Früher war alles anders

Von Lena Gorelik, August 31, 2009
Schwierige Integration und zelebriertes Multikulti. Man dachte, die «Gastarbeiter würden bald wieder gehen».

von Lena Gorelik

Früher war alles anders, selbstverständlich besser. Deutscher irgendwie. Früher, da kaufte man sein Gemüse in Tante Emmas Laden und nicht beim Türken um die Ecke; früher, da hiessen die Babys auf der Neugeborenenstation Horst oder Helga, nicht Amelie und Finn. Früher, da war Deutschland eben Deutschland.

Leider, leider reichten die Horsts und Helgas Deutschlands kurz nach der Gründung der Bundesrepublik nicht aus, um das Wirtschaftswunder vollends auszuschöpfen, und so lud man ein paar andere ein, ein paar Giovannis, ein paar Giorgios, ein paar Mohammeds, die Hilfe leisten sollten. Gastarbeiter, mit Betonung auf Gast. Sie sollten viel arbeiten und nur kurz bleiben, Hilfskräfte auf Besuch. Sie kamen in Scharen, sie arbeiteten fleissig, sie blieben ein wenig länger. Wagten es, ihre Familien nachziehen zu lassen, ihren Lebensmittelpunkt zu verlegen, ihre Kinder hierzulande zur Welt zu bringen. Ups, wann ist das denn passiert? Wollten wir das so? Ich glaube nicht.

Deutschland ist das Land von Heine und Hesse, Deutschland ist das Land der Pünktlichkeit und der sicheren Autos, Deutschland ist das Land der Verdrängung. Also tat man in Deutschland ein paar Jahrzehnte lang so, als hätte sich nichts getan, als würden die Gastarbeiter bald wieder gehen, dahin, wo sie hingehören, nach Hause. Deutschland ist schliesslich das Zuhause der Deutschen, sagt ja schon der Name. Ihr seid zu Gast, habt ihr das nicht verstanden? Später noch, als manche Tatsachen sich nicht mehr verdecken liessen, als es manchen zu undeutsch wurde und man nun nicht mehr von «Gastarbeitern», sondern von «Ausländern» sprach und diesen die Richtung «raus» zeigte, machten sich einige wenige auf, «Multikulti» zu verbreiten. Multikulti ist bunt, spannend, schön. Vor allem war Multikulti in Deutschland aber lange Zeit: Essen. Schaut Euch mal an, wie bunt und offen und multikulti wir sind, wir haben Pizza und Döner und Gyros, und auch Knoblauch im Tzatziki finden wir nicht schlimm. Das Zusammenleben der Kulturen wurde lange Zeit auf Strassenfeste reduziert, bei denen man, offen wie man eben ist, Multikulti-Essen mit deutschem Bier runterspülte und sich gut fühlte. Und so teilte sich Deutschland in vier Lager auf: In diejenigen, die die Gefahr des dreckigen Ausländers erkannten und vor diesem warnten, in diejenigen (eine in etwa gleich grosse Gruppe), die die Ersteren auf Strassenfesten und mithilfe von Deutschkursen für türkische Mütter mit Kopftuch bekämpften, drittens in die grosse Menge derer, die von nichts wussten und über nichts nachdachten, vielleicht, weil sie nicht wollten, vielleicht aber auch, weil es noch eine vierte Gruppe gab, nämlich die der Politiker, die steif und fest und ohne müde zu werden wiederholten: «Deutschland ist kein Einwanderungsland». Das war die deutsche Parole, allen Statistiken und Tatsachen zum Trotz. Trotz steigender Ein-
wandererzahlen, trotz türkischer, in Deutschland herausgegebener Tageszeitungen, trotz italienisch-deutscher Kindern mittlerweile in dritter Generation. Jahrzehnte-, nicht nur jahrelang. Dazwischen noch eine kleine «Kinder statt Inder»-Kampagne und eine gegen den Doppelpass.

Das Einwanderungsland

Vor kurzem wachten wir auf. Und stellten überrascht und erstaunt fest: Wir sind ja schon lange ein Einwanderungsland. Und: Die Integration oder die Integrationsdebatte oder die Zuwanderungsregelung oder was auch immer gerade auf dem Öffentlichkeits- und Medienprogramm steht, das haben wir verpasst. Ups.
Dazwischen ein paar Zahlen. Jeder fünfte Bürger Deutschlands hat einen Migrationshintergrund, neuerdings jedes zweite neugeborene Kind. Bei einer der zwei grössten deutschen Tageszeitungen arbeitet jedoch nur einer mit «ausländischen Wurzeln».

