Freiheit und Pluralismus

Von Katja Behling, December 16, 2009
Isaiah Berlin, der in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden wäre, war einer der grossen Gelehrten des 20. Jahrhunderts. Der Ideenhistoriker gilt als einer der bedeutendsten Denker des Liberalismus. Sein Konzept von Freiheit stösst derzeit, 20 Jahre nach dem Mauerfall, auf besonderes Interesse.
ISAIAH BERLIN «Der erste und letzte Liberale»

Als Exilant erklärte und verklärte Isaiah Berlin, der Salonlöwe unter den grossen Philosophen, die englische Lebensart zum Inbegriff zivilisierten Miteinanders, behauptet sein Biograf Michael Ignatieff. Berlin gab sich als ein gut gekleideter Sokrates, ein eleganter Herr, der sich in einen Oxforder oder Londoner Club verirrt hatte und der doch nicht nur urbane Kultur, Gesellschaft, Gespräche, das Schöne liebte, sondern auch die weite und unberührte Natur. Er hinterliess ein vielfältiges Werk. Neben umfassenden Abhandlungen zum russischen literarischen und Geistesleben war er vor allem als politischer Theoretiker bekannt. Dass das Leben dieses jüdischen Europäers so ungemein farbig und fesselnd gewesen war und einer rein kopflastigen Gelehrtenexistenz zuwiderlief, hat Berlin in gewissen grauen Kreisen oft verdächtig gemacht – und zugleich den Kultstatus befördert, den der britische Intellektuelle heute geniesst.

Isaiah Berlin wurde 1909 als einziges Kind wohlhabender jüdischer Eltern in Riga geboren und zog mit seiner Familie 1915 nach Russland – eine gesellschaftliche Heimat in den Kreisen der gebildeten, Russisch und Deutsch sprechenden Oberschicht schien ihm sicher. Doch die Folgen der Revolutionsbewegung von 1917 und der zunehmende Antisemitismus bewogen die Familie nach England auszuwandern. Berlin lernte Englisch binnen Jahresfrist, reüssierte in der Schule und ging anschliessend nach Oxford, wo er Geschichte und Philosophie, Politik und Wirtschaft studierte. Bereits 1932 wurde dem brillanten Wissenschaftler eine
Prize Fellowship am All Souls College zugesprochen – Isaiah Berlin war der erste Jude, dem diese hohe Auszeichnung dort zuteil wurde. Er war von 1957 bis 1967 Professor für Sozialphilosophie und Politische Theorie in Oxford, von 1974 bis 1978 Präsident der Britischen Akademie der Wissenschaften.

Negative und positive Freiheit

In den frühen vierziger Jahren war Isaiah Berlin in New York und Washington tätig, wo er dem British Information Service amerikanische Denkweisen nahezubringen hatte. Nach Ende des Krieges arbeitete er als Übersetzer für die britische Botschaft. Eine Wende brachte für Isaiah Berlin das Jahr 1946, in dem er in Leningrad auf die Dichterin Anna Achmatova traf. Eine Begegnung, die für Achmatova herbe Konsequenzen hatte, da sie Stalins Wut auf die unbeugsame, gegen die Tyrannei kämpfende Dichterin schürte – und eine Begegnung, die des Philosophen zentrale Thesen von Freiheit und Wertepluralismus entscheidend mitprägte. Besonders populär sind heute Isaiah Berlins aus dem Gedankengut der deutschen Aufklärung und ihren Folgen resultierende Freiheits-Thesen. Auch nach nun über 50 Jahren beeindrucken seine Überlegungen «Two Concepts of Liberty». Sie werden derzeit im Zusammenhang mit der aktuellen Krise der sozialdemokratischen Parteien oft zitiert: Nicht nur in Deutschland, sondern in weiten Teilen Europas haben die Sozialdemokraten herbe Verluste zu verkraften. Davon profitieren, wie etwa das deutsche Bundestagswahlergebnis Ende September zeigte, die liberalen Parteien. Welch hohes Gut die Freiheit ist, wird gerade in diesem Herbst der Jubiläumsfeierlichkeiten anlässlich des Mauerfalls 1989 besonders deutlich. Da dürfte es weder Zufall sein, dass sich in diesem Herbst China als Gastland bei der Frankfurter Buchmesse präsentieren kann, noch dürfte es Zufall sein, dass die Rumäniendeutsche Herta Müller, die ihre Erfahrung mit dem totalitären Regime Nicolae Ceausescus zum Gegenstand ihres Schreibens gemacht hat, mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wird: Sie alle kreisen um das Thema Freiheit und Beschneidung von Freiheit.

Welche Konzepte von Freiheit postulierte nun Isaiah Berlin? «Positive Freiheit», so Berlin, sei verknüpft mit Selbstbestimmung, Selbstbeherrschung und Wahlmöglichkeiten. «Negative Freiheit» dagegen bedeute die Befreiung beziehungsweise Abwesenheit von Zwängen. In der negativen Freiheit sah der Philosoph die wahre Möglichkeit zur pluralistischen Entfaltung von Werten und von Individualität. Die positive Freiheit aber, die das seit der Antike als zivilisationsfördernd geschätzte Gut der Selbstbeherrschung sowie das Prinzip der Selbstdisziplinierung auf den Einzelnen zurückwirft, könne politisch-programmatisch zugerichtet und missbraucht werden: Die machtvoll unterdrückende Instanz wird dann von der tyrannischen (staatlichen) Instanz ein Stück weit auf das sich selbst regulierende – sich unterwerfende und unterordnende – Individuum verlagert. Gleichwohl haben Kritiker Isaiah Berlins Erbe erheblich zurechtgestutzt: Gerade aufgrund seiner Stärke als Humanist, als Geistesgeschichtler habe es Berlin an politischem Verständnis für das Zeitalter der Extreme gefehlt. Er habe dem Totalitarismus des 20. Jahrhunderts keinen zentralen Platz in seinem Werk eingeräumt, wenig Erhellendes über den Holocaust zu sagen gewusst, den Opfern des Gulag und vor allem des Nationalsozialismus nicht genügend Mitgefühl entgegengebracht und sich kaum für die grossen Leiden des Volkes interessiert. Zwar habe er die Gefahren, die von einer Staatsmacht ausgehen können, erkannt und analysiert, seine Untersuchungen zu den geistigen «Wegbereitern» von Stalinismus und Faschismus seien jedoch dem allzu vereinfachenden Trugschluss erlegen, dass die Ideologien im 20. Jahrhundert tatsächlich der Ausdruck oder zumindest die Perversion von Ideen waren. Kurz: Vielen Kritikern war Isaiah Berlin zu unpolitisch, und bis heute sorgen seine Positionen und deren Widersprüche für lebhafte akademische Auseinandersetzungen.

Der erste und letzte Liberale

Isaiah Berlin hat sich von politischen Lagern nicht korrumpieren lassen. Er verstand sich als der erste und letzte Liberale. Zeit seines Lebens ging es ihm darum, welche konkreten historischen und individuellen Hintergründe sich hinter den in die Welt hinausgeschickten Ideen verbergen. Für Isaiah Berlin war sein Metier die Erforschung dessen, was sich empirischer Kenntnis entzieht. Philosophie verstand er als das in umschriebenen historischen Situationen herauskristallisierte Ergebnis menschlichen Denkens. Seine Schriften sind – auch dafür ist Berlin berühmt – vergleichsweise verständlich und leicht lesbar formuliert. Kritiker setzten diese Klarheit des Gedankens mit Schlichtheit des Denkens gleich. Dass ihm das Bemühen um stilistische Verständlichkeit die Kritik eintrug, ein intellektuelles Leichtgewicht zu sein, focht ihn nach aussen wenig an. Doch die kokette Selbstironie, die Berlin oft an den Tag legte, mag zeigen, dass ihm die innere Distanzierung nicht immer gelang.

Seit den späten achtziger und neunziger Jahren konzentriert sich das Interesse an Isaiah Berlin auf dessen Konzept des Wertepluralismus im Verhältnis zum Liberalismus. Isaiah Berlins wichtigste Aufsätze sind oft weitgreifende Abhandlungen über in der Ära der Aufklärung und der Romantik verankerte Denkbewegungen. Berlin zufolge setzten die Romantiker eine beispiellose Umwälzung unseres Denkens und Handelns in Gang, indem sie der herkömmlichen Auffassung von objektiver Wahrheit – der Annahme, dass es eine Wahrheit gibt – einen Wertepluralismus gegenüberstellten. Er war der Ansicht, dass die Fähigkeit des Menschen, sich zu entscheiden und in dieser widerstreitenden Wertevielfalt zu positionieren, nicht nur identitätsbildend sei, sondern auch des Einzelnen eigentliche Würde als moralisch handelnder Mensch begründe. Ihm ging es um die dem Pluralismus innewohnende Möglichkeit, frei wählen und sich als Individuum verwirklichen zu können, nicht um das – extrem linke oder extrem konservative – Ideal einer werteharmonischen Gleichheitsgesellschaft. Für Isaiah Berlin, der als russischer Jude seine geistige Sozialisation weitgehend in der britischen Gesellschaft erfuhr, mag Wertepluralismus die geradezu unvermeidliche menschliche Existenzform gewesen sein. Eine Besonderheit seiner Schriften besteht darin, dass sie auf die eine oder andere Weise in seinem eigenen Erleben wurzeln. Die revolutionären Verwerfungen, die er erlebte, begründeten seinen tiefen Skeptizismus gegen Gewalt und dogmatischen Idealismus. Insofern beschwor der Philosoph nicht nur die Kultur und auch geistige Vielfalt Europas, er verkörperte sie selbst, gab sich als deren unbeugsamer intellektueller Anwalt und Repräsentant. Berlin argumentierte als europäischer Geist, in Kenntnis der Errungenschaften europäischer Kultur und ihrer Schwierigkeiten und Widersprüche. Als Gegner jeglicher Gesinnungsdiktatur – als Verfechter liberalen Denkens.