Frieden jetzt!

April 18, 2008
Ari Shavit zur Lage in Israel

Der Slogan war sinnlos: Friede ist besser als Gross-Israel. – Natürlich ist Friede besser als Gross-Israel, doch nicht einmal 1978, als die «Frieden jetzt»-Bewegung ihre erste Kundgebung durchführte, waren dies echte Alternativen. Heute, da die Bewegung ihren 30. Geburtstag feiert, ist das noch viel weniger der Fall.

Das visionäre Element von «Frieden jetzt» war und bleibt eine Illusion. Es war eine messianische Illusion, eine Selbsttäuschung. Neben den illusorischen Slogans enthielt die Bewegung aber auch ein ganz reales Element: Man verstand, dass die Besatzung verdirbt, dass die Siedlungen eine Katastrophe sind, und dass alles unternommen werden muss, um das Land in zwei Nationen und Staaten zu teilen.

Die Bewegung entstand Ende der siebziger Jahre, weil eine neue Generation von Israeli begriff, dass angesichts der Rechtsextremen und der Siedler eine andere Art des Zionismus gefragt war. Ein gebildeter, rationaler, aufgeklärter und moralischer Zionismus als zeitgenössische Reaktion auf die grundlegenden Erkenntnisse der Gründerväter.

Der Gruppen-Aspekt darf dabei nicht ignoriert werden. «Frieden jetzt» entstand nicht, als die Regierung der Arbeitspartei 1973 den Weg in den Krieg wies, und auch nicht als sie 1975 Siedlungen baute. Die Bewegung wurde gegründet, als Menachem Begin 1978 Frieden schloss. Von Anfang an war die israelische Friedensbewegung nicht nur eine politische Plattform, sondern auch Ausdruck eines neuen Selbstverständnisses. Dieses besagte: Man mag uns den Staat weggenommen haben, doch wir werden uns eine neue Identität als Kritiker des Staates schaffen. Der andere mag am Ruder sein, doch wir werden auf die Plätze marschieren und ihm dort entgegentreten. Wir werden auf dem Platz Kerzen entzünden und flammende Reden halten. Wir werden den Platz zu einem Ort der Vereinigung und der Reinigung wandeln und zur letzten Festung einer zu Boden geworfenen Aristokratie.

Trotz allem war «Frieden jetzt» eine beeindruckende Bewegung. Die Menschen belächelten ihre Naivität, doch sie war originell und einflussreich. Man machte sich lustig über ihre Vorsicht, doch diese war das Geheimnis ihrer Stärke. Die elitäre Haltung von «Frieden jetzt» wurde angegriffen, doch die Bewegung war verantwortungsbewusst und diente der Sache. Man machte sich über ihr Gutmenschentum lustig, doch die Bewegung bestand effektiv aus guten Menschen.

Trotz aller Schwächen war «Frieden jetzt» eine beeindruckende bürgerrechtliche Bewegung, die um das israelische Bewusstsein kämpfte und dieses tatsächlich zu ändern vermochte. Sie ebnete den Weg für Israels Ernüchterung angesichts der Besatzung, für den Willen zur Versöhnung und zur Unterstützung der Zweistaatenlösung.

Erfolg und Misserfolg waren untrennbar miteinander verbunden. «Frieden jetzt» gewann den Kampf um das Bewusstsein, doch verlor die Bewegung das Ringen auf den Hügeln. Sie veranlasste Israels Zentrum, klar linkslastige Positionen zu vertreten, konnte aber die Siedlungen nicht rechtzeitig stoppen. Sie schuf eine Situation, in der die Kluft zwischen Israels Absicht, das Land zu teilen, und seiner Fähigkeit, dies auch zu tun, unerträglich wurde.

Und dann kam das grosse Scheitern. Die Bewegung machte nie einen Unterschied zwischen der harten Wahrheit der Besatzung und der fragilen Wahrheit des Friedensversprechens. Sie verquickte den (gerechtfertigten) Widerstand der Palästinenser gegen die Besatzung mit dem (trügerischen) Glauben, dass die Palästinenser Verbündete seien.

In der Folge verknüpfte diese zionistische Friedensbewegung eine moralisch-historische Position, die nicht anzufechten war, mit einem politischen Plan, der sich nicht verteidigen liess. Sie erlag dem Charme der PLO und dem Irrglauben von Oslo, bis sie schliesslich zu Yasser Arafats Geisel wurde. Als dann in Camp David die harsche Wirklichkeit zum Vorschein kam, fehlte «Frieden jetzt» der Mut, sich damit auseinanderzusetzen und die eigene Position zu überdenken. Man trat nicht vor die Öffentlichkeit und erklärte, wo man recht hatte und wo nicht und wie man die Friedensbotschaft aktualisieren könnte. Wegen dieses Fehlers begann die moralische Position von «Frieden jetzt» zu bröckeln, die Bewegung verlor ihre politische Ausstrahlungskraft, bis sie allmählich einfach verschwand.

An ihrem Geburtstag stellte die Bewegung ein weisses Zelt auf dem Tel Aviver Rabin-Platz auf, doch dieses Mal strömten keine Hunderttausende auf den Platz, auch keine Zehntausende – nicht einmal 1000. Es erschien eine Handvoll anständiger, engagierter Israeli, Leute, die während einer Generation alles in ihrer Macht stehende unternommen hatten, um ihre Nation vor der eigenen Dummheit zu bewahren. Es waren anonyme Patrioten, ihre Gesichter von Falten durchzogen, umrahmt von Haaren, die weiss geworden sind in all den Jahren, in denen sie mit Plakaten und Kerzen auf die Hügel rannten und versuchten, dem Töten und der Ungerechtigkeit entgegenzuwirken, den Frieden näher zu bringen und den Krieg zu beenden.

Einige von der Wirklichkeit völlig losgelöste Äusserungen waren denn auch auf der Bühne zu hören, doch bei aller Lustlosigkeit, mit der man den 30. Geburtstag beging, wurde doch klar, dass «Frieden jetzt» seinen gesunden Menschenverstand und seine Lebenskraft bewahrt hatte. Genauso deutlich wurde aber auch, dass die Bewegung einen Weg braucht, wenn sie eine Zukunft haben soll. Keine weiteren Enttäuschungen im Stil von Annapolis, kein weiteres Zusammengehen mit Vogelscheuchen vom Schlage eines Mohammed Dahlan, sondern einen langfristigen, umfassenden Plan zur Beendigung der Besatzung. Einen Plan, der gewährleistet, dass die Israeli auch ohne Frieden und Gross-Israel überleben werden.