Für eine bessere Welt

von Nicole Dreyfus, July 9, 2009
Gutes zu tun ist für Arik Asherman die Basis des Judentums. In seiner Arbeit für die Organisation Rabbis for Human Rights gesteht er Israel das Recht auf Selbstverteidigung zu, beharrt aber darauf, dass dabei Menschenrechte respektiert werden müssen; deshalb setzt er sich für die Rechte der Palästinenser ein.
ARIK ASHERMAN «Für die einen sind wir ein rotes Tuch und für die anderen eine Art Robin Hood»

Er trägt einen Bart, aber keinen langen, ist in Jeans und Jackett gekleidet und spricht Hebräisch mit einem Akzent. Arik Asherman ist liberaler Rabbiner in Israel, arbeitet aber weder als Gemeinde- noch als Feldrabbiner. Seine tägliche Arbeit ist dennoch spirituell motiviert. Asherman ist für Rabbis for Human Rights (RHR) tätig, eine israelische Organisation, in der sich Rabbiner von links nach rechts und von liberal bis ultraorthodox für den Schutz der Menschenrechte einsetzen. «Wir sind keine politische Organisation, aber was wir tun, ist Politik», sagt Asherman entschieden.

Gleichheit und Respekt

RHR wurde 1988 gegründet und setzt sich für die Förderung des jüdischen Konzepts, dass alle Menschen als Abbild Gottes geschaffen wurden und einen Anspruch auf Gerechtigkeit, Gleichheit und Respekt haben, ein. Im Sinne dieser zentralen jüdischen Vorstellung engagiert sich RHR für den Schutz der Menschenrechte aller in Israel sowie in den unter israelischer Kontrolle stehenden Gebieten lebenden Menschen durch öffentliche Bildungsarbeit, Verfechtung von Rechten und direkte Dienstleistungsprojekte. So gehört es auch zu Arik Ashermans Aufgaben, jeden Herbst palästinensische Bauern durch tatkräftige Mitarbeit bei der Olivenernte zu unterstützen. «Für die einen sind wir ein rotes Tuch und für die anderen eine Art Robin Hood», weiss Ashermann, der sich bewusst ist, dass nicht jedermann in Israel die Arbeit von RHR goutiert. Und dennoch: Er glaubt an seine Arbeit, die, wie er findet, «nur in Israel und nicht in der Diaspora» stattfinden könne. RHR hat schon viele grosse und kleine Erfolge erreicht; sogar die japanische Niwano Peace Foundation wurde auf RHR aufmerksam und hat die Rabbiner 2006 mit dem Niwano-Friedenspreis ausgezeichnet.

Ganz nach «tikkun olam»

Was aber hat den im amerikanischen Pennsylvania aufgewachsenen Rabbiner bewegt, Palästinensern zu helfen? «Es ist die moralische Tradition des Judentums, Menschen zu helfen», erklärt der Mann, der ungefährt Mitte 40 ist. «Wir nennen das Prinzip, die Welt ein bisschen besser, ein wenig humaner zu gestalten, ‹tikkun olam›. Das ist die Essenz des Judentums und mein Lebensmotiv», sagt er. Er wolle dort leben, wo er am meisten zum «tikkun olam» beitragen könne, und das sei eben in Israel. Seit er acht Jahre alt war, wusste er, dass er eines Tages Rabbiner werden würde. Seither hat er einen langen Weg zurückgelegt: Er studierte an der Harvard-Universität und kam 1981 für zwei Jahre nach Israel, in das arabische Dorf Tamra im nördlichen Galiläa. Dort arbeitete er an einem Projekt zur Verständigung von Juden und Arabern. Das Studium zum Rabbiner absolvierte er in New York und Jerusalem. 1991 zog er mit seiner Frau, die ebenfalls Rabbinerin ist, nach Israel, leitete eine Reformgemeinde in Jerusalem und war Rabbiner im südlich gelegenen Kibbuz Yahel. Seit 1995 engagiert er sich für RHR, seit 1998 ist er Vorsitzender der Organisation. Nun ist der liberale Rabbiner auf einer Europareise, um auch hierzulande über RHR zu informieren. Sein jüngstes Projekt ist zudem eine Zusammenarbeit mit dem Zürcher Lehrhaus. Konkrete Pläne existieren hier allerdings noch nicht, aber man sei im Gespräch, um an öffentlichen Anlässen, in Zeitschriftenartikeln oder Bildungsmaterial die Menschenrechte, die von RHR angepriesen werden, zu konkretisieren – ganz im Sinne der biblisch-jüdischen Rechtsprechung.