Heute, 2009, 20 Jahre nach der Wiedervereinigung, 60 Jahre nach der Gründung der Bundesrepublik, sind wir ein ganzes Stück weiter. Wir wissen jetzt, dass wir ein Einwanderungsland sind. Während die Zahlen für sich sprechen und ein reindeutsches Deutschland im Alltag kaum vorzustellen ist, sprechen wir immerhin in der Öffentlichkeit darüber, wie ein buntes Deutschland aussehen könnte oder wird. Während in den anderen westlichen Ländern von Diversity-Konzepten die Rede ist, sind wir immerhin schon bei dem Begriff «Integration» angelangt. In Deutschland geht man eben mit der Zeit.

Mit all den Italienern, Griechen, Türken, Polen und Indern kamen auch ein paar Juden aus der ehemaligen Sowjetunion. Auch das passierte mehr unbeabsichtigt als geplant. Plötzlich waren sie eben da, flohen vor der sich zersplitternden Sowjetunion, erst in die DDR, später in die Bundesrepublik, irgendwas musste da passieren. Ein schwieriges Problem, denn Deutschland war damals, Anfang der Neunziger, eben noch kein Einwanderungsland. Was macht man denn da, es handelt sich doch hierbei um Juden, echte, lebende Juden, und denen gegenüber hat Deutschland aufgrund der dunklen Geschichte, derer wir jeden 9. November gedenken, eine besondere Verpflichtung. Da erinnerte man sich an ein ähnliches, wenn zahlenmässig kleineres Problem, das in den Siebzigern aus dem Nichts beziehungsweise der sich globalisierenden Welt aufgetaucht war: Die Boatpeople aus Vietnam, die man «Kontingentflüchtlinge» nannte und netterweise aufnahm. Gesagt, getan. Jüdische Kontingentflüchtlinge aus dem Osten, erst einmal etwa 100 000, kommen in die frisch strahlende Bundesrepublik, das neue Deutschland, freiwillig! Die Einsteins und Heines sind wieder da, die jüdische Kultur der zwanziger Jahre erblüht wieder, freute man sich in den Politikerreden, den Medien, der intellektuellen Öffentlichkeit.
Ähnlich wie bei den Gastarbeitern war es nach der abgeschlossenen offiziellen Regelung mit dem Denken vorbei. Das Gesetz steht auf dem Papier, aber es kamen Menschen. Menschen mit Problemen, Erwartungen, Familien, Vergangenheiten, Meinungen, und Einsteins waren leider kaum dabei. Mitte der Neunziger stellte man das wieder einmal erstaunt fest und wusste damit nicht umzugehen. Ein paar Medien titelten, die Konflikte in den jüdischen Gemeinden übernehmend, «wir haben Juden erwartet, aber es sind Russen gekommen». Sogar von der russischen Mafia war die Rede. Politische Reaktionen liessen allerdings auf sich warten, denn Deutschland war nach wie vor kein Einwanderungsland und konnte sich demnach nicht mit Zuwanderungsproblematiken auseinandersetzen. Dazu noch mit jüdischen. Nicht nach dem, was war.

Schönes buntes Deutschland

Und nun? Nun flammt in kleinen, vorsichtigen Schritten hier und da eine Integrationsdebatte auf, die längst fällig war. Manches wird deutlicher ausgesprochen, als es noch vor drei Jahren denkbar gewesen wäre. Was die Kontingentflüchtlinge angeht, hält man sich aber lieber noch zurück. Drei Jahre noch, vier, bis wir so weit sind? Wartet man darauf, dass sich die deutsch-jüdische Beziehung normalisiert hat, um über Problematisches sprechen zu können? Die deutsch-jüdische Beziehung kann aufgrund der Zuwandererzahlen von Kontingentflüchtlingen und der Verhältnisse in den jüdischen Gemeinden hierzulande schon lange keine deutsch-jüdische mehr sein, sie muss den russisch-ukrainisch-georgischen-ehemals-sowjetischen Hintergrund der Mehrheit der hier lebenden Juden mit einbeziehen.Vielleicht wären ja all diese Diskussionen gar nicht so schwer, wenn man mit denjenigen diskutieren würde, um die es geht, und nicht über deren Köpfe hinweg. Vielleicht wären die Probleme ja gar nicht so problematisch, wenn man mehr Menschen sehen würde und weniger Zahlen. Vielleicht wäre es ja an der Zeit, nicht dem Früher nachzutrauern oder das Jetzt beschreiben zu wollen, sondern die Zukunft zu leben. In einem Deutschland, das schon lange bunt ist und 
deshalb so schön.     


Lena Gorelik ist Journalistin und Schriftstellerin. Sie kam 1992 mit ihrer Familie von Russland nach Deutschland.