Freund der Nazis und begnadeter Autor

Cnaan Lipshitz, June 25, 2009
Anlässlich seines 150. Geburtstags finden in Norwegen zahlreiche Anlässe in Erinnerung an den Schriftsteller und Nazisympathisanten Knut Hamsun statt. Kritiker meinen, das Land untergrabe damit die Bemühungen der internationalen Taskforce zur Aufklärung über den Holocaust, dessen Vorsitz Norwegen innehat.

Während die Feierlichkeiten zum 150. Geburtstag des Schriftstellers und Literaturnobelpreisträgers Knut Hamsun im Gange waren, hat Norwegen im vergangenen März den Vorsitz der von 26 Nationen gebildeten Taskforce für internationale Zusammenarbeit in der Holocaust-Erziehung übernommen. Nach dem Zweiten Weltkrieg war der bis dahin populäre Hamsun wegen seiner Unterstützung der deutschen Besetzung Norwegens in Acht und Bann gelegt worden. Dieses Jahr aber hat die Osloer Regierung das Andenken an den Schriftsteller mit Feierlichkeiten hochleben lassen, eine Gedenkmünze geprägt, und der Staat hat Millionen für den Bau eines Kulturzentrums in Hamsuns Geburtsort bereitgestellt. Das Zentrum soll im August eröffnet werden.

Auch heute noch sehr beliebt

Hamsun, der 1952 im Alter von 92 Jahren verarmt starb – der Staat hatte sein Vermögen konfisziert –, übergab einst seine Nobelpreis-Medaille dem deutschen Propagandaminister Joseph Goebbels als Geschenk. Die Werke des Autors, der auch mit Hitler zusammentraf, werden von Lesern in Norwegen und aller Welt auch noch heute viel gelesen.

Keine Regierung sollte Nazis oder Leute, die mit ihnen sympathisierten, ehren, meint Carole Nuriel von der Anti-Defamation League. Ephraim Zuroff, der Vorsitzende des israelischen Simon Wiesenthal Center, ist der Ansicht, dass die Erinnerungsfeiern für Hamsun «einen Schatten auf die Arbeit der Taskforce werfen; diese wird dadurch weniger wirkungsvoll und mehr symbolisch als konkret».

Sie hätte es lieber gesehen, wenn ihre Regierung Hamsun nicht geehrt hätte, sagt Anne Sender, Vorsitzende der jüdischen Gemeinde von Norwegen. Gleichzeitig lobt sie die Regierung aber dafür, dass sie die Anlässe nutzt, um «seine Nazivergangenheit zusammen mit seinem Talent zu beleuchten».

Kein Widerspruch

In den Gedenkanlässen sieht Frau Sender keinen Widerspruch zur Leitung der Taskforce durch Norwegen. «Die Anlässe können genutzt werden, um weniger gut informierten Menschen über Hamsuns Sympathien für die Nazis aufzuklären.» Ähnlich äussert sich Michael Melchior, der ehemalige norwegische Oberrabbiner. Die Legitimität der Anlässe zum Gedenken an Hamsun hängt seiner Meinung nach davon ab, wie ausführlich die Nazivergangenheit des Schriftstellers thematisiert wird. Wenn dies korrekt und präzise geschehe, stünde dies nicht im Widerspruch zur Leitung der Taskforce durch Norwegen, so Melchior. «Wenn er aber zum Helden gemacht wird, wäre dies zu verurteilen, und zwar ungeachtet der Taskforce.» Erez Uriely, Direktor des Osloer Zentrums gegen Antisemitismus, stimmt zu: «Wir sollten uns an das Genie Knut Hamsuns erinnern, sowohl als einen der wichtigsten zeitgenössischen Autoren als auch als Freund der Nazis.»

Für den Antisemitismusexperten Manfred Gerstenfeld, Vorsitzender des Jerusalem Center for Public Affairs, ist die Angelegenheit grundlegender und betrifft nicht nur Affäre Hamsun. «Die skandalöse, staatlich finanzierte Ehrung Hamsuns ist nur die Spitze des Eisbergs; Norwegen hätte ohnehin nie den Vorsitz dieser Taskforce erhalten dürfen.»