Früchte einer grossen Leidenschaft
Hinter der Sammlung Rosenthal-Levy, die 1994 vom deutsch-englischen Antiquar Albi Rosenthal und seiner Frau Maud Rosenthal-Levy an die Stiftung Nietzsche-Haus in Sils Maria geschenkt wurde, stehen zwei aussergewöhnliche jüdische Familiengeschichten. Maud Rosenthal-Levy wurde ihre Begeisterung für Nietzsche gleichsam in die Wiege gelegt. Sie war die Tochter des deutschen Arztes, Schriftstellers und Nietzsche-Forschers Oscar Levy, der das Gedankengut des Philosophen nach Grossbritannien brachte: Von 1909 bis 1913 erschien eine von ihm finanzierte 18-bändige englische Nietzsche-Werkausgabe. Die 1909 geborenene Maud stand ihrem Vater zeitlebens sehr nahe und teilte sein leidenschaftliches Interesse für Nietzsche.
Eine einzigartige Sammlung
Ihr Ehemann Albi Rosenthal war ein Grossneffe des Antiquars und Buchhändlers Ludwig Rosenthal. Dessen Münchner Firma L. Rosenthals Antiquariat erwarb sich ab 1867 in der Fachwelt Meriten – nicht nur für Bücher, sondern auch für Inkunabeln, Drucke, Autographen und Einzelblätter. Mit der Machtergreifung der Nazis begann Entrechtung, Verfolgung und Enteignung. Albi Rosenthal gelang 1933 die Emigration nach England. Das von ihm in Oxford aufgebaute Antiquariat genoss bald einen exzellenten Ruf; Rosenthal selbst war ein gefragter Experte für Musikautographen. So war er unter anderem wesentlich am Aufbau der Paul-Sacher-Stiftung in Basel beteiligt. Über seine Frau und den von ihm hoch geschätzten Schwiegervater wurde Nietzsche auch in Albi Rosenthals Leben eine wichtige Figur.
Im Verlauf ihres gemeinsamen Lebens trugen Maud Rosenthal-Levy und Albi Rosenthal eine einzigartige Sammlung zusammen, die in Basel in der Ausstellung «Friedrich Nietzsche – Sammlung Rosenthal-Levy. Handschriften, Erstausgaben und Widmungsexemplare der Sammlung Rosenthal-Levy aus Sils Maria» erstmals ausserhalb von Sils-Maria zu sehen ist. Die Universitätsbibliothek Basel ist selbst im Besitz einer reichen Sammlung von Nietzsche Handschriften. Als 24-Jähriger trat Friedrich Nietzsche in Basel 1869 eine Professur für Klassische Philologie an; zehn Jahre später zwang ihn sein desolater Gesundheitszustand zu einer frühzeitigen Pensio-nierung. Die Stadt wurde durch zahlreiche Nachlässe, unter anderem des lebenslangen Freundes aus Basler Zeiten Franz Overbeck, zu einem Zentrum der Nietzsche-Forschung.
Themenabend und Katalog
Wer mehr über die Sammlung Rosenthal-Levy erfahren möchte, hat dazu am 11. Mai bei einem Themenabend Gelegenheit. Neben einer Einführung in die Ausstellung wird eine Auswahl an Schriftstücken Nietzsches aus den Beständen der Universitätsbibliothek Basel vorgestellt. Und wer die Ausstellung verpasst, kann in «Friedrich Nietzsche. Handschriften, Erstausgaben und Widmungsexemplare. Die Sammlung Rosenthal-Levy im Nietzsche-Haus in Sils Maria» (Schwabe Verlag, Basel 2009) in aller Ruhe den Reichtum der Sammlung bewundern.
Bis 28. Mai, Universitätsbibliothek, Schönbeinstrasse 18–20, Basel. www.ub.unibas.ch