Freiheit und Biberpelze

June 4, 2009
Als New York noch Nieuw Amsterdam war, herrschte dort eine bemerkenswerte Freiheit. Aber der regierenden Niederländischen Westindien-Kompanie war das eher unbequem.
AUF DEN SPUREN DER GESCHICHTE IN MANHATTAN Erinnerungsstatue des letzten Generaldirektors der Kolonie Nieuw Nederland, Peter Stuyvesant

Die Windmühlen dürfen auf keiner der alten Karten und Stiche von Nieuw Amsterdam fehlen: Neben dem kleinen Fort Amsterdam erinnern Windräder an die Heimat der niederländischen Kolonisten und Kaufleute, die sich im Jahr 1625 an der Südspitze der Insel Manna-hata niederliessen. Neben der heimischen Technologie hatten die Neu-Amsterdamer auch ihre politische Kultur mitgebracht, aus der im Lauf der Jahrhunderte das amerikanische Freiheitsverständnis unserer Tage hervorgehen sollte. So wollte es zumindest die populäre Vorstellung in den USA. Die historische Forschung zeichnet inzwischen ein differenzierteres Bild: Wie der Beitrag über den Philosophen Baruch Spinoza in dieser Ausgabe zeigt, hatten Freidenker selbst im alten Amsterdam nicht unbedingt ein leichtes Leben. In Nieuw Amsterdam ging es zwar vor allem in den ersten Jahrzehnten sehr frei zu. Aber das war in erster Linie den Piraten, Huren und Schankwirten geschuldet, die sich an der Spitze Manhattans tummelten. Regiert wurde die Siedlung jedoch nicht von ihren zügellosen Bewohnern, sondern von der Niederländischen Westindien-Kompanie. Bis zu ihrer Eroberung durch die Briten im Jahr 1664 war Nieuw Amsterdam eine «Company Town», eine Mischung aus Handelsniederlassung und Goldgräberstadt, über die nach 1647 der einbeinige Peter Stuyvesant ein mitunter harsches Regiment führte. Der Generaldirektor war den 1654 erstmals urkundlich erwähnten Juden nicht sonderlich freundlich gesonnen. Aktiv unduldsam war Stuyvesant jedoch gegenüber den Quäkern. 
Im Gegensatz zu den britischen Kolonien in Neuengland entsprangen die zunächst von Rhode Island bis nach Delaware reichenden «Neuen Niederlande» nicht religiös-ideologischen Motiven, sondern rein geschäftlichen. Das hat in erster Linie mit den Bibern zu tun, die auf den alten Karten an den Rändern der Kolonie die Nagezähne fletschen. Ihr dichter Pelz fand im frühen 17. Jahrhundert nicht zuletzt in den sündhaft teuren Hüten europäischer Granden Verwendung. Die Biberpelze hatten Amsterdamer Handelsherren zur Investition in eine nordamerikanische Niederlassung bewegt, nachdem sich ihre Hoffnung zerschlagen hatte, über den heutigen Hudson River eine nördliche Passage zu den Gewürzinseln Südostasiens zu finden.

Biberpelze für die Heimat

Nordamerika war um 1600 schon lange keine Terra incognita mehr. Angelockt von Kabeljau und Pelzen hatten Fischer, Händler und Forscher aus Nordeuropa und der Iberischen Halbinsel viele Jahrzehnte lang Expeditionen in die Küstengewässer zwischen dem St.-Lorenz-Strom und Virginia unternommen. Nach 1600 gründeten Engländer und Franzosen erste Siedlungen von Jamestown bis Quebec. Der englische Kapitän und Forscher Henry Hudson hatte im Sold der Londoner Muscovy Company zwei erfolglose Fahrten in das Eismeer unternommen, um einen Seeweg nach Asien zu finden. Er wurde 1608 sofort nach seiner Entlassung von der Niederländischen Ostindien-Kompanie angeworben, um seine Suche für sie fortzusetzen. Dieses Jahr jährt sich seine Reise an die New Yorker Küste zum 400. Mal, die ihn bis nach Albany am Oberlauf des Hudson River führte. Dort musste Hudson einsehen, dass China und die Molukken auf diesem Wege nicht zu erreichen waren. Aber seine Auftraggeber waren dennoch über die Biberpelze hoch erfreut, die der Kapitän auf seinem Schiff «Haelve Maen» (Halbmond) mit zurück nach Amsterdam brachte. Die einige Jahre später für den Amerika-Handel geschaffene Westindien-Kompanie entschloss sich zur Gründung von Niederlassungen, um vor allem den Briten zuvorzukommen, die ebenfalls stark am Pelzhandel mit den Indianern interessiert waren. Freibeuter im Sold der Westindien-Kompanie machten gelegentlich Jagd auf die spanische Silberflotte aus Peru und Mexiko.
Waren die ersten Jahre von Nieuw Amsterdam von langsamem Wachstum und Rückschlägen gezeichnet, so nahm die Bevölkerung in der Hauptstadt der Neuen Niederlande nach 1640 zu. Dabei kam bestenfalls die Hälfte der um 1650 etwa 1000 Bewohner aus den «Vereinigten Provinzen» an der Nordsee: Neben Nordeuropäern, Spaniern und Portugiesen erwähnen die in der Staatsbibliothek in Albany lagernden Dokumente aus dieser Epoche auch Schwarze und die bereits erwähnten Juden. Dies reflektiert die Entwicklung in den Niederlanden und zumal in Amsterdam selbst, wo Flüchtlinge der in Europa tobenden Religionskriege Unterschlupf fanden. Nachdem rund um Nieuw Amsterdam weitere Siedlungen entstanden waren, mehrten sich die Rufe der Bewohner nach Emanzipation von der Westindien-Kompanie. Ein Wortführer war der junge Siedler Adriaen van der Donck, der nicht nur der erste Anwalt in der Kolonie wurde, sondern ihrer natürlichen Schönheit und ihren eingeborenen Bewohnern mehrere Bücher widmete. Van der Donck war «Schout» auf dem Gut des mächtigen Grundherren Killiaen van Rensselaer,
eine Kombination von Polizist und Staatsanwalt. Diese im angelsächsischen
Recht unbekannte holländische Funktion bildete den Vorläufer der heutigen US-Staatsanwaltschaften.

