieren lässt.
Nasr Hamid Abu Zayd widersetzte sich somit vehement den orthodoxen Ansichten, die effektiv seit den frühen Tagen des Islam dominieren und gemäss welchen der Text des Korans eine göttliche, absolute und ewige Wahrheit repräsentiert, die ungeachtet von Zeit und Ort für alle muslimische Gemeinden Geltung hat. Demzufolge dürfen nur Religionsweise den Koran an die sich verändernden Umstände anpassen. Diesen Ansichten sei es zu verdanken, dass der Koran zu einem geheiligten, starren Objekt geworden sei, welches nach seiner Niederschreibung im 7. Jahrhundert nicht mehr berührt werden durfte, so Abu Zayd.

Unorthodoxe Betrachtungsweise

Kleriker machten den Koran zu einer primären Quelle der Scharia, womit ihre Interpretationen einen göttlichen Status erhielten. Das lehnte Abu Zayd ab: Ist der Koran eine menschliche Schöpfung, dann ist dies die Scharia erst recht. Der Philosoph zeigte in seinen Arbeiten unter anderem, wie die traditionelle religiöse Betrachtungsweise nur einer kleinen Zahl von Versen aus dem Koran Wichtigkeit beimass, welche sich direkt mit Gesetzen und Verordnungen befassen. Wichtige Komponenten ausserhalb der  gesetzlichen Dimension wurden dagegen ignoriert und der Geist und die Grundsätze, welche den Rest des Textes inspirierten, ausser acht gelassen.
Abu Zayd behauptete ferner, dass sogar jene Teile des Korans, die sich mit dem religiösen Gesetz zu befassen scheinen, nicht als ewig gültige Grundsätze formuliert worden sind, sondern eher eine Antwort auf die konkreten Bedürfnisse des «Publikums» des Propheten in seiner Lebenszeit darstellen – eine Antwort, die auch jüdische, römische und präarabische Ansichten in Betracht zog. Nicht einmal Mohammed und sicher nicht Gott hätten laut Abu Zyad beabsichtigt, diese Ansichten zu zementieren. Deshalb würden die orthodoxen Weisen irren, wenn sie dem historischen Produkt menschlicher Gedankengänge göttliche Bedeutung zuerkennen würden. Wörtlich meinte er: «Wenn alles, was im Koran erwähnt wird, wörtlich als göttliches Gesetz zu befolgen ist, dann müsste die Sklaverei wieder eingeführt werden … In unseren Zeiten kann die Amputation von Gliedern nicht als himmlische Bestrafung betrachtet werden, die mit dem Segen Gottes geschieht.»
Laut Abu Zayd muss die Tatsache anerkannt werden, dass gewaltige menschliche Leistungen ausserhalb des Rahmens der Religion erbracht worden sind, und dass nicht jede positive menschliche Wertvorstellung in einem konkreten Koranvers verankert sein muss. Seiner Meinung nach ist es auch statthaft, die Botschaften des Korans auf der Basis sowohl intellektueller als auch sozialer Überlegungen zu rechtfertigen, die seiner Ansicht nach zwei fundamentale Komponenten der islamischen Gedankenwelt sind.

Kritik an Israel

Abu Zayd starb, ohne dass seine Philosophie auf offene Ohren gestossen wäre, vor allem nicht in seiner Heimat. Was Israel betrifft, unterschied der Mann sich nicht wesentlich von anderen arabischen Intellektuellen. Er kritisierte das Land harsch für sein Verhalten den Palästinensern gegenüber und lehnte auch das Recht der Juden auf Rückkehr in ihr Land auf Kosten der Palästinenser ab. Zudem verurteilte er den vor allem in den USA vorherrschenden «mythologisch-christlichen» Zugang, der die Identifikation mit Israel unterstützt. Gleichzeitig forderte er aber eine gerechte Lösung des israelisch-arabischen Konflikts als einen essenziellen Schritt, der auch zu einer Modifikation in der muslimischen Gedankenwelt führen würde. Die Beibehaltung der gegenwärtigen Situation würde laut Abu Zayd den Hass gegen den Islam im Westen und die Rückweisung seiner Ideen stärken.   


Der Autor unterrichtet an der Fakultät für arabische und islamische Studien an der Tel Aviv Universität.