Vorläufer der Verfassung

Eher an der Wohlfahrt der Siedler und der Indianer als am Profit seines Gutsherren interessiert, wurde Van der Donck 1644 entlassen und ging nach Nieuw Amsterdam. Dort hatte sich mit dem «Rat der zwölf Männer» bereits eine Bürgervertretung gebildet, die zunehmend in Konflikte mit dem damaligen Generaldirektor Willem Kieft geriet. Nach dessen Ersetzung durch Stuyvesant setzten Van der Donck und seine Gesinnungsgenossen ihren Kampf um rechtliche und religiöse Freiheiten fort. Die Kolonisten wollten das Joch der Westindien-Kompanie abschütteln und ihr Gemeindewesen unter direkte Aufsicht der Vereinigten Niederlande stellen. Van der Donck sammelte dafür eine umfängliche Beschwerdenliste der Kolonisten und betrieb eine sehr modern anmutende PR-Kampagne im Mutterland. Diese führte am 2. Februar 1653 zur Verleihung des Stadtrechtes an Nieuw Amsterdam. Allerdings hatte Stuyvesant weiterhin die Macht, Ratsmitglieder und Bürgermeister zu ernennen, die von nun am im Rathaus zusammentraten, einer ehemaligen Taverne am Hafen. Die Bewohner mussten sich zudem um das Bürgerrecht bewerben, ehe sie in den Genuss der neuen Freiheiten kamen, zu denen das Recht auf Anhörung vor Gericht und freie Religionsausübung gehörten. Die Historiker sind sich weitgehend darüber einig, dass die neue Charta massgeblich zum wirtschaftlichen Aufschwung der Stadt beigetragen hat: Die Kombination bürgerlicher Freiheiten und zügelloser Profitgier wurde damals zur dauerhaften Erfolgsformel New Yorks – inklusive Crashs und Krisen.Die Konflikte mit Stuyvesant waren damit nicht bereinigt. Aber die Bürger konnten sich nun auf verbriefte Rechte berufen und waren nicht willens, diese aufzugeben. Nachdem Stuyvesant 1657 die Ausübung aller Religionen ausser der niederländisch-reformierten untersagt und die Verfolgung der Quäker intensiviert hatte, reagierten Bürger des Ortes Flushing im heutigen Stadtteil Queens mit einer Protesterklärung, die als Vorläufer der amerikanischen Verfassung gilt. Darin wird den weltlichen Autoritäten das Recht abgesprochen, sich in Glaubensangelegenheiten einzumischen. Ob sie nun Presbyterianer, Unabhängige, Baptisten oder Quäker seien – oder Juden, Türken und Ägypter: Gott liebe alle seine Kinder und keines Menschen Hand dürfe sich gegen sie erheben, wenn Liebe und Frieden ihre Motive seien. Die Rechte und Freiheiten der Neu-Niederländer wurden 1665 von den Engländern akzeptiert und gingen später in die amerikanische Verfassung ein. Doch ein kurzer Blick auf die Geschichte Nieuw Amsterdams zeigt, dass Freiheiten nie Geschenke waren, sondern hart erkämpft werden mussten. Auch diese Lehre aus der Geschichte der Neuen Niederlande ist bis heute gültig.     ●

Andreas Mink ist Redaktor bei der JM Jüdischen Medien AG und lebt in den USA.

Literatur: Russell Shorto: «The Island at the Center of the World, The Epic Story of Dutch Manhattan and the Forgotten Colony that Shaped America.» New York, Doubleday, 2004
The New Netherland Project im Internet: www.nnp